Gelungen. Die Neuinszenierung von Fidelio an der Wiener Staatsoper

Mit Spannung aber auch vielen Vorurteilen wurde Nikolaus Habjans Fidelio Inszenierung an der Wiener Staatsoper erwartet. Seine obligatorischen Puppen setzt der Regisseur schlüssig und feinsinnig ausgearbeitet ein. Absehbar dagegen, dass der begnadete Dirigent Franz Welser-Möst Beethovens einzige Oper zum exzellenten musikalischen Ereignis macht. In der großen Freiheitsoper geht es um Mensch­­lich­­keit, den Glau­­ben an die Lie­­be, um Mut und Zivilcourage.

Leonore, die Gattin von Florestan, der von seinem mächtigen Widersacher eingekerkert wurde, erschleicht sich als Fidelio das Vertrauen des Gefängniswärters Rocco und rettet am Ende nicht nur den Geliebten. Ein Triumph der Hoffnung! Das Ehepaar wird von Habjan mit menschengroßen Klappmundpuppen verdoppelt. Nachvollziehbar, denn Leonore befindet sich im ständigen inneren Konflikt, weil sie den Wärter und dessen Tochter täuscht: Marzelline hat sich in den vermeintlichen Fidelio verliebt und Rocco stimmt bereitwillig den hintergründigen Vorschlägen seines neuen Helfers zu, geht sogar so weit, den Gefangenen einen Augenblick im Licht und an der frischen Luft zu gewähren.

Als Mann verkleidet, ist Leonore im tiefen Zwiespalt von heftiger Emotionalität und dem Druck, ihre Identität zu verbergen. Der Regisseur arbeitet diesen sorgfältig aus: Die Sängerin (sehr einfühlsam, die schwedische Sopranistin Malin Byström) verkörpert die innere Gefühlswelt Leonores und die Puppe ist der kontrolliert zurückhaltende Fidelio, er spricht auch in den Dialogpassagen mit der Stimme der Schauspielerin, die die Puppe führt, und bewegt dazu den Mund, wie auch nur bei den nach außen gerichteten Gesangsparts. Das psychologische Abbild wird dadurch sehr genau gezeichnet, wenn etwa Fidelio Marzelline (reizend-bieder, Kathrin Zukowski) nicht verletzen will.

Eine wichtige Figur ist der Kerkermeister Rocco (überzeugend, Tareq Nazmi), der für Habjan die deutlichste Entwicklung durchmacht: Zuerst klassischer Mitläufer und Befehlsempfänger, beginnt er zunehmend den Gouverneur Don Pizzaro (kräftig, der junge litauische Bass Simonas Strazdas) zu hinterfragen, weigert sich auch, für ihn den Mord an Florestan zu begehen, und wird mitfühlender gegenüber den Gefangenen. Bei seiner berühmten „Gold-Arie“ zieht er zwar euphorisch vielerlei Schmuckstücke aus allen Schubladen in seinem kleinbürgerlichen Wohnzimmer, gibt aber (in der vorsichtig modernisierten Textbearbeitung von Paulus Hochgatterer) zu, dass diese den Gefangenen abgenommen wurden, die sie ja nicht mehr brauchen, ihn jedoch für die Belastungen des schweren Jobs entschädigen würden. 

Womit wir beim Bühnenbild wären: Julius Theodor Semmelmann gelingt es eindrückliche Räume zu schaffen – die Wäschekammer, wo Marzelline am Anfang von Jaquino (Daniel Lenz) bedrängt wird; das Wohnzimmer Roccos mit Einbaumöbeln aus Holz; das nüchterne Büro voller Ordner von Pizzaro –, welche er in den bühnenraumhohen Raster der Gefängniszellen einschiebt, die beim legendären „Freigang“ effektvoll erhellt werden. Im schaurig dunklen Verlies beginnt der zweite Aufzug. Dass auch Florestan (der britische Tenor David Butt Philip) ein Alter-Ego bekommt, folgt der Logik. „Mit einer Puppe kann ich die Traumata des Inhaftierten präziser zeigen“, so Habjan, „ich kann eine Figur darstellen, die zwei Jahre in völliger Dunkelheit, fast ohne Nahrung im Kerker dahinvegetiert.“

Nach den rettenden Turbulenzen im Kerker mit dem Erscheinen des Ministers bzw. vor dem erlösenden Finale fällt der Vorhang, und das Publikum wähnt sich in einem mitreißenden Konzert. Beethoven schrieb mehrere Fassungen seiner einzigen Oper, dazu insgesamt vier Ouvertüren. Durch die traditionell eingeschobene dritte Leonoren-Ouvertüre – und zwar genau an der Stelle, die Gustav Mahler gewählt hatte – gelingt laut Welser-Möst die finale Fokussierung auf die philosophisch-idealistische Idee Beethovens Musik, mit ihrem ekstatischen Aufschwung zum Finale vom Dunkel zum Licht. „Ein Engel Leonoren“ erscheint dann tatsächlich als Lichtgestalt im imposanten Schlussbild, unter berauschend vielstimmigen Jubel, virtuos, rasant, voller Glück und Hoffnung. Aufbrausender Applaus, Standing Ovations!

PS: Absurd, einer 55 Jahre alten Inszenierung von Otto Schenk sentimental nachzutrauern. Und ich würde mich fürwahr auf endlich einen neuen Rosenkavalier freuen, der auch 2026 in der historischen Fassung an der Wiener Staatsoper gegeben wird. Zumindest ist das noch eine Gelegenheit und Zeit für die Nostalgiker unter den Opernliebhaber:innen sich von antiquierten Inszenierungen zu verabschieden.

Fidelio | Ludwig van Beethoven
Oper in zwei Aufzügen
Musikalische Leitung: Franz Welser-Möst
Inszenierung: Nikolaus Habjan
Bühne: Julius Theodor Semmelmann
Textbearbeitung: Paulus Hochgatterer

Leonore: Malin Byström
Florestan: David Butt Philip
Rocco: Tareq Nazmi
Marzelline: Kathrin Zukowski
Jaquino: Daniel Jenz
Don Fernando, der Minister: Simonas Strazdas
Don Pizarro, der Gouverneur: Christopher Maltman
Puppenspieler:innen: Manuela Linshalm, Max Konrad, Angelo Konzett, Alexandra Pecher
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper