Heidi Bucher und Liesl Raff – Menschen formen Räume und Räume formen uns

Anlässlich des 100. Geburtstags der Winterthurer Künstlerin Heidi Bucher stellt das Kunst Museum Winterthur bis zum 8. November ihr Werk in einen zeitgenössischen Dialog mit der Wiener Künstlerin Liesl Raff. Entstanden ist eine sinnlich erfahrbare Ausstellung über Raum, Materialität und körperliche Aneignung.

Menschen formen Räume – und Räume formen uns. Diese wechselseitige Dynamik prägt nicht nur unsere Umgebung, sondern auch unsere Wahrnehmung, unser Erinnerungsvermögen und unsere Empfindungen.
Heidi Bucher (1926–1993) widmete sich diesem Verhältnis mit außergewöhnlicher Konsequenz. Ihre berühmten „Häutungen” verwandeln Wände, Böden und Türen in schimmernde Latexhäute. Durch das Abziehen dieser elastischen Schichten eignete sie sich die Räume performativ an, legte deren verborgenes Leben frei und machte Geschichte, Gedächtnis und Emotionen auf neue Weise sichtbar.

Die in Wien lebende Künstlerin Liesl Raff (* 1979) greift ähnliche Fragestellungen auf, jedoch aus einer anderen künstlerischen Perspektive. Sie arbeitet nicht mit Latex als Spurenträger, sondern als formbare, sinnliche Substanz. Durch ihre Eingriffe verändert sich die Raumerfahrung: Härten werden geglättet, Grenzen werden durchlässiger und Strukturen werden zu bühnenhaften Gebilden verschoben. Raff kleidet Räume aus und schafft atmosphärische Zonen von Konzentration, Intimität und Geborgenheit. Der Raum wird somit nicht nur geformt, sondern auch emotional aufgeladen.

Das Kunst Museum Winterthur feiert den 100. Geburtstag von Heidi Bucher nicht als historischen Rückblick. Vielmehr wirft es einen aktuellen Blick auf ihr Werk. In ihren 1993 verfassten Notizen zur Häutung der Villa Bleuler schrieb Bucher: „Ich muss allem näher kommen.” Nähe bedeutete ihr ein körperliches Verstehen. An diesen Gedanken knüpft die Ausstellung Closer an. Während Raff den White Cube in ein atmendes Gefüge aus Stoff, Latex, Epoxid, Stahl und federnden Böden verwandelt, betreten die Besucher:innen ein atmosphärisches Gesamtkunstwerk, in dem Buchers fragile Zeichnungen, Seidencollagen und Frottagen sinnlich eingebettet sind. Die Spannung zwischen skulpturaler Geste und ephemerem Strich, zwischen weichen und harten Materialien sowie zwischen Licht, Farbe und unterschiedlichen Oberflächen verbindet zentrale Merkmale beider künstlerischer Ansätze, denen Raff die Bühne bereitet. Durch ihre feinfühlige Sensibilität für Materialien und das Vertrauen in die Ausdruckskraft der Stoffe selbst verdichten beide Künstlerinnen Stimmungen und Raumempfinden.

Heidi Bucher – Liesl Raff
Closer
bis 8.11.2026