Mit „Universal Thoughts: Kleinstes gemeinsames Vielfaches” präsentiert das Francisco Carolinum in Linz eine umfassende Ausstellung des österreichischen Fotografen Georg Petermichl. Seine konzeptuelle Praxis ist geprägt von Alltagsbeobachtungen, dem Rückgriff auf persönliche Archive und dem Blick auf gesellschaftliche Strukturen. Ausgehend von seinem kleinsten persönlichen Kosmos, der Familie und dem Freundeskreis, erweitert er den Blick auf größere Zusammenhänge wie Massentourismus, kollektive Sehnsüchte und geteilte kulturelle Praktiken.
Zentrale Werkgruppen kreisen um das familiäre Fotoarchiv sowie um fotografische Studien touristischer Orte, an denen sich Menschenmengen nach klaren, beinahe choreografierten Mustern bewegen. Dabei interessiert ihn weniger die moralische Bewertung als das genaue Hinsehen. Wie entstehen kollektive Rituale? Wann tritt aus der Masse das Individuum hervor?
Vergrößerte Fotografien aus privaten Alben thematisieren die Familie als Ort von Erinnerung, Autorität und Nähe. Ein 21-minütiger Film vertieft diese Auseinandersetzung und bewegt sich dabei bewusst im Spannungsfeld von Dokumentation, Inszenierung und Autofiktion. Zwischen persönlicher Biografie und gesellschaftlicher Verunsicherung wird die Familie zum Schauplatz der Aushandlung von Wissen, Erfahrung und Zweifel.
In der über zwölf Jahre entstandenen Serie u. t. (After Pirelli) inszeniert der 1980 in Linz geborene Petermichl enge Freund:innen nackt auf Autos in Landschaften. In Anlehnung an populäre Bildformate verhandelt er dabei Fragen von Intimität, Nähe und Veröffentlichung. Die zeitliche Kontinuität bildet dabei einen Gegenentwurf zur schnellen, massenhaften Bilderproduktion der Gegenwart.
Die fotografischen Arbeiten werden durch keramische Objekte ergänzt, in die Schlüsselabdrücke eingedrückt sind. Thematisiert wird ein scheinbar selbstverständlicher Bestandteil künstlerischer Mobilität: der Zugang zu temporären Arbeitsorten, Residency-Aufenthalten und Ateliers. Spätestens seit den migrationspolitischen Zäsuren von 2015 wird deutlich, wie ungleich verteilt und politisch aufgeladen dieser Zugang ist. Historische Gefäßformen treffen auf individuelle Spuren und zeigen die Ambivalenz zwischen Gebrauch und musealer Bewahrung.
Zwischen Fotografie, Film, Objekt und Installation entfaltet sich ein Ausstellungsparcours, der Fotografie als Medium sozialer Beziehungen begreift. Petermichls Arbeiten laden dazu ein, vertraute Bilder neu zu lesen – als Ausdruck gemeinsamer Sehnsüchte, geteilter Regeln und eines „Kleinsten Gemeinsamen Vielfachen“, das individuelles Erleben und gesellschaftliche Wirklichkeit miteinander verbindet.
Georg Petermichl
Universal Thoughts: Kleinstes gemeinsames Vielfaches
Bis zum 12.07.2026
Kuratorin: Maria Venzl