Heidi Harsieber – ein Leben mit der Fotografie

Heidi Harsieber ist eine der wichtigsten österreichischen Fotografinnen der letzten Jahrzehnte sowie eine bedeutende Vertreterin der österreichischen feministischen Avantgarde. Die Vielfalt der von ihr dokumentierten Themen ist Ausdruck ihrer offenen Grundhaltung.

Nach einer Lehre als Fotografin besuchte sie die Meisterklasse Fotografie an der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. Neben der gewerblichen Fotografie für die Geschirrbranche und Industrie begann sie bereits in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren, ein davon unabhängiges künstlerisches Werk zu entwickeln. Auftragsarbeiten und freie Werke gehen dabei Hand in Hand und ergänzen sich gegenseitig. In ihre Aufträge bringt sie stets ihre künstlerischen Ideen ein, während ihre freien Arbeiten von ihrem professionellen Equipment und ihrem großen fotografischen Fachwissen profitieren. Sie arbeitet analog und entwickelt ihre Bilder selbst. Bis heute ist der offene, eigenständige Blick auf die Welt durch den Sucher der Kamera Harsiebers große Leidenschaft.

Sie liebt es, Werke zu schaffen, die nicht alltäglich und rätselhaft sind. Durch die Wahl besonderer Bildausschnitte oder Verfremdungseffekte bei der Entwicklung der Fotos entstehen Bilder, deren Inhalte sich nicht immer sofort erschließen. Dabei schreckt sie auch vor Tabuthemen oder dem vermeintlich Unschönen nicht zurück. Sie interessiert sich für Körper, Sexualität, menschliches Scheitern, Schmerz und Tod. In ihrem Werk finden sich oft Motive, die gesellschaftliche Erwartungen und Bildvorstellungen herausfordern.

Die Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich versammelt eine feine Auswahl ihrer vielfältigen thematischen Werkserien, unter anderem zu den Themen Architektur, Mode und Maschinen. Auch Künstler:innen- und Selbstporträts, Situationsdokumentationen, Abstraktionen, Fotocollagen und konzeptuelle Fotografie sind Teil ihres breit gefächerten Portfolios. Das älteste Werk der Ausstellung, „Ping Pong“, entstand 1965 während Harsiebers Lehrzeit. Auf Reisen hält Harsieber Plätze, Gebäude und Situationen fest, die ihre Aufmerksamkeit erregen. Arbeiten sind unter anderem in München, Den Haag, Berlin und Paris entstanden. Harsieber versteht es, selbst industrielle Maschinen porträthaft festzuhalten.

Kompromisslos und konsequent stellt die Künstlerin auch immer wieder ihren eigenen Körper ins Zentrum ihres fotografischen Schaffens, indem sie alle Lebensphasen ungeschönt ins Blickfeld rückt und im richtigen Moment den Auslöser drückt. Ohne Scheu sieht sie genau hin, auch gegen gesellschaftliche Erwartungen und Bildvorstellungen. Damit ist sie ein vielbeachtetes Vorbild für eine Generation junger Fotograf:innen. In ihren Arbeiten sind Schmerz und Verletzlichkeit spürbar.

In der Serie „Zur Klärung der Situation” aus dem Jahr 2002 spielen Zufall und Belichtungszeit eine Rolle. Harsieber stellte an der Kamera eine längere Belichtungszeit ein und trat dann selbst nackt oder in Unterwäsche vor die Kamera. Die Bewegung bewirkt auf den Fotos den verwischten Effekt ihres Körpers; nur die Boden- und Wandfliesen im Hintergrund bleiben scharf. Dabei bleibt oft unklar, ob Harsieber liegt oder steht.

Heidi Harsieber
Quer durch. Ein Leben mit der Fotografie
Kurator: Hubert Nitsch
Bis 9. November 2025