Anlässlich der diesjährigen Parallel Vienna präsentiert die Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle im Pavillon 7 auf dem Otto Wagner-Areal in Wien zwei Galerie Statements. „Traces of Control” im Raum 5 zeigt Arbeiten von Patricia J. Reis und Ruth Schnell. Im Raum 4 sind Arbeiten von Michaela Konrad unter dem Titel „Progress through technology?” zu sehen.
Die Ausstellung „Traces of Control” von Patrícia J. Reis und Ruth Schnell ist das Ergebnis ihrer gemeinsamen künstlerischen Arbeit im Rahmen eines Forschungsprojekts. Sie wurde im Frühjahr 2025 erstmals in Wien gezeigt, anschließend in der Galerie Lisi Hämmerle in Bregenz vom 12. Juli bis zum 17. August und ist nun in minimaler Raumdimension auf der Parallel Vienna zu sehen.
Im Zentrum steht die kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen, ethischen und ökologischen Dimensionen von künstlicher Intelligenz und deren Einfluss auf unsere technologische Gegenwart.
Die präsentierten Arbeiten thematisieren kontroverse Aspekte aktueller KI-Entwicklungen, darunter autonome Waffensysteme, Gehirn-Hacking, die Ausbeutung von Datenarbeit, Sexroboter sowie die zunehmende Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen im Zuge des digitalen Extraktivismus.
In der Ausstellung nehmen diese komplexen Themen durch jeweils spezifische Materialität und Form physische Gestalt an: Keramische Skulpturen verweisen auf Waffensysteme mit autonomem Handlungspotenzial, während inszenierte Stahlskelette die konstruktive Struktur von KI-gesteuerten Sexrobotern zeigen. Ihre Form ist keine bildliche Repräsentation, sondern eine Leerstelle, die auf Hypersexualisierung und Objektifizierung verweist.
Es stellen sich drängende Fragen zu maschineller Handlungsmacht, Zustimmung und den Grenzen von Verantwortung im Zeitalter intelligenter Systeme.
Ein besonderer Fokus liegt auf den oft unsichtbaren Infrastrukturen, die den Betrieb von KI ermöglichen, wie dem Abbau seltener Rohstoffe, dem massiven Energie- und Wasserverbrauch globaler Rechenzentren und der häufig ausgebeuteten, unsichtbaren menschlichen Arbeitskraft hinter den digitalen Prozessen. Woher kommen diese Ressourcen? Wer verrichtet die zugrundeliegende Arbeit? Wer profitiert von dieser Intransparenz? Diese Zusammenhänge werden beispielsweise durch Datenvisualisierungen sichtbar gemacht – in Form bestickter Tischdecken, die Informationsschichten buchstäblich „auf den Tisch legen”.
Mit Blick auf neue Technologien im Bereich der Gehirn-Computer-Schnittstellen stellt sich die Frage: Wird das menschliche Denken selbst zur nächsten Ressource? Gedanken, Erinnerungen und Ideen könnten bald extrahiert, gespeichert, analysiert und manipuliert werden, was potenziell tiefgreifende Folgen für die individuelle Autonomie, die Privatsphäre und sogar das Recht auf Vergessen hätte. Die Materialisierung dieser Themenbereiche – etwa in Form von Gravuren in massivem Granit – verweist auf die Unumgänglichkeit einer ethischen und politischen Auseinandersetzung.
Ein Video bildet die Klammer der Ausstellung, fungiert als Kommentar zur verhandelten Thematik und macht als Denkfigur innerhalb der künstlerischen Gesamtkomposition Zusammenhänge sichtbar.
Patrícia J. Reis ist Medienkünstlerin und Forscherin. Sie beschäftigt sich mit den Verflechtungen zwischen Mensch, Technologie und nicht-menschlichen Akteuren. Basierend auf Medientheorie, Gender Studies und neuem Materialismus untersucht sie Parallelen zwischen menschlichen und maschinellen Prozessen und beschäftigt sich spielerisch mit den sensorischen Mechanismen des Körpers. Sie ist Postdoktorandin und Senior Researcherin und leitet das Forschungsprojekt „Hacking the Body as the Black Box” (Elise-Richter-Programm) an der Universität für angewandte Kunst Wien, wo sie seit 2015 im Fachbereich Digitale Kunst lehrt.
Ruth Schnell leitete bis Herbst 2023 die Abteilung Digitale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien. Ihr Werk umfasst insbesondere interaktive Video-Environments, dynamische Projektionen sowie Lichtinstallationen und setzt sich intensiv mit Fragen der Wahrnehmung auseinander. Ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit ist die Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen sowie der Beschaffenheit von Welt und Gesellschaft. Der Schwerpunkt ihrer aktuellen künstlerischen Forschung liegt auf den immersiven Aspekten von Mixed-Reality-Umgebungen.
Michaela Konrad – „Progress Through Technology?”
Im Stil der klassischen Midcentury-Comics und Science-Fiction-Pulp-Magazine entwirft Michaela Konrad Zukunftsszenarien, die auf den ersten Blick mit einer beschaulichen, ja pittoresken Atmosphäre spielen. Bei eingehenderer Betrachtung lassen sich jedoch existenzielle Bedrohungen ausmachen, wie die Folgen der hemmungslosen Technologisierung, der Umweltzerstörung und des Klimawandels.
Michaela Konrad beleuchtet dies auf ironische Weise und verweist auf das allzu menschliche Verhalten, Prognosen nicht ernst zu nehmen, zu spät zu handeln und entstandene Schäden nur notdürftig zu reparieren. Dabei wird deutlich, dass notwendige Lösungsansätze umso drastischer ausfallen müssen, je weniger heute für die Ursachenbekämpfung getan wird.
Gezeigt werden Zeichnungen und Siebdrucke, die zum Teil durch Augmented Reality erlebbar werden. Mit den ausgestellten Skizzen und Vorzeichnungen gibt die Künstlerin auch Einblicke in ihren Schaffungsprozess, bei dem der Leitgedanke der Werkserie stets im Mittelpunkt steht.
Michaela Konrad (*1972 in Graz) lebt und arbeitet in Wien und Teneriffa.
Parallel Vienna 2025
10. bis 14. September 2025