Die groß angelegte Retrospektive im Leopold Museum ist die erste Einzelausstellung zu Gustave Courbet in Österreich. Sie vereint Werke aus allen Schaffensphasen und bietet einen umfassenden Überblick über sein malerisches und grafisches Œuvre. Courbet gilt als der bedeutendste Vertreter des Realismus. Kühn setzte er sich über die idealisierenden Konventionen der Kunst des 19. Jahrhunderts hinweg. Zugleich zeigt der „Träumer“ in seinen Porträts, Landschaften und Stillleben eine stille, nachdenkliche Welt, die im Kontrast zu den hektischen politischen und industriellen Umbrüchen seiner Zeit steht.
1819 in Ornans, einem kleinen Ort in der Region Franche-Comté, geboren, verließ Courbet mit 20 Jahren seine Heimat und zog nach Paris. Anstatt den traditionellen Wegen zum künstlerischen Erfolg zu folgen – einer Aufnahme an der École des Beaux-Arts oder einer Ausbildung in etablierten Ateliers –, schlug Courbet eigene Pfade ein: Er besuchte Privatakademien und studierte intensiv die Werke flämischer und spanischer Meister im Louvre und im Musée du Luxembourg. Ab 1844 stellte er regelmäßig in der wichtigsten staatlichen Ausstellung, dem Pariser Salon, aus. Mit seinen Darstellungen der Lebensrealität der ländlichen Bevölkerung positionierte er sich als entschiedener Herausforderer der akademischen Konventionen und wurde zugleich zum Ziel von Kritik und Spott.
Sein selbstbewusstes Auftreten, die Betonung seiner künstlerischen Autonomie, seine Lust an der Provokation und seine revolutionäre Malweise machten ihn in Frankreich und im Ausland bekannt. Courbet nutzte diese öffentliche Wahrnehmung geschickt zu seinen Gunsten und pflegte sein Image als Rebell der Kunstszene. Die Pariser Weltausstellungen von 1855 und 1867 nutzt er, um parallel zu den offiziellen Präsentationen eigene Werkschauen in von ihm errichteten Pavillons zu veranstalten. Damit durchbrach er die Vormachtstellung des offiziellen Kunstbetriebs, schuf einen wegweisenden Präzedenzfall für unabhängige Ausstellungen und wurde zum Wegbereiter für nachfolgende Generationen von Künstler:innen.
Mit dem Sturz des Kaisertums im Jahr 1870 und der Pariser Kommune im Jahr 1871 tritt Courbet politisch in Erscheinung und entwickelt sich zu einer führenden Persönlichkeit – ein Engagement, das ihm jedoch zum Verhängnis wird. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Kommune wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt und fiel bei der neuen Regierung in Ungnade. Unbeirrt plant Courbet nach seiner Entlassung eine große Präsentation seiner Werke zur Wiener Weltausstellung 1873. Diese kann jedoch aus politischen und organisatorischen Gründen nur sehr unvollständig realisiert werden. Anstelle der geplanten Retrospektive wurden lediglich sieben Werke im Rahmen einer Gruppenausstellung des Österreichischen Kunstvereins gezeigt. Courbet selbst reiste nicht an, erwog jedoch laut Zeitzeugen sogar eine Übersiedlung nach Wien, bevor er ins Schweizer Exil ging, wo er 1877 verstarb.
Die Schau im Leopold Museum verwirklicht nun jene umfassende Wiener Präsentation, die sich Courbet zu Lebzeiten vergeblich erhoffte. Den Auftakt der Ausstellung bilden seine frühen, ikonischen Selbstporträts, die sein Debüt in der Pariser Kunstwelt markierten. Romantische Werke seiner Anfangszeit sowie Darstellungen, die aus seinen Verbindungen zur Pariser Bohème hervorgingen, treffen auf jene revolutionären Gemälde, in denen er sozialkritische Themen in einem bis dahin ungekannten Verismus behandelte. Der Bogen seines Schaffens spannt sich von akademisch geprägten frühen Frauenakten bis hin zu skandalträchtigen Aktbildern. Weitere Schwerpunkte sind die Landschaftsbilder aus seiner Heimatregion Ornans, die für Courbet zeitlebens von zentraler Bedeutung war, sowie kraftvolle Meeres- und Grottendarstellungen, in denen seine radikale Malweise besonders deutlich hervortritt. Ergänzt wird die Präsentation durch Werke aus seiner Zeit der Inhaftierung und aus dem Schweizer Exil. Insgesamt vereint die Ausstellung rund 130 Exponate, darunter etwa 90 Gemälde, 20 Grafiken und zahlreiche Archivalien.
Gustave Courbet
Realist und Rebell
19.02. – 21.06.2026