Glitzer – Vielfalt, Komplexität und Widersprüchlichkeit

Glitzer funkelt und flirrt, er fasziniert und empört zugleich. Es ist allgegenwärtig und findet sich auf Bühnen ebenso wie auf Protestplakaten und in Kinderzimmern. Der Schwerpunkt der Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur liegt auf Glitzer als Symbol für Zugehörigkeit, Empowerment und Selbstbestimmung.

Dabei wird das glitzernde Material sowohl als Alltagsgegenstand als auch in kollektiven Bewegungen beleuchtet. In Hamburg war die schillernde Ausstellung ein Publikumsmagnet. Das Gewerbemuseum Winterthur ergänzt sie um die Themen Nachhaltigkeit und Ökologie und betrachtet das Material selbst genauer.

Rund 40 internationale Positionen aus Kunst und Gestaltung widmen sich Glitzer als Ausdruck der Freude an gesellschaftlicher Vielfalt und kollektiver Ausgelassenheit, als Mittel des Protests, der Performance und der Popkultur sowie als Symbol der Sichtbarmachung von Gruppen und des Widerstands gegen Körpernormen. Zu sehen sind unter anderem ein glitzerndes Schweizer Jugendzimmer der Künstlerin Jenny Schäfer, Fotografien von Quil Lemons, GIFs von Molly Soda, Show-Perücken der Designer Karl Gadzali und Mohamad Barakat-Götz sowie Bühnenoutfits – beispielsweise jene von Bill Kaulitz.

Die Museumsbesucher:innen sind aber auch immer wieder eingeladen, sich zu beteiligen – sei es im Vorfeld der Ausstellung mit dem „Call for Glitter” und der Einsendung privater Lieblingsobjekte oder durch Ergänzungen wichtiger Glitzer-Ereignisse in einer funkelnden Timeline zur Geschichte des Materials. In einer offenen Werkstatt kann das Publikum zudem viel Glitzerndes vor Ort selbst gestalten.

Außerdem wird das Material selbst in den Blick genommen. Was passiert, wenn es glitzert? Gibt es Vorbilder in der Natur? Und ist Bio-Glitzer tatsächlich ökologisch verträglich?

Die Ausstellung ist in sechs Kapitel gegliedert. Diese verdeutlichen die Vielfalt, Komplexität und Widersprüchlichkeit der Kontexte, in denen Glitzer auftaucht.

Der Raum „Glitter up!” untersucht die Rolle von Glitzer bei Protesten sowie bei der Auseinandersetzung mit Körperidealen, Rollenerwartungen und der Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen. Dokumentarische Aufnahmen von Mirjana Mitrović, Gisela Volá, Analia Cid, Marina Carniglia, Mercedes Grassi King und Ayelen Rodriguez zeigen grünen und pinken Glitzer als aktivistisches Material feministischer Proteste sowie als Symbol der Solidarität in Mexiko und Argentinien. Die US-amerikanische Fotografin Hannah Altman lenkt in ihren Porträts mit effektvollem Glitzer die Blicke auf tabuisierte Körperflüssigkeiten und Imperfektionen. Lorenzo Triburgo und Sarah Van Dyck aus New York City verwischen in ihrer fotografischen Serie Gendergrenzen und nehmen selbstbewusst historische Orte und Posen ein. Die Burlesque-Performancekünstlerin Pansy St. Battie setzt sich und den Rollstuhl selbstbewusst glitzernd in Szene. Daneben thematisiert der inzwischen weltweit rezipierte Modefotograf und Künstler Quil Lemons in seiner Fotoserie „Glitterboy” stereotype Männerbilder und die fehlende Sichtbarkeit Schwarzer Jungen.

In „Sparkle and Shine” sind Kostüme, Perücken, Nail-Art und Videoarbeiten zu sehen. Es geht weniger um Showeffekte als um die fragilen Momente einer Inszenierung von Identität und Kollektivität. Ein Bühnenoutfit von Bill Kaulitz von der Tokio-Hotel-Tour „Humanoid” aus dem Jahr 2010 trifft auf extravagante Perücken der Hamburger Wig-Artists Karl Gadzali und Mohamad Barakat-Götz. Großformatig spielt die neonglitzernde Videoarbeit „Style Over Substance” des australischen Duos The Huxleys mit Glamour und Übertreibung. Ausgefallene Nail-Designs geben Einblick in die internationale Szene und deren überbordende Kreativität. Im Kostüm der brasilianischen Künstlerin Rafa Bqueer verbindet sich glitzernde Pop-Ästhetik mit indigenen Symbolen und Narrativen. Die Videoarbeit „Epilogue” von Cao Guimarães und Rivane Neuenschwander erzählt vom Moment nach dem Auftritt: Eine Gruppe von Ameisen räumt emsig glitzerndes Konfetti beiseite.

In der „Hall of Glitter” eröffnet sich ein vielstimmiger Glitzerkosmos: Pokémon- und Fußballkarten, Handyhüllen, Stickeralben, Caps, Nagellack, Weihnachtsschmuck und Mode stimmen die Besucher:innen auf die Faszination für das Material ein. Die in einem Open Call zusammengetragenen privaten Lieblingsobjekte stammen aus den Lebenswelten der Besucher:innen und werden mitunter von persönlichen Geschichten begleitet.

„Glitter Craft” widmet sich dem Selbermachen. Als günstiges und effektvolles Material eignet sich Glitzer besonders gut für Verzierung und Aufwertung. Internationale D.I.Y.-Künstler:innen zeigen einen spielerischen und selbstbewussten Umgang mit dem oft als kitschig abgewerteten Material sowie mit Klischees, Kitsch und Konventionen. In fünf Video-Tutorials laden Damali Abrams, María Domínguez Moreno, Sam Reece, Fleur Stiels und Fiona Tretau dazu ein, selbst aktiv zu werden. An einem zentralen Tisch werden vielfältige Materialien angeboten, die genutzt werden können.

Für den Raum „Teenage Glitter” inszeniert die Künstlerin und Fotografin Jenny Schäfer ein funkelndes Jugendzimmer, das in der deutschsprachigen Schweiz beheimatet sein könnte. Eine Filminstallation der Filmemacherin Sarah Drath sowie die Videoarbeiten der Performance- und Medienkünstlerin Molly Soda montieren Glitzer-Momente aus Film- und Fernsehgeschichte sowie zeitgenössischer Internetkultur. Analoge Collagen von Chila Kumari Singh Burman und Andrés Pérez sowie die von der Malerin Mickalene Thomas gestalteten Skateboards fügen sich in die Rauminstallation ein. Sie brechen jedoch gezielt mit Mainstream-Bildern des Erwachsenwerdens und beleuchten das Aufwachsen als Teil einer marginalisierten Gruppe.

In der „Glittermania – Geschichte des Glitzerns” stehen Glitzer als Material und Phänomen sowie seine Geschichte, Produktion und Nutzung im Fokus. Die Timeline, bestehend aus Texten, Fotos und Videos, reicht von Kleopatra über die Erfindung von Glitzer im Jahr 1934 und Jakob Schlaepfers Patent für Pailletten bis zur „The Eras Tour” von Taylor Swift im Jahr 2024 und gibt den Besucher:innen die Möglichkeit, weitere Glitzer-Höhepunkte beizufügen. Ergänzt wird dieser Bereich durch einen Film von :mentalKLINIK, in dem Staubsaugroboter den gerade eingesaugten Glitzer wieder auspusten und ihn so zu einem sich immer erneuernden installativen Bild verstreuen.

Von der „Glittermania” aus geht es weiter ins Material-Labor im zweiten Stock, wo das glitzernde Material selbst in den Blick genommen wird. Pailletten, Lametta und Autolack – was glitzert alles? Und weshalb glitzern beispielsweise Schnee oder bewegtes Wasser? Außerdem wird untersucht, woraus der klassische, sechseckige Glitzer besteht und ob Bio-Glitzer eine tatsächliche Alternative ist.

Glitzer
28. November 2025 bis 17. Mai 2026

Eröffnung (mit Buttomat und Glitzerstation)
Donnerstag, 27. November 2025, 18:30 Uhr