18. März 2010 - 4:00 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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In der Stummfilmzeit war Harold Lloyd noch populärer als Charlie Chaplin und Buster Keaton. Legendär ist die Szene, in der er in "Safety Last" (1924) an der Spitze eines Wolkenkratzers an einer Uhr hängt. Dass es von diesem Komiker aber noch Einiges zu entdecken gibt, belegt die zehn DVDs umfassende Edition von Kinowelt, die 14 Kurz- und 15 Langfilme mit Lloyd präsentiert.

Im Gegensatz zu dem am Rande der Gesellschaft stehenden Tramp Chaplins verkörperte Harold Lloyd immer den Inbegriff des angepassten gutbürgerlichen Amerikaners. Stohhut, Hornbrille und Anzug sind die äußeren Markenzeichen des schmächtigen Mannes, der sich die Finger nicht gern schmutzig macht und dem sportliche Aktivitäten zuwider sind.

Daraus, dass dieses etwas unbeholfene Milchbubi freilich immer wieder in Verfolgungsjagden, schwindelerregende Szenen auf Wolkenkratzern oder auch ein Football-Match verwickelt wird, entsteht gerade die Komik. Nicht aus Interesse für den Sport, sondern nur um von den anderen Studenten geachtet und bewundert zu werden, möchte er beispielsweise in "The Freshman" (1925) Mitglied der Football-Mannschaft des College werden.

Im Grunde besteht dieser 75-minütige Film nur aus fünf Szenen: Einer Exposition, in der Harold vom College-Besuch träumt; der Ankunft im College; Football-Training; einer Tanzveranstaltung, bei der sich Harolds Anzug zunehmend auflöst und einem Football-Match, bei dem der Schwächling, der nur als Wasserträger vorgesehen war, seiner Mannschaft den Sieg bringt.

Lloyd, der die Stunts seiner Filme vielfach selbst ausführte, und seine Regisseure verstanden es aber meisterhaft diese kleinen Szenen durch ständige Variation, Einfallsreichtum und perfektes Timing auszudehnen. So entsteht kein Leerlauf, sondern Spannung und der Witz – diese beiden Komponenten gehören bei den Harold-Lloyd-Filmen immer zusammen – steigern sich sogar zunehmend.

Nur aus zwei Einfällen besteht beispielsweise der knapp 30-minütige "Never Weaken" (1921), in dem Harold zunächst auf den Straßen Patienten für den Arzt auftreibt, bei dem das von ihm geliebte Mädchen arbeitet. Als er sich dann von diesem Mädchen betrogen glaubt, versucht er auf mehrere Arten Selbstmord zu begehen, ehe er durch Versehen auf den Stahlträgern eines im Bau befindlichen Wolkenkratzers landet.

In sechs Filmen hat Lloyd solche Hochhaus-Kletterpartien eingebaut. Aber auch an wilden Verfolgungsjagden fehlt es in seinen Filmen nicht. Aberwitzig ist in "Hot Water" (1924) schon, was sich in der Straßenbahnfahrt nach Hause abspielt: Schwer bepackt vom Markt steht Harold da; einen Truthahn hat er auch noch gewonnen und ein paar Jungs entkommt dann auch noch eine Spinne. Zu Hause aber erwartet ihn nicht ein ruhiger Abend, sondern die Verwandtschaft seiner Frau mit puritanischer Schwiegermutter, nichtsnutzigem Schwager und einem Jungen, dem man laut Zwischentitel öfter mal eins mit dem Rohrstock überziehen sollte.

Dass mit dieser Konstellation für den Zuschauer eine Probefahrt mit dem neuen Wagen zu einem zwischen Thrill und Komik pendelnden Vergnügen wird, versteht sich fast von selbst. Und auch mit der Rückkehr ins traute Heim ist in diesem bissigen Film über die Verwandtschaft noch lange nicht Ruhe eingekehrt, müssen die Störenfriede doch erst noch vertrieben werden.

In den Tonfilmen Lloyds treten Situationskomik und spektakuläre Action zugunsten von Dialogen zurück. Gleich bleibt aber sein Typ. Auf die Hornbrille wird auch in Leo McCareys "The Milky Way" (1936) nicht verzichtet. Und auch hier spielt Harold mit dem Milchmann Burleigh einen Schwächling, der nichtsdestotrotz zum Boxer aufgebaut werden soll.

25 Stunden Spielzeit bietet die im Schuber herausgegebene Edition, die einen Bogen durch Lloyds Schaffen von seinen 20 bis 30-minütigen Two-Reelers der frühen 1920er Jahre über die großen Langfilme bis zu seinen Tonfilmen der 1930er Jahre spannt. Zu "Safety Last!", "The Kid Brother", "The Freshman", "Haunted Spooks" und "Speedy" gibt es zudem Audiokommentare und eine DVD mit Bonusmaterial bietet unter anderem eine Schilderung von Lloyds Leben, Familienfilme und eine Doku über Stummfilmmusik.

Ausschnitt aus "Safety Last"



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The Freshman (1925)
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The Freshman (1925)
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The Milky Way (1936)