8. April 2008 - 5:36 / Walter Gasperi / Filmriss
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Ein vierjähriges Mädchen ist seit drei Tagen verschwunden. Polizei und ein Privatdetektiven-Pärchen suchen fieberhaft nach dem Entführer. – Nur auf dem Papier scheinen die Grenzen von Gut und Böse in Ben Afflecks meisterhaftem Regiedebüt klar gezogen, in der Realität sind sie von Beginn an viel unschärfer und lösen sich durch überraschende Wendungen bis zum Ende ganz auf, sodass der Zuschauer selbst Antworten suchen muss.

Ein paar Alltagsbilder aus einem Bostoner Arbeiterviertel und schon ist das Milieu grob gezeichnet: Ziemlich trist ist das Leben hier, Drogensucht und Kleinkriminalität sind weit verbreitet. Das Medieninteresse richtet sich auf ein Haus, aus dem die kleine Amanda entführt wurde. Die Mutter, die ihre Männerbekanntschaften rasch wechselte und am Abend in ihrer Stammkneipe zum Koksen herumhing statt sich um ihre Tochter zu kümmern, ist nun regelrecht ein Star. Da die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht weiterkommt, heuert die kinderlose Tante der Vermissten ein Detektiv-Pärchen an, da dieses mehr Vertrauen als die Uniformierten bei den Kleinkriminellen und im Drogenmilieu gewinnen kann und so leichter Informationen erhält.

Cops und Detektive arbeiten zusammen, dringen gemeinsam weiter ins Drogenmilieu vor, scheinen den Entführern auf der Spur, doch der geplante Austausch von Geld und Entführter geht schief, die Ermittlungen werden eingestellt, aber der Privatdetektiv recherchiert weiter.

Was ist rchtig, was falsch? – Diese Frage stellt sich in Ben Afflecks Regiedebüt von Anfang an. Nicht nur durch die konsequente Erzählung aus der Perspektive des als Ich-Erzähler auftretenden Detektivs entwickelt "Gone Baby Gone" dabei einen Sog, der den Zuschauer immer mehr ins Geschehen hineinzieht, sondern mehr noch durch die sehr beherrschte und konzentrierte Inszenierung und die bis in die Nebenrollen hinein exzellente Besetzung. Immer mehr werden so in dieser Verfilmung eines Romans von Denis Lehaine, der schon für Clint Eastwoods inhaltlich und formal verwandten "Mystic River" die Vorlage liefert, die Motive vertieft und verdichtet.

"Gone Baby Gone" ist gleichermaßen Krimi wie Sozialdrama, denn mehr als um die Lösung des Falls geht’s vom Beginn an um desolate Familienverhältnisse, um häusliche Gewalt und den Umgang mit Kindern. Provokant stellt Affleck sogar zur Diskussion, ob eine Entführung vielleicht für ein Kind sogar ein Segen sein kann, ein Start in ein besseres und behüteteres Leben. – Antworten bietet Affleck dabei keine, sondern bleibt bis zum Ende ambivalent und offen. In dunklen, ausgewaschenen Grün- und Blautönen entfaltet der Debütant ein beklemmendes Drama ohne Helden und Glamour.

Nur das Gute und Gerechtigkeit will der vom Bruder des Regisseurs gespielte Detektiv. – Kein Strahlemann, sondern ein Antiheld, der in seinem moralischen Rigorismus letztlich vielleicht doch falsch handelt und selbst schuldig wird. Denn offen lassen Affleck/Lahaine, ob Gerechtigkeit wirklich das Wichtigste ist, ob man sich nicht manchmal zum Wohl der Menschen über die Gesetze erheben muss und wie man mit der Schuld, die man im Lauf des Lebens unweigerlich auf sich lädt, weiterleben kann.

Es sind die düsteren Töne und das gleissende harte Sonnenlicht, die diesem Debüt seine atmosphärische Dichte und seinen rauen authentischen Look verleihen. Sichtbar wird dabei der Riss, der durch die amerikanische Gesellschaft geht mit wohlsituiertem Bürgertum hier und verwahrloster, in Kriminalität abdriftende Arbeiterschaft dort. Die moralischen Grenzen sind dabei freilich keineswegs so klar gezogen, ja verschieben sich sogar ständig. - Hier gibt’s kein Schwarz und kein Weiß, kein Gut und kein Böse, sondern nur Zwischentöne.

Und weil Affleck mit Twists – perfekt geschrieben ist dieser Film und die Regie ordnet sich ganz dem Stoff unter, verzichtet auf Mätzchen und bleibt unauffällig - dem Zuschauer immer wieder den Boden unter den Füssen wegzieht, zwingt er ihn die Situation und die Position der Figuren immer wieder zu überdenken und verlängert die Problemstellung im Kopf des Zuschauers über das Ende hinaus.

Läuft am Freitag, den 11.4. und am Samstag, den 12.4. jeweils um 22 Uhr im Takino Schaan (O.m.U.)

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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