4. Juli 2020 - 8:14 / Ausstellung / Geschichte 
5. Juli 2020 18. April 2021

Das Thema Geburt geht uns alle an. Wie der Tod betrifft Geburt ausnahmslos jeden Menschen. Vor zwanzig Jahren wurde das Frauenmuseum Hittisau aus der Wiege gehoben. Dieses Jubiläum feiert es mit einer facettenreichen Ausstellung, die sich der Geburtskultur widmet. Die Schau ist in Kooperation mit der Interessengemeinschaft "Geburtskultur a-z" entstanden.

Geburtskultur beleuchtet den Umgang einer Gesellschaft mit dem Start ins Leben sowie jene Rahmenbedingungen, in die eine Geburt eingebettet ist. Dabei spielen medizinische, gesundheitspolitische, anthropologische, philosophische und kulturhistorische Aspekte eine wesentliche Rolle. Die Ausstellung thematisiert diese und spannt dabei den Bogen von der Geschichte des Gebärens über weltweite Geburtsrituale bis hin zu aktuellen Debatten rund um Reproduktionstechnologien. Zeitzeug*innen schildern ihre persönlichen Erfahrungen als Mütter und Väter. Dieser individuelle Zugang wird durch zeitgenössische Positionen aus der Kunst vertieft und erweitert.

Über sieben Stationen setzten sich die BesucherInnen mit der Geburtskultur aus unterschiedlichen Blickwinkeln auseinander. Während sie der "Prolog" zunächst spielerisch auf die Inhalte einstimmt, erfahren sie im Bereich "Geburt verstehen" mehr über den physiologischen Vorgang einer Geburt. Fragen zum Elternwerden und zu Frauengesundheit werden ebenso behandelt wie die Menopause. Die Exponate dazu reichen von einer Schautafel zum Uterus (Pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm) über die erste Antibabypille bis hin zu Plazentacremes für die – angeblich – ewig junge Haut (beides Sammlung Dr. Henri Kugener, Innsbruck). An einer Riechstation können BesucherInnen mehr über Heilkräuter zur Schwangerschaft und Geburt erfahren und schmackhafte Rezepte für das Wochenbett mitnehmen.

"Praxis betrachten" rückt Vorarlberg in den Fokus, das bis in die 1970er Jahre hinein siebenundzwanzig Entbindungsheime aufwies und somit eine Sonderstellung innerhalb Österreichs einnahm. Heute gibt es im Land hingegen kein einziges Geburtshaus mehr – die Station spürt möglichen Gründe dafür nach. Eine interaktive Karte bildet Vorarlbergs aktuelles Versorgungsnetz ab und lädt BesucherInnen dazu ein, sich auszutauschen und wertvolle Informationen zu teilen. Darüber hinaus widmet sich dieser Bereich auch den kontroversen Themen Hausgeburt, Kaiserschnitt und Reproduktionstechnik. Auf einem historischen Streifzug werden berühmte Hebammen aus der Geschichte und ihre Werke vorgestellt. Eine Vielzahl an historischen Instrumenten illustriert diesen Abschnitt.

"Kultur leben" stellt weltweite Rituale und Bräuche rund um die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett vor. Obwohl diese unterschiedlich sind, lassen sich auch Gemeinsamkeiten erkennen: Der bunte Blumenhut der Iu Mien aus Laos (Girls Museum Laos/Luang Prabang), das anmutige Amulett aus Sizilien ( Frauenmuseumsinitiative) sowie die Sicherheitsnadel mit dem Blauen Auge/Nazar aus der Türkei erfüllen dieselbe Aufgabe: Sie sollen das Neugeborene schützen und den "bösen Blick" abwenden. In allen Kulturen geben Rituale Halt und Sicherheit.

"Ideologien hinterfragen" beleuchtet den Mutterkult im Nationalsozialismus, katholische Aussegnungsbräuche, Geburtsbilder in den Medien, die weltweite LeihmutterschaftIndustrie und hinterfragt die Entwicklung zum Designerbaby.

"Human rights in childbirth" macht darauf aufmerksam, dass Sexualität, Schwangerschaft, Geburt sowie Elternschaft mit Rechten verknüpft sind. Diese werden in unterschiedlichen Teilen der Welt jedoch immer wieder verletzt. Die Station zeigt internationale Initiativen auf, die sich für die Einhaltung von Menschenrechten starkmachen.

Zeitgenössische Kunstpositionen umhüllen den Ausstellungsraum wie einen Mantel. Sie fungieren nicht als Illustration, sondern vertiefen und erweitern das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie verarbeiten persönliche Eindrücke, hinterfragen Klischees und bieten neue Sichtweisen.

"Visionen gebären" weitet den Blick auf die Zukunft und stellt u.a. ein Projekt vor, das in der Ausstellung in Modellform zu sehen ist. Realisiert wurde es auf einer Wiese unweit des Frauenmuseums: Der "Raum für Geburt und Sinne" stellt den Prototyp eines neuartigen Gebärraums dar, der für eine ganzheitliche Geburt eintritt und alle Sinne berücksichtigt. Der geschindelte Bau besteht aus Lehm, einem Material, das Fremd- und Schadstoffe bindet, Wärme speichert, weltweit verfügbar ist und der Natur jederzeit zurückgegeben werden kann. Finanziert wurde das Projekt durch eine einzigartige Crowdfunding-Aktion, an der sich 500 Ziegelpat*innen und regionale Firmen beteiligten.

Geburtskultur "Vom gebären und geboren werden"
05. Juli 2020 bis 18. April 2021
Realisierung: Anka Dür (Architektin und Hebamme in Ausbildung), Anna Heringer (Architektin), Martin Rauch (Künstler, Lehmbauexperte) und Sabrina Summer (Designerin, Innenarchitektin)

Frauenmuseum Hittisau
Platz 501
A - 6952 Hittisau

T: 0043 (0)5513 6209-30
F: 0043 (0)5513 6209-19
E: kontakt@frauenmuseum.at
W: http://www.frauenmuseum.at/

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  •  5. Juli 2020 18. April 2021 /
"Raum für Geburt und Sinne" © Frauenmuseum Hittisau (Baufoto)
"Raum für Geburt und Sinne" © Frauenmuseum Hittisau (Baufoto)
Nabelschnurtäschchen amerikanischer UreinwohnerInnen, Nördliche Plains, um 1880, Privatbesitz Ella Ebenhoch, Götzis, Österreich © Angela Lamprecht
Nabelschnurtäschchen amerikanischer UreinwohnerInnen, Nördliche Plains, um 1880, Privatbesitz Ella Ebenhoch, Götzis, Österreich © Angela Lamprecht
Steigbügelgefäß mit Geburtsszene, Chimu-Kultur, 1100-1400 n. Chr., Peru, Sammlung Liselotte Kuntner, Küttigen, Schweiz © Angela Lamprecht
Steigbügelgefäß mit Geburtsszene, Chimu-Kultur, 1100-1400 n. Chr., Peru, Sammlung Liselotte Kuntner, Küttigen, Schweiz © Angela Lamprecht
Das Team des Frauenmuseum Hittisau, © Angela Lamprecht
Das Team des Frauenmuseum Hittisau, © Angela Lamprecht