Heftig und berührend. Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg

Doch wieder eine Oper im Kornmarkt-Theater mit dem Symphonieorchester Vorarlberg: für ein Gastspiel konnte die bejubelte Produktion „Herzog Blaubarts Burg” aus dem Theater Biel Solothurn nach Bregenz geholt werden. Faszinierend und tiefgründig, die Inszenierung des dortigen Intendanten Dieter Kaegi, zudem ist allein die Musik von Béla Bartóks einziger Oper eine Aufführung wert.

Der Regisseur wählte – aufgrund der beengten räumlichen Verhältnisse im TOBS und dem Vorhaben mit dieser Inszenierung auf Tournee zu gehen – eine Bearbeitung des deutschen Dirigenten und Komponisten Eberhard Kloke, die erst nach dem Ende der Schutzfrist 2019 möglich war. Dieter Kaegi entwirft ein psychologisches Kammerspiel von beklemmender Intensität. Die dunkle Burg ist mehr als ein Gebäude, sie ist Blaubarts Innerstes, ein Labyrinth aus grauenhaften Geheimnissen und Schmerz. Judith, die neue Frau, ist in diesem unheimlichen Kosmos gefangen, will ihn ergründen, Licht hineinbringen und jede der sieben Türen öffnen. 

Die Düsterheit Blaubarts Burg findet sich im Kellerverlies wieder. Und ja, die fensterlose Zelle mit Kinderzeichnungen an den Wänden erinnert an das Schicksal von Natascha Kampusch. Durch die Figur eines Kommissars – der Schauspieler Christian Manuel Oliveira übernimmt den Prolog – wird das Verbrechen mittels Tonbandaufzeichnungen nachgezeichnet, der unausweichliche Schrecken nimmt seinen Lauf. Kaegi bleibt eng am Libretto und setzt den Sprecher als Element der Verfremdung und im Folgenden als begleitenden Beobachter ein.

Auf Tonband hat der Psychopath das Protokoll seiner Taten aufgenommen und mit sichtlichem Vergnügen gibt er dem Drängen Judiths nach, sein Geheimnis zu ergründen. „Fürchtest du dich? …“ fragt er jedes Mal, doch Judith vermeint ihn zu lieben und will nur eines: Licht hinter die geschlossenen Türen hineinbringen. Die tschechische Mezzosopranistin Katerina Hebelkova ist stimmlich wie darstellerisch hervorragend, eindrücklich macht sie Judiths zunehmende Verzweiflung und den entstehenden Sog dieses „Alles-Wissen-müssen“ spürbar, es gibt kein Entrinnen mehr: wenn Blaubart ihr seinen Werkzeugkasten der Folterkammer zeigt – und die Wände bluten –, die Waffen, die Schätze und Juwelen – auch an ihnen klebt das Blut –, den Wundergarten – ein Ort der Schönheit mit blutigen Wurzeln –, das weite Land – Judith reißt das verbarrikadierte Kellerfenster auf, über den Feldern liegen blutrote Schatten. Die Drehbühne deckt jeden Winkel der isolierten Zelle auf und vermag auch das aussichtslose Draußen entstehen zu lassen.

Herzog Blaubart ist bei Kaegi ein unscheinbarer Spießbürger in Hemd und Pollunder mit Brille. Der russische Bass Mischa Schelomianski gibt ihn erstklassig und in allen Facetten – bieder-rechtschaffen, wenn er Judith fürsorglich davor warnt, weiter zu fragen; unheimlich, seine Taten offenlegend; grausam, beim Öffnen der letzten zwei Türen: Stilles, weißes Wasser entdeckt Judith und erkennt – selbst triefend nass – das gesammelte Leid der Frauen; im letzten Gemach, hinter dem Duschvorhang, die drei früheren Frauen – zum Morgen, zu Mittag, des Abends – und muss sich nun als Königin der Nacht hinzugesellen. Schaurig.

Yannis Pouspourikas, Chefdirigent des Sinfonie Orchesters Biel Solothurn, entfacht auch mit dem Symphonieorchester Vorarlberg einen Sturm der Emotionen. In der reduzierten Orchesterfassung mit 28 Musiker:innen verliert Bartóks opulente, expressive Musik nichts an ihrer Ausdruckskraft. Jede Szene hat durch die spezifische Instrumentation eine eigene klangliche Identität: Xylophone und hohe Holzbläser in der Folterkammer, stolze Trompeten in der Waffenkammer, ein ergreifendes Hornsolo als Warnung Blaubarts, glitzernde Harfen und Celesta in der Schatzkammer ... Mit wuchtigen Klangfarben, dissonanten Spannungen und bedrohlich anschwellenden Orchesterpassagen versetzt Bartóks Musik in einen den Atem stocken lassenden Albtraum, reich an tiefgründiger Symbolik der verstörenden Verbindung von Liebe, Macht und Gewalt. Nach einem kurzen Schockmoment – begeisterter Applaus für die Ausführenden.

Herzog Blaubarts Burg | Béla Bartók
in einer Bearbeitung für kleines Orchester von Eberhard Kloke
Musikalische Leitung: Yannis Pouspourikas
Inszenierung: Dieter Kaegi
Bühne und Kostüm: Francis O’Connor
Licht: Mario Bösemann
Katerina Hebelkova, Judith
Mischa Schelomianski, Herzog Blaubart
Christian-Manuel Oliveira, Sprecher
Symphonieorchester Vorarlberg

Eine Produktion des TOBS Theater Orchester Biel Solothurn