22. März 2021 - 9:46 / Ausstellung / Geschichte / Fotografie 
12. November 2020 6. Juni 2021

Die Ausstellung des NS-Dokumentationszentrums München "Heimrad Bäcker. Es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben" widmet sich dem fotografischen Nachlass von Heimrad Bäcker.

Über 14.000 Fotografien, Negative, Fundstücke, Notizen und Textinstallationen befinden sich seit 2015 als Schenkung von Michael Merighi im Mumok in Wien. Für die Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München wurde eine kleine Auswahl zu thematischen Gruppen zusammengestellt.

Heimrad Bäcker (1925–2003) war Schriftsteller und Verleger und als ein wichtiger Vertreter der konkreten Poesie Impulsgeber der literarischen Avantgarde Österreichs nach 1945. Als 18-jähriger trat er der NSDAP bei, musste allerdings aufgrund einer Erkrankung keinen aktiven Wehrdienst leisten. Nach Kriegsende studierte er Philosophie, Soziologie und Völkerkunde.

Bäckers künstlerische Arbeit basiert auf der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und auf der kritischen Reflexion seiner Jugendjahre im NS-Regime. Er entwickelte ein Textverfahren, das als "Erkenntnisarbeit zur Genese und Struktur des Holocaust" und als Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verstehen ist. Für sein Projekt "Nachschrift", aus dem ein von ihm selbst gesprochener Ausschnitt in der Ausstellung zu hören ist, wie auch für die Textinstallation die übrigen verwendete Bäcker Zitate aus historischen Dokumenten. Für die übrigen griff Bäcker auf Textstellen aus dem Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von 1939 bis 1945 zurück, die er als Serie montierte. Ein ähnliches Verfahren wie bei dem gefundenen Textmaterial setzte Bäcker auch für seine fotografische Spurensuche ein, der er seit 1968 auf dem Gelände der ehemaligen Konzentrationslager von Mauthausen und Gusen in Oberösterreich nachging. Hier sammelte er zudem Fundstücke – Fragmente aus Metall, Holz oder Beton.

Seine Bilddokumente, die auf unzähligen Begehungen entstanden, zeigen die allmähliche Veränderung des Geländes, der Arbeitsstätten und Baracken wie auch der Gedenkstätte. Ganze Areale wurden dem Verfall preisgegeben oder einer anderen Verwendung zugeführt. Bäckers Werk wirft Fragen nach dem Erinnern, Bewahren und Verschwinden auf. Häufig gibt es mehrere Abzüge eines Motivs, mehrere Bearbeitungsstufen und Ausarbeitungsformen sowie unterschiedliche Präsentationsformen. Anders als in der "Nachschrift", für die Bäcker die Quellen präzise recherchiert und dokumentiert, haben seine Fotografien keine Zeit- oder Ortsangabe. Kurz vor seinem Tod begann er mit der Konzeption eines Fotobandes, dem er den Arbeitstitel "Landschaft M" gab. Das Projekt blieb unvollendet.

In Zusammenarbeit mit dem Mauthausen Memorial entstand eine interaktive Karte, auf der Besucher_innen einen Teil der ausgestellten Fotografien auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers und in seiner Umgebung verorten können.

Dem Werk von Heimrad Bäcker sind zwei Arbeiten zeitgenössischer Künstler_innen zur Seite gestellt: In der Filmarbeit "Ein mörderischer Lärm" (2015) von Tatiana Lecomte berichtet der Zeitzeuge Jean-Jacques Boijentin, unterstützt vom professionellen Geräuschemacher Julien Baissat, vom unerträglichen Lärm in den Arbeitsstollen des Konzentrationslagers Gusen. Rainer Iglars Fotostrecke "Mauthausen 1974" (1983), die er als 12-jähriges Schulkind bei einer Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager angefertigt hatte und als Erwachsener wiederfand, zeigt das Zusammentreffen der persönlichen Geschichte des Fotografen mit der Geschichte des Ortes. "Der Ort ist markiert, es ist kein unschuldiger Ort", so Iglar.

Begleitend zur Ausstellung wird die 30-minütige Dokumentation "Heimrad Bäcker" von Isabelle Lagemann gezeigt, die 2002 im Auftrag der Landesgalerie Oberösterreich entstand. Verschiedene Rundgangsformate, Podiumsdiskussionen und Gespräche ergänzen die Ausstellung zusätzlich.

Heimrad Bäcker
"Es kann sein, dass man uns nicht töten wird und uns erlauben wird, zu leben"
12. November 2020 bis 6. Juni 2021 (verlängert)

NS-Dokumentationszentrum München
Max-Mannheimer-Platz 1 (ehemals Brienner Straße 34)
D - 80333 München

W: https://www.ns-dokuzentrum-muenchen.de

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  •  12. November 2020 6. Juni 2021 /
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Seziertisch Mauthausen, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Seziertisch Mauthausen, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi
Heimrad Bäcker, Ohne Titel, undatiert © mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung von Michael Merighi