26. Februar 2009 - 2:38 / Ausstellung / Archiv 
23. Januar 2009 1. März 2009

Die Gewinner(innen) für das Nachwuchsförderungs-Projekt "gute aussichten - junge deutsche fotografie 2008/2009" werden ab dem 23.1.09 im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Noch nie gab es zu "gute aussichten - junge deutsche fotografie" so viele Einsendungen, wie in diesem Jahr. So mussten die Juroren aus insgesamt 103 eingereichten Arbeiten von 39 deutschen Hochschulen, Akademien und Universitäten auswählen. Und dies, obwohl die einreichenden Institutionen bereits eine Vorauswahl treffen und maximal fünf Arbeiten in den Wettbewerb schicken können.

Wie in den ersten vier Jahren bietet "gute aussichten 2008/2009" somit eine einzigartige und stilistisch breit gefächerte Zusammenschau dessen, was in den letzten 12 Monaten an junger Fotografie in Deutschland entstanden ist. Die einzelnen Bildserien zeichnen sich durch sehr unterschiedliche ästhestische, formale und konzeptionelle Ansätze aus und gewähren einen Einblick in jene Themen, mit denen sich junge Künstler auseinandersetzen. Summa summarum: "gute aussichten - junge deutsche fotografie 2008/2009" umfasst 174 einzelne Motive, neun Tondokumente, acht Postkarten, zwei Bücher, einen Postkartenständer und eine Seekarte.

Den Blick auf ihre "fotografische Wunderkammer" gerichtet, unternimmt Laura Bielau in "Color Lab Club" (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig) in spielerischen wie humoristischen Bildern Streifzüge quer durch die Geschichte der Fotografie. Die fototechnischen Experimente (welche als Erfindung der Fotografie gelten können) des Franzosen Joseph Nicéphore Niepce (1765-1833) werden ebenso munter zitiert wie surrealistische Bildschöpfungen Man Rays (1890-1976). In "Labgirls" bittet die Fotografin professionelle Stripperinnen im roten Licht der Dunkelkammer zur erotischen Selbstdarstellung. Das Ergebnis ist ein visueller Parcours rund um Dunkelheit und Darkroom, welcher das Geheimnis der "dunklen Kammer" zelebriert.

Markus Georg praktiziert in "Die Macht der Bilder" (Hochschule für Gestaltung Offenbach) eine andere Form der Inszenierung: Hier mutiert eine fein säuberlich in Reih und Glied aufgestellte Anzahl von Möbelpackern mit Umzugskartons zu einem visuellen Abdruck des Brandenburger Tors. Oder ein hoch aufgereckter Mann mit aufgefaltetem Stativ wandelt sich zum Pariser Eiffelturm. Was als visuelle Verkleidung im Postkartenformat daher kommt, ist die Anrufung eben jener wirkungsvollen "Macht der Bilder", die aus Wäschestücken Assoziationen an Stonehenge zu zaubern vermag. Im drehbaren Postkartenständer stehen anschliessend unsere kollektiv gelernten Bildklischees zur Mitnahme bereit.

Maziar Moradi bedient sich in seiner Arbeit mit dem für den Iran geschichtsträchtigen Titel "1979" (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) ebenfalls einer Inszenierung: Mit Mitgliedern seiner Familie, welche die Machtübernahme 1979 durch Ayatollah Khomeini und der iranisch-irakische Krieg aus ihrem bisherigen Leben herausriss und so manchen in die Emigration zwang, spielt er in symbolreichen Bildern exemplarisch ihre durch Kummer, Angst und Verlust gekennzeichneten Schicksale nach.

Reza Nadjis Arbeit "Tehran" (Fachhochschule Dortmund) ist eine fotografische Erforschung der am Fusse des Elbrus-Gebirges gelegenen Hauptstadt des Iran. In der urbanen Vielfalt architektonischer Erscheinungsformen blitzt immer wieder das Spannungsfeld einer an westlichen Vorstellungen sich orientierenden Gesellschaft und einer unberechenbaren theokratischen Staatsführung hervor. So zeigt Reza Nadji anhand äusserer Gegebenheiten den inneren Zustand einer Gesellschaft auf, die in ihrer jüngsten Geschichte von grossen politischen Umwälzungen betroffen war.

Florian Rexroth erkundet in "Bäume der Stadt" (Lette-Verein Berlin) die Begrünung im heimischen städtischen Raum. Bäume, die in der urbanen Landschaft zumindest ein Minimum an kultivierter Natur repräsentieren, werden zu Protagonisten einer Portraitserie. Das städtische Umfeld, durch Verhüllung mit weissen Tüchern weitestgehend unsichtbar, tritt nahezu vollständig zurück. Dergestalt vereinzelt und isoliert verwandeln sich die Gewächse zu Individuen und werden als solche sichtbar gemacht.

Heiko Schäfer legt in "Maritime Incidents" (Lette-Verein Berlin) sein Augenmerk auf jene Menschen, die alljährlich aus vielen Teilen Afrikas kommen und unter den gefährlichsten Bedingungen versuchen, europäisches Festland zu erreichen. Fotografien authentischer Flüchtlingsboote, unter schwierigen Umständen entstanden, sind mit offiziellen Informationstexten und einer Seekarte kombiniert, anhand derer die Routen und das Schicksal der betroffenen Boote verfolgt werden können.

Juergen Staacks Arbeit "Transcription-Image" (Kunstakademie Düsseldorf) basiert auf einem ganzen Bündel bildtheoretischer Fragestellungen über die Entstehung und Wirkungsweise von Bildern. Analog einer wissenschaftlichen Versuchsreihe werden Menschen gebeten, ein bestimmtes Motiv in ihrer nativen Sprache zu beschreiben. Anschliessend schwärzen sie das Original des Künstlers. So entsteht ein neues Werk, welches das vorangegangene fotografische Bild als audiovisuelles Zeichensystem in sich birgt. Die Tondokumente werden anschliessend wieder in visuelle Zeichen transkribiert, woraus ein abstraktes Bild entsteht.

Sarah Strassmann erkundet in ihren grossformatigen Tableaus mit dem Werktitel "The Void _ Nothing but Space" (Fachhochschule Bielefeld) die Darstellbarkeit von Leere. Der physikalische Raum tritt in seiner Materialität vollständig zurück. Stattdessen übernehmen Licht- und Stimmungsqualitäten eine Raumgestaltung, die an persönliche Erinnerungen der Bildautorin geknüpft sind. Auf diese Weise entsteht ein bildhaft anschaulicher Denkraum, der über das Abgebildete hinaus in das Reich der Imagination weist.

Katrin Trautner widmet sich in ihrer Serie "Morgenliebe" (Fachhochschule Bielefeld) dem Thema Sexualität im Alter. Sie greift damit das in Politik und Gesellschaft viel diskutierte Phänomen einer zunehmend alternden Gesellschaft auf, dessen Auswirkungen auf nahezu allen Ebenen Gegenstand öffentlicher Debatten sind. Trotz des aufgeklärten Zustandes westlicher Gesellschaften galt bislang die fotografisch-dokumentarische Erforschung erotischer Begegnungen alternder Menschen weitestgehend als Tabu. So richtet sich Katrin Trautners Augenmerk auf "die Abbildung einer gelebten Normalität", die sich in der öffentlichen Wahrnehmung augenscheinlich erst noch als selbstverständlich etablieren muss.


gute aussichten - junge deutsche fotografie
23. Januar bis 1. März 2009

Deichtorhallen Hamburg
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  •  23. Januar 2009 1. März 2009 /
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Foto Katrin Trautner, Morgenliebe, www.guteaussichten.org
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Foto Laura Bielau, Color Lab Club, www.guteaussichten.org
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Foto Laura Bielau, Color Lab Club, www.guteaussichten.org
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Foto Florian Rexroth, Bäume der Stadt, www.guteaussichten.or