Di, 18.12.2018 / Walter Gasperi / Filmriss
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Im Alleingang kämpft Halla als Umweltaktivistin mit spektakulären Aktionen gegen den Verkauf eines isländischen Aluminiumwerks an einen chinesischen Konzern: Knochentrocken, herrlich schräg und höchst einfallsreiches Kino von Benedikt Erlingsson mit einer starken Protagonistin und vor großartiger isländischer Landschaft.

Ein Pfeil wird auf einen Bogen gelegt, dann der Bogen gespannt und mit einem Schwenk kommt die Schützin ins Bild. Wie eine Amazone oder Jagdgöttin steht die etwa 50-jährige Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) in der weiten isländischen Landschaft und schießt mit dem Pfeil ein Seil über die Hochspannungsleitung. Am Seil befestigt ist ein Stahlseil, das sogleich über die Leitung gezogen wird, was selbstverständlich zu einem Kurzschluss und einem Stromausfall auch in einem Aluminiumwerk führt.

Was für ein kraftvoller und origineller Auftakt ist das! – Dazu kommt noch, dass am Rand der Aktion ein Percussionist, ein Tubabläser und ein Klavierspieler für die Filmmusik sorgen. Immer wieder wird man diese Musiker, aber später auch mehrfach drei ukrainische Sängerinnen, im Bild sehen, in die Handlung eingreifen werden sie aber nie. – Die Forderung von Dogma 95 nur On-Screen-Musik zu verwenden stellt Benedikt Erlingsson gewissermaßen auf den Kopf, sorgt dafür, dass die Produktion der Musik, die sonst unsichtbar bleibt, ins Bild gerückt wird. Etwas todlaufen wird sich diese Idee zwar mit Fortdauer des Films, aber gewissen Charme bewahrt sie doch bis zum Ende.

Bald erfährt man, dass das nicht der erste Anschlag dieser Art war, sondern schon der fünfte. Die Öffentlichkeit glaubt, dass internationale Terroristen dahinter stehen, doch Halla entkommt der Verfolgung mit Flucht durch das weite Land, versteckt sich mal unter einem Erdvorsprung, mal in einem Schafkadaver oder taucht unter in einem eiskalten Fluss und findet auch in einem Bauern, der ihr Cousin sein könnte, einen Retter in höchster Not.

Witz entsteht auch dadurch, dass sich hinter dieser kühnen Umweltaktivistin im Grunde eine biedere Chorleiterin versteckt. Weitere Aktionen hat sie geplant, doch dann erhält die alleinstehende Frau die Nachricht, dass ihr vor vier Jahren aufgegebener Adoptionswunsch nun doch erfüllt wird und sie eine vierjährige Kriegswaise aus der Ukraine bekommen könnte.

Dazu muss ihre Zwillingsschwester, die als Yogalehrerin arbeitet, zustimmen, dass sie, falls Halla etwas zustößt, die Aufgabe als Adoptivmutter übernimmt. Im Gegensatz zur Aktivistin Halla konzentriert sich ihre Schwester (Halldóra Geirharðsdóttir in einer Doppelrolle) ganz auf das Innere, will bald für zwei Jahre nach Indien in ein Ashram.

Dem politischen Widerstand stellt Erlingsson mit dieser Figur der Weg zur inneren Ruhe gegenüber. Auch die Frage, ob Halla eine heroische Kämpferin für die Natur ist oder eine Terroristin à la Al-Qaida oder Anders Breivik kommt einmal auf, doch in erster Linie ist das kein Problemfilm, sondern wunderbar schräges und gleichzeitig doch sehr handfestes Kino mit einer ganz starken Heldin.

Gleichzeitig hat dieser ziemlich verrückte Film aber doch einen realen Hintergrund, denn die stark wachsende isländische Aluminiumindustrie hat in den letzten Jahren zu einem Ausbau der Kraftwerke und Hochspannungsleitungen im Hochland geführt und den Protest vieler Kunst- und Kulturschaffenden hervorgerufen.

Erlingsson, der schon mit seinem ultraschrägen Debüt "Von Pferden und Menschen" auf sich aufmerksam machte, steht entschieden hinter seiner Protagonistin und zieht so auch den Zuschauer auf ihre Seite. Mit diesem Kampf gegen die Behörden und den spektakulären Sabotageakten bekommt "Gegen den Strom - Woman at War" freilich auch eine durchaus anarchistische Note, macht Lust auf Widerstand und feiert den Kampf des Underdogs gegen den zahlen- und materialmäßig klar überlegenen Gegner.

Wesentlich leichter konsumierbar als "Von Pferden und Menschen" ist "Gegen den Strom - Woman at War" zwar, verfügt aber doch noch über genügend Eigenheiten, um weit über gängige Produktionen hinauszuragen und mit originellen Einfällen zu verblüffen und zu begeistern.

Letztlich führt es zwar nicht weiter, wenn immer wieder ein lateinamerikanischer Tourist mit seinem Mountainbike ins Visier der Polizei gerät und verhaftet wird, aber ein herrlicher Running Gag ist das allemal. Weit von Realismus entfernt ist dieser Film, der zu den originellsten Produktionen dieses Jahres zählt, zwar schon vom fulminanten Auftakt an, der den Ton vorgibt, doch dem Spaß an diesem souverän zwischen Witz und Spannung changierenden Mix aus vielen Genres tut das keinen Abbruch.

Das liegt auch daran, dass man hier in jeder Szene die Lust und das Herzblut spürt, mit der dieses Projekt realisiert wurde, und gleichzeitig dürften die prächtigen Bildern, mit denen Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson die weite isländischen Landschaft einfängt, bei Naturliebhabern unweigerlich die Reiselust wecken.

TasKino Feldkirch im Kino Rio: So 23.12, 20.30 Uhr; Di 25.12., 20.30 Uhr; Mi 26.12., 18 Uhr; Do 27.12., 20.30 Uhr
Spielboden Dornbirn: Sa 22.12. + Fr 28.12. - jeweils 19.30 Uhr
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 26.12., 20 Uhr; Fr 28.12., 22 Uhr
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: 9.1. 2019, 19 Uhr
(jeweils isländ. O.m.U.)

Trailer zu "Gegen den Strom - Woman at War"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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