Greta Schödl – eine der wichtigsten Stimmen der „Visuellen Poesie“

Greta Schödl zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der „Visuellen Poesie“, einer Kunstrichtung an der Schnittstelle von Literatur und Bildender Kunst. Die 1929 in Hollabrunn (Niederösterreich) geborene Künstlerin lebt seit den 1950er-Jahren in Bologna und fand in Österreich lange Zeit kaum Beachtung. Seit der Präsentation ihrer Werke auf der Biennale in Venedig im Jahr 2024 erhält ihr künstlerisches Schaffen neue Aufmerksamkeit. Die Landesgalerie Niederösterreich zeigt anhand von rund 200 Werken eine Schau, die einen Bogen von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart spannt und die bemerkenswerte Kontinuität eines Œuvres sichtbar macht, das sich über Jahrzehnte hinweg in stiller Konsequenz entfaltet hat.

Im Zentrum von Schödls Arbeit steht die Auseinandersetzung mit Schrift als bildnerisches Material. Seit den 1960er-Jahren entwickelt sie eine eigenständige visuelle Sprache, in der Schriftzeichen, Linien und kalligrafische Formen eine zentrale Rolle spielen. Worte sind für die Künstlerin Linien und Spuren, die die Betrachter:innen mit Bedeutung versehen. Durch akribische Wiederholung verwandeln sich die Worte in ornamentale Muster zwischen Schriftbild und Abstraktion und entfalten ihre Kraft als rhythmische, meditative Bildstrukturen.

In Werken wie „Preußischblau auf Leinwand“ (1977) überzieht sie die Bildfläche Zeile für Zeile handschriftlich mit dem Titel selbst. Die Schrift verdichtet sich dabei zu einem Gefüge aus Linien, das weniger gelesen als vielmehr gesehen wird. Die Bedeutung wird dabei nicht aufgehoben, sondern transformiert: Schrift wird zur Spur, zum Rhythmus, zur visuellen Erfahrung.

Charakteristisch ist dabei Schödls Verwendung der Sütterlinschrift, einer deutschen Schreibschrift, die Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde und die sie als Kind lernte. Deren klare, lineare und zugleich geschwungene Form prägt das Erscheinungsbild vieler Arbeiten.

Die Arbeiten der 1950er-Jahre markieren den Ausgangspunkt von Greta Schödls künstlerischer Entwicklung. In dieser frühen Phase sind noch gegenständliche und teils illustrative Elemente präsent. Zugleich zeichnet sich bereits ein zentrales Interesse ab: die Linie als eigenständiges Ausdrucksmittel. Werke wie „Verdauungswolf“ (1956) verbinden organische, pflanzliche und figurative Formen zu vielschichtigen Bildfindungen. Auch Arbeiten wie „Gedankenflug” (1956) oder „Flammen” (1957) zeigen eine zunehmende Tendenz zur Abstraktion. Parallel dazu entstehen bedeutende Werke der angewandten Kunst, darunter Mosaike und Webarbeiten, in denen Schödls tiefes Verständnis für Material und Struktur zum Ausdruck kommt.

Diese Offenheit gegenüber unterschiedlichen Medien setzte sich auch in späteren Jahren fort. So entstehen unter anderem Arbeiten für Kinderbücher. Im Buch „Tom” aus den 1970er-Jahren entwickelt Schödl eine bildhafte Erzählwelt, die aus textilen Collagen aufgebaut ist.

Bereits in den 1960er-Jahren setzte sich Greta Schödl mit gesellschaftlichen Rollenbildern und der Stellung der Frau auseinander. Die fotografische Arbeit „Justitia Labile” (1968) thematisiert die rechtliche Situation von Frauen und macht deren strukturelle Benachteiligung sichtbar.

In den 1970er-Jahren erweitert sie ihre Praxis um performative Elemente. In der „Tubo-Performance” (1978) trägt sie eine mit Schrift überzogene Kartonrolle durch den öffentlichen Raum von Bologna. Dabei wird die Künstlerin selbst Teil ihrer Arbeit und tritt in direkten Austausch mit Passant:innen. Durch diese Aktionen verbindet sie Fragen von Sichtbarkeit, Autorschaft und gesellschaftlicher Präsenz mit einem selbstbewussten künstlerischen Auftreten im öffentlichen Raum.

Schödls Werk ist immer auch von persönlichen und kollektiven Erinnerungen durchzogen. Ein eindrückliches Beispiel ist die Arbeit „Firenze 1966” aus den 1970er-Jahren, für die sie Materialien der Hochwasserkatastrophe in Florenz verwendet hat. Der verwendete Stoff trägt Spuren des historischen Ereignisses in sich und wird durch die künstlerische Bearbeitung zum Träger von Erinnerung. Solche Arbeiten zeigen, wie eng bei Schödl Material, Geschichte und Bedeutung miteinander verwoben sind.

In der Werkgruppe „Vibrazioni” (Schwingungen) aus den 1970er-Jahren wird die Linie selbst zum Träger von Bewegung und Energie. Durch variierende Dichte und Krümmung entstehen visuelle Felder, die an Schwingungen oder unsichtbare Kraftströme erinnern. Linien verdichten sich zu Formen oder lösen sich wieder auf, vergleichbar mit energetischen Feldern, die sichtbar gemacht werden. Diese Werkgruppe bildet die Grundlage für die Schriftbilder.

Wie kaum eine andere Werkgruppe vermitteln die „Asemischen Schriften“ (1979) das grundlegende Prinzip im Schaffen der Künstlerin, nämlich den Einsatz von Schrift oder schriftähnlichen Symbolen als primäres bildnerisches Mittel. Die Linien und Symbole bewegen sich dabei zwischen Schreiben und Zeichnen und entziehen sich bewusst der Lesbarkeit. In diesen Arbeiten verschiebt sich der Fokus somit vollständig vom Verstehen zum Wahrnehmen. Die Zeichen eröffnen einen Raum jenseits von Sprache, in dem Rhythmus, Bewegung und Intuition in den Vordergrund treten. Damit nimmt Schödl eine Position vorweg, die erst Jahrzehnte später unter „asemisches Schreiben“ als künstlerische Praxis benannt wird.

In den 1970er-Jahren entstehen umfangreiche Werkgruppen wie die „Fantasmi” und die „Traumbilder”. In ihnen übersetzt Schödl innere Erfahrungswelten in visuelle Formen. Figuren, Fragmente und amorphe Gestalten bevölkern diese Bildräume, deren Logik weniger narrativ als assoziativ ist. Das Unterbewusstsein wird hier zur Quelle einer eigenständigen Bildsprache. Die sehr persönliche Werkgruppe der „Traumbilder“ wird in Krems erstmals öffentlich gezeigt.

Greta Schödl greift immer wieder auf Gegenstände des Alltags zurück, die sie über lange Zeit begleiten und in ihre künstlerische Praxis integriert. Diese Objekte werden zu Impulsgebern für poetische Transformationen.

In der Arbeit „Bücherwurm“ (1970–2024) entwickelt sie beispielsweise aus einer Kassette eine skulpturale Form. Eine lange Kette aus gerollten Buchseiten windet sich aus dem Inneren heraus. Auch in der Arbeit Luftschlösser (2024/25) verbindet Schödl Alltagsgegenstände mit Imagination. Aus einem alten Bügeleisen quellen die Träume der Büglerinnen hervor – eine leise, ironische Reflexion über Arbeit, Alltag und Vorstellungskraft. Diese Werke zeigen eine spielerische, oft humorvolle Seite der Künstlerin.

Für ihre Werke nutzt Greta Schödl unterschiedliche Trägermaterialien: von Papier, Pergament und Leinwand über Holz und Stein bis hin zu Alltagsgegenständen. Häufig geht die Künstlerin vom Material selbst aus. Dessen Bezeichnung wird in repetitiver Handschrift über die Oberfläche gelegt, bis diese vollständig beschrieben ist.

Diese Methode findet sich sowohl in kleinformatigen Schriftbildern als auch in großformatigen Arbeiten, die zu den besonders eindrücklichen Beispielen ihres Schaffens zählen. Bügelbretter, alte Buchseiten oder Haushaltswäsche löst sie aus ihrer gewohnten Verwendung und überzieht sie mit ihrer Bezeichnung. So wird das Objekt zur Schrift und die Schrift zur Oberfläche des Gegenstandes, wodurch beide relativiert und bekräftigt werden.

Seit dem Jahr 2000 bearbeitet Schödl auch Marmor- oder Granitsteine. So überzieht sie einen Marmorblock vollständig mit dem italienischen Wort „Marmo” (Marmor). Die Glätte des geschnittenen Steins dient ihr dabei als Schreibfläche und steht im Kontrast zu dessen materieller Schwere. Kleine Blattgold-Akzente, die rhythmisierend in das „O“ des Wortes „Marmo“ eingesetzt sind, betonen zusätzlich den Rapport des Musters. 2024 ist Greta Schödl unter anderem mit den in Krems gezeigten Marmorsteinen bei der Biennale von Venedig vertreten.

Der Einsatz von Blattgold ist ein wiederkehrendes Element in Schödls Werk. Es erscheint dabei nicht nur als kostbares Material, sondern auch als Träger von Energie und Licht. In fein gesetzten Akzenten durchzieht es die Schriftfelder wie pulsierende Linien und verstärkt deren rhythmische Struktur. Gold verleiht den Arbeiten eine besondere Leuchtkraft und verweist zugleich auf kunsthistorische Traditionen, in denen das Material mit Transzendenz und Bedeutung aufgeladen ist.

Greta Schödls Werk zeichnet sich durch eine seltene Konsequenz aus. Über Jahrzehnte hinweg verfolgt sie zentrale Fragestellungen – Schrift, Material, Rhythmus, Spur – und entwickelt sie kontinuierlich weiter. Die Ausstellung versammelt sämtliche Hauptgruppen ihres Œuvres und zeigt, dass ihre leise, konzentrierte Kunstpraxis zeitlose Gültigkeit besitzt.

Greta Schödl
Spuren meines Lebens
Kurator:innen: Gerda Ridler, Berthold Ecker
Bis zum 8. November 2026