23. September 2019 - 5:09 / Ausstellung / Geschichte 
27. September 2019 16. Februar 2020

Ab den 1960er-Jahren – lange bevor die Erinnerung an NS-Verbrechen in Österreich eine kollektive Prägung erfuhr – entstanden Heimrad Bäckers Fotografien auf dem Areal der Konzentrationslager Mauthausen und Gusen. Es handelt sich dabei um eine umfangreiche fotografische Dokumentation des zunächst verlassenen, später anders genutzten Areals: die Bestandsaufnahme eines Ortes in über 14.000 Fotografien. Bäcker, dessen dichterisches und verlegerisches Werk zu den herausragenden Leistungen der österreichischen Literatur nach 1945 zählt, verstand Mauthausen und Gusen als Gedächtnisorte im Sinne des französischen Historikers Pierre Nora. Dieser hatte den Begriff „lieux de mémoire“ geprägt, um damit Orte zu bezeichnen, an denen sich das kollektive Gedächtnis kristallisiert. So wird Erinnerungskultur und historisch motivierte Identitätsstiftung ermöglicht. Dabei ging es Bäcker im Gegensatz zu Nora nicht vorrangig um nationale Anliegen, sondern um die Verantwortung für ein Wissen und dessen Aufarbeitung.

Seit 2015 befindet sich der fotografische Nachlass von Heimrad Bäcker als Schenkung seines Stiefsohns Michael Merighi im Mumok. Es handelt sich dabei um ein Konvolut, das mit über 14.000 Einzelobjekten Zeugnis von einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Ort und der ihm impliziten nationalsozialistischen Massenvernichtung ablegt. Im Rahmen der Ausstellung im Mumok wird nun eine Auswahl von etwa 140 Fotografien, Notizen, Textarbeiten und Fundstücken gezeigt. Auf den Fotografien sind brachliegende Anlagen zu sehen, die von Pflanzen überwuchert sind, oder aber bewusst einer anderen Verwendung zugeführt worden waren. Es sind oft ähnliche Motive, die graduelle Unterschiede in der Nachbearbeitung aufweisen und häufig seriell montiert sind.

Die Bilder und Texte geben einen Einblick in die Herangehensweise Bäckers und können parallel zu seinen Textarbeiten Nachschrift (1986) und Nachschrift 2 (1997) begriffen werden, die als „Erkenntnisarbeit zur Genese und Struktur des Holocaust“ (Thomas Eder) eine Aufklärung über Nationalsozialismus und Schoah anstrebt. Es handelt sich dabei um eine Zitatensammlung aus der Perspektive von Täter_innen, Opfern, Angeklagten und Kläger_innen, die mit den Mitteln von Text und Sprache ein Narrativ der Vernichtung erstellt. Ausschnitte aus Nachschrift sind in der Ausstellung in einem von Bäcker selbst gesprochenen Text zu hören. Bäcker hatte in Zusammenhang mit der Nachschrift von einer „möglichkeit zur konkretion“ gesprochen. Das ausschließlich vorgefundene Textmaterial weist eine gewisse Parallele zu seiner fotografischen Spurensuche auf und erschließt ebenfalls Fundstücke: Gegenstände, die er auf dem Areal gesammelt hatte, seien es kleine Nägel oder größere Holz- oder Betonfragmente.

Bäcker suchte nach einer Form der Narration, die auf überprüfbaren Dokumenten basiert. Er verzichtet auf „Einfälle und Phantastik“, wie er es nannte, um in seinen Texten und Fotografien die Orte Mauthausen und Gusen gegen das Vergessen in Stellung zu bringen.

Der Präsentation des Werks von Heimrad Bäcker werden im mumok zwei Arbeiten zeitgenössischer Künstler_innen zur Seite gestellt: In der Sound-Arbeit Ein mörderischer Lärm (2015) von Tatiana Lecomte berichtet der Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin, unterstützt vom professionellen Geräuschemacher Julien Baissat, vom unerträglichen Lärm in den Arbeitsstollen des Konzentrationslagers Gusen, verursacht durch die schweren Maschinen, die im Stollen zum Einsatz kamen.

Rainer Iglars Fotostrecke Mauthausen 1974 (1983), die er als zwölfjähriges Schulkind bei einer Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager angefertigt und als erwachsener Mann wiedergefunden hat, zeigt das Zusammentreffen der persönlichen Geschichte des Fotografen und der Geschichte des Ortes. „Der Ort der Handlung markiert, es ist kein unschuldiger Ort“ (Rainer Iglar).

Um den Gruppen an Bildern und Texten sowie den Soundarbeiten einen übergreifenden Rahmen zu geben und innerhalb des White Cube eine konzentrierte Situation zu schaffen, werden die Exponate in einer von Eva Chytilek und Jakob Neulinger eigens zu diesem Zweck entworfenen Rauminstallation präsentiert.

Heimrad Bäcker (geb. 1925 in Wien, † 2003 in Linz), war Herausgeber, Schriftsteller und Fotograf. Vom Erlös des Verkaufs seines literarischen Nachlasses an das Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek stiftete er gemeinsam mit seiner Frau Margret den Heimrad-Bäcker-Preis.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Mauthausen / Mauthausen Memorial.

¹ Zitiert nach Heimrad Bäcker, Nachschrift 2, Edition neue Texte, Graz: Literaturverlag Droschl 1997, herausgegeben von Friedrich Achleitner und Thomas Eder, S. 5. Bäcker zitiert dabei eine Eintragung eines unbekannten Verfassers vom 25. Juli 1944 aus einem Tagebuch aus dem Getto Lodz, nach: Unser einziger Weg ist Arbeit. Das Getto Lodz 1940–1944, Frankfurt /Wien: Löcker 1990, S. 268. Das mumok bewahrt im Nachlass eine Schrifttafel mit dem Satz, die auch in der Ausstellung zu sehen ist.

Heimrad Bäcker. Es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben¹.
27. September 2019 bis 16. Februar 2020
Kuratiert von Marie-Therese Hochwartner, Nora Linser und Susanne Neuburger

Mumok
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52500
E: info@mumok.at
W: http://www.mumok.at/

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  •  27. September 2019 16. Februar 2020 /
Jourhaus des KZ Gusen-Mauthausen (Zustand 1945-1993), 1975 / Gatehouse of Gusen concentration camp (state 1945 – 1993) s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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„Todesstiege“ zum Steinbruch Wiener Graben des KZ Mauthausen, 1970-75 / „Stairs of Death“ in the Wiener Graben quarry s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Ohne Titel, undatiert / No title, undated s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
Ohne Titel, undatiert / No title, undated s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
Große Halle, KZ Mauthausen, Wiener Graben / Great hall, Mauthausen concentration camp, Wiener Graben quarry s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Ohne Titel, undatiert / No title, undated s/w Fotografie / b/w photo Schürhaken mit Wandhalterung (?), Raumansicht, Krematorium, KZ Mauthausen / Fire fork with wall mountung (?), room view, crematorium, Mauthausen contentration camp Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Aschefriedhof des Konzentrationslagers Mauthausen, 1968 / Burial ground for ashes, Mauthausen concentration camp, 1968 s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
Aschefriedhof des Konzentrationslagers Mauthausen, 1968 / Burial ground for ashes, Mauthausen concentration camp, 1968 s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
Eisenreste im Fundament der Großen Halle, KZ Mauthausen, undatiert / Iron foundation parts of the great hall, Mauthausen concentration camp, undated s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Schienenteile, Großansicht, undatiert / Rail parts, large view, undated s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Schienen, Linz-St. Georgen, undated / Rails, Linz-St. Georgen, undated s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Steinbruch mit Gebäuderückseite, undatiert / Quarry with backside of a building, undated Farbfotografie / color photography Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Stollen Gusen Innenansicht, undatiert / Tunnel in Gusen, internal view, undated s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
Stollen Gusen Innenansicht, undatiert / Tunnel in Gusen, internal view, undated s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
Wehrmachtsmitglied umgeben von einer Gruppe Kindern, 1933-34 / Member of the Wehrmacht surrounded by a group of children, 1933-34 s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
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Leihhaus Steglitz, 1944 / Pawn shop in Steglitz, 1944 s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi
Leihhaus Steglitz, 1944 / Pawn shop in Steglitz, 1944 s/w Fotografie / b/w photo Photo © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation from Michael Merighi