Im Jahr 1975 erhielt das Oberösterreichische Landesmuseum durch die großzügige Spende des Juristen Dr. Walther Kastner eine bedeutende Erweiterung seines Bestandes an Gemälden, Skulpturen und Grafiken. Von Beginn an war diese Schenkung an eine Bedingung geknüpft: Die Sammlung sollte als geschlossenes Ensemble bewahrt und regelmäßig präsentiert werden. Nach dem Tod des Sammlers und seiner Witwe folgten weitere Überlassungen.
Die aktuelle Ausstellung zeigt erstmals alle Grafiken aus diesem Vermächtnis von 1975 in ihrer Gesamtheit. Aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit unterliegen diese Arbeiten konservatorischen Einschränkungen und dürfen nur in größeren Abständen gezeigt werden. Ihre Präsentation ermöglicht daher seltene Einblicke in einen sonst verborgenen Teil der Sammlung.
Der Schwerpunkt dieser Schau liegt auf dem Wiener Biedermeier und dem 19. Jahrhundert. Zu sehen sind romantische Landschaften, Porträts und Genreszenen namhafter Künstler wie der Familie von Alt, Joseph Kriehuber oder Moritz von Schwind. Diese wechseln sich ab mit großen Namen der Jahrhundertwende und des 20. Jahrhunderts. Dazu gehören Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka und Alfred Kubin.
Walther Kastners Karriere als Jurist begann in den Jahren der Zwischenkriegszeit und des austrofaschistischen Ständestaats. Während der Zeit des Nationalsozialismus nahm er wichtige Positionen ein, unter anderem innerhalb der mit der „Arisierung“ österreichischer Großunternehmen beauftragten Österreichischen Kontrollbank. Daher sind Kastner und die Schenkungen aus seiner Sammlung Gegenstand einer zeitgemäßen wissenschaftlichen Forschung, die einen differenzierten Blick auf seine Biografie und Sammlungstätigkeit ermöglicht.
Die von Birgit Kirchmayr und Gregor Derntl bis 2019 durchgeführte Provenienzforschung konnte keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kastners Tätigkeit während der NS-Zeit und dem Aufbau seiner Kunstsammlung feststellen. Es konnten jedoch Werke aus dessen Sammlung eruiert werden, die aus dem Eigentum ehemals NS-Verfolgter stammen und auf einen möglichen Entziehungshintergrund hinweisen. Sie gelangten über Ankäufe im Kunsthandel in den 1950er- und 1960er-Jahren in die Sammlung. Die Recherchen führten 2013 zur Restitution eines Gemäldes an die Erbin von Oskar Reichel.
Die Schenkung Kastners ist Gegenstand der fortlaufenden Provenienzforschung.
Grafische Schätze aus der Sammlung Kastner
bis 11.10.26