Friedrich Dürrenmatt – Hochmut kommt vor dem Fall

Der Turmbau zu Babel verkörperte für Friedrich Dürrenmatt die Hybris, den Größenwahn, der die Menschen dazu verleitet, jegliche Grenzen zu überschreiten. Sein ganzes Leben lang beschäftigte er sich in Texten, Zeichnungen, Theater- und Musikstücken mit diesem Thema.

Ausgehend vom Turmbau zu Babel und weiteren Motiven hinterfragte er die Arroganz der Menschen, die ihren eigenen Untergang herbeiführen kann. Dabei hegte Dürrenmatt aber auch stets die Hoffnung, dass aus dem Zusammenbruch neue Welten hervorgehen.

Wir leben in einer Zeit, in der die Grenzen unseres Planeten missachtet werden, in der größenwahnsinnige Bauwerke, technischer Fortschritt und unendliches Wirtschaftswachstum verherrlicht werden und in der das transhumanistische Streben nach Unsterblichkeit Kult ist. Um diese Realität treffend zu umschreiben, gewinnt der aus der griechischen Antike stammende Begriff der Hybris wieder an Bedeutung. Er ist das zentrale Thema dieser Ausstellung im Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN). Es werden aber auch Werke gezeigt, die sich mit dem „goldenen Mittelweg” befassen und dazu einladen, unsere Lebensweise, unseren Umgang mit Technik, unsere Machtgefüge und unseren Bezug zur Natur zu überdenken sowie unsere Gestaltung der Welt neu zu erfinden.

Line Marquis (* 1982 in Delsberg, lebt und arbeitet in Lausanne) und Antoinette Rychner haben auf Einladung des CDN eigens für diese Ausstellung neue Werke geschaffen. Die Künstlerin Line Marquis (* 1982 in Delsberg, lebt und arbeitet in Lausanne) bringt ein sieben Meter langes Bild direkt auf einer Wand des Museums an und präsentiert weitere Werke zum Ausstellungsthema. Die Schriftstellerin Antoinette Rychner (* 1979 in Neuenburg, lebt und arbeitet im Schweizer Jura) hat einen Text zum Thema Hybris verfasst. Dieser wird im Cahier des CDN veröffentlicht und ist in der Ausstellung zu hören.

In der Ausstellung sind zudem Werke weiterer Kunstschaffender zu sehen: ein Video von Peter Aerschmann (* 1969 in Freiburg, lebt und arbeitet in Bern), monumentale Bronzeskulpturen von Hansjürg Buchmeier (* 1956 in Winterthur, lebt und arbeitet in Luzern), Skulpturen der Schriftstellerin und Künstlerin Erica Pedretti (* 1930 in Sternberg, Nordmähren, heutige Tschechische Republik; † 2022 in Tenna, Graubünden), ein von Pieter Bruegels Stichen inspiriertes Video von Antoine Roegiers (* 1980 in Braine-l’Alleud, Belgien; lebt und arbeitet in Paris) sowie eine großformatige Fotografie von Du Zhenjun (* 1961 in Shanghai; lebt und arbeitet in Paris). Ein partizipatives Kunstwerk des Duos Aalaii & de Perrot rundet die Ausstellung ab. Im Rahmen einer für 2027 geplanten Ausstellung im CDN leiten die Künstler zudem kreative Workshops.

Auf Initiative des neuen CDN-Leiters Gabriel Grossert finden verschiedene Veranstaltungen mit Musik, Tanz und Literatur statt, die das CDN zu einem Ort der Vielfalt machen. Gesellige und festliche Anlässe wie ein Brunch rund um Dürrenmatts Schwimmbad oder DJ-Sets auf der Terrasse bereichern das sommerliche Rahmenprogramm. Die Ausstellung wird von einem Cahier des CDN und einer Podcast-Reihe begleitet.

Das Centre Dürrenmatt Neuchâtel ist ein Museum der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB), einer Institution des Bundesamtes für Kultur (BAK).

Die Ausstellung im Detail

Babel in Worten und Bildern

Der Turmbau zu Babel ist ein zentrales Motiv im Christentum und seit Jahrhunderten eine Inspirationsquelle für Kunstschaffende. Seine ausdrucksstarke Symbolik wurde im Laufe der Zeit immer wieder neu interpretiert.

Friedrich Dürrenmatt beschäftigte sich während seiner gesamten Schaffenszeit mit diesem Thema und verarbeitete es schreibend, zeichnend, musikalisch und in Theaterstücken. Wenn ihm ein Text nicht gelingen wollte, griff er zum Zeichenstift oder Pinsel und gestaltete ein Bild – und umgekehrt. Das Thema des Turmbaus bringt somit die Komplementarität in Dürrenmatts künstlerischer Praxis gut zur Geltung.

Das Motiv blieb für Dürrenmatt jedoch immer schwer fassbar. So verbrannte er beispielsweise sein unvollendetes Theaterstück „Der Turmbau zu Babel”. Dieser Misserfolg erhielt somit eine ganz neue Bedeutung: Sein literarisches Vorhaben wurde selbst zu einem babylonischen Unterfangen.

Babel ist der Inbegriff der Hybris

Der Mythos von Babel wurde unter anderem als Metapher für die Sprachenvielfalt, die Macht des kollektiven Handelns oder die Grenzen des menschlichen Hochmuts interpretiert. Die Ausstellung konzentriert sich auf diesen letzten Aspekt, der auch für Dürrenmatt von zentraler Bedeutung war. Für ihn war der Turmbau zu Babel ein Sinnbild für Hybris und Größenwahn, der die Menschen zu Vermessenheit verleitet, sie dazu anregt, über sich hinauszuwachsen und sie schließlich in den Untergang treibt.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit untersucht die Ausstellung verschiedene Facetten der Hybris. In seinen Überlegungen zu Katastrophen, Macht oder Technologie griff Dürrenmatt auf verschiedene Motive zurück, um die Arroganz und den grenzenlosen Ehrgeiz der Menschen darzustellen; Babel war für ihn jedoch der Inbegriff der Hybris schlechthin.

Zwar waren Dürrenmatts Betrachtungen im Kontext des Kalten Kriegs verankert, angesichts der heutigen Ideologie des Raubbaus, des Größenwahns der Mächtigen und des Strebens nach technologischer Überlegenheit sind sie aber nach wie vor aktuell.

Vom gottbestraften Laster zur Kultur der Hybris

„Frevelmut soll man eher löschen als Feuersbrunst”, mahnte schon Heraklit. Maßlosigkeit galt in der Antike als schwerwiegendes moralisches Vergehen, das von den Gottheiten gerächt wurde. Dürrenmatt illustrierte diesen göttlichen Zorn in seinem Werk mehrfach.

Während die Hybris im antiken Griechenland eine individuelle moralische Verfehlung war, ist sie in den sogenannten „entwickelten” Gesellschaften heute ein kollektives Phänomen. Das Credo „immer mehr” drückt sich im Wettbewerbsdenken, in der Konsumsucht und im Leistungskult aus. Das Überschreiten von Grenzen und das Streben nach Allmacht werden nicht nur in der Politik und in der Wirtschaft gefeiert, sondern haben auch zur kulturellen Prägung einer Gesellschaft beigetragen, in der Maßlosigkeit und Größenwahn zur Norm geworden sind.

Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter

Die offensichtlichste Metapher, die mit dem Turmbau zu Babel in Verbindung gebracht wird, ist zweifellos der architektonische Größenwahn. Im Hinblick auf die Inszenierung seines Theaterstücks „Ein Engel kommt nach Babylon” betonte Dürrenmatt die Aktualität der Stadt Babel, die er sich in Anlehnung an New York und Paris als gigantische Metropole „mit Wolkenkratzern und Elendsvierteln” vorstellte.

Die zunehmend überdimensionalen Wolkenkratzer sind das Symbol einer Kultur der Expansion, die tief in einer imperialistischen Denkweise verwurzelt ist. Die Menschheit hat sich heute praktisch die gesamte Erdoberfläche angeeignet. Sie entwickelt Projekte für Unterwasserstädte oder „Smart Cities” mitten in der Wüste, plant die Besiedlung anderer Planeten und verwandelt den Weltraum in einen neuen Markt, den es zu erschließen gilt.

Ist Technologie die Rettung?

Die erstrebte Eroberung neuer Gebiete wird vom „Technologismus” – dem blinden Vertrauen in den technischen Fortschritt – angetrieben, verstärkt und beschleunigt. Diese größenwahnsinnigen Tendenzen spiegeln sich im sogenannten Gabor-Gesetz wider: Alles, was technisch machbar ist, wird zwangsläufig auch umgesetzt.

Während Unternehmen aus dem Tech-Sektor weiterhin die Idee einer angeblichen Befreiung durch Technologie anpreisen, äußerte Dürrenmatt bereits 1958 in seinem Gedicht „Elektronische Hirne” seine Befürchtung, dass die wachsende Abhängigkeit des Menschen von der Technik zu dessen Selbstversklavung führen könnte.

Die Verherrlichung des Wachstums

Die kapitalistische Wirtschaft ist untrennbar mit der Spitzentechnologie verbunden und basiert auf einer Ideologie von Leistung, permanenter Innovation und unbegrenztem Wachstum.

Für Dürrenmatt ist Geld ein trügerisches Versprechen, das die Menschen in Versuchung bringt und sie ins Verderben stürzen kann. Der Schriftsteller und Maler hat die freie Marktwirtschaft und ihre katastrophalen ökologischen und sozialen Auswirkungen denn auch wiederholt kritisiert.

Im Rausch der Macht

Das vom Neurologen und Politiker David Owen entwickelte Konzept des „Hybris-Syndroms” bezeichnet ein übermäßiges Selbstvertrauen und ein Gefühl der Unbesiegbarkeit, die mit Machtausübung einhergehen können und zu autoritären Entgleisungen führen. Der Begriff wird heute verwendet, um den Größenwahn von Politik oder Großunternehmen zu umschreiben.

In den Werken von Friedrich Dürrenmatt spielen Machtfiguren eine zentrale Rolle: Oft stellte er Könige, Päpste und andere Autoritätspersonen in grotesken Szenen oder Karikaturen dar und brachte deren Ausschweifungen, aber auch ihre Fragilität auf ironische Art und Weise zum Ausdruck.

Der Wahn der Unsterblichkeit

Im antiken Griechenland bezeichnete Hybris das eitle menschliche Streben, sich auf dieselbe Stufe wie die Götter zu stellen, um namentlich deren Unsterblichkeit zu erlangen. Dürrenmatt griff dieses Thema in seinen Zeichnungen und Erzählungen auf und setzte sich aus der Perspektive des Grotesken mit dem Tod auseinander. Ein Beispiel hierfür ist das vom Tod des spanischen Diktators Franco inspirierte Stück „Die Frist“: Ein General wird so lange künstlich am Leben erhalten, bis der Premierminister die Macht übernommen hat. Dürrenmatt befasste sich auch mit der Macht über das Leben und machte sich einen Spaß daraus, sich selbst tausendfach geklont vorzustellen.

Es stellt sich die Frage, was er wohl von den jüngsten Entwicklungen des radikalen Transhumanismus gehalten hätte – einer Bewegung, die das Ziel verfolgt, die biologischen Grenzen zu überwinden, menschliche Fähigkeiten mithilfe modernster Technologien zu erweitern und die Lebenserwartung zu verlängern.

Maß und Maßlosigkeit

Im altgriechischen Gedankengut wurde Hybris als zerstörerische Kraft verstanden, die die weltliche Harmonie bedroht. Als Gegenpole galten Phronesis (Klugheit, Vernunft) und Sophrosyne (Gelassenheit, Besonnenheit).

Die Suche nach einem Gleichgewicht findet heute ihren Widerhall in Bewegungen der Entschleunigung oder der „Philosophie der Grenzen”, im von Ivan Illich entwickelten Konzept der Konvivialität, in ökofeministischen Überlegungen zur unbezahlten Subsistenzarbeit oder auch in der politischen Philosophie der „Robustheit” gegenüber dem Leistungswahn. All diese Ansätze rufen dazu auf, unsere Lebensweise, unseren Umgang mit Technik, unsere Machtstrukturen und unseren Bezug zur Natur zu überdenken, um neue Wege der Lebensgestaltung zu finden.

Bei Dürrenmatt ist der Zusammenbruch jedoch nie ausweglos. In mehreren seiner Werke lässt er Raum für Hoffnung, wie beispielsweise in dem vielsagenden Stück Untergang und neues Leben.

Babel – Hochmut kommt vor dem Fall
24. April bis 16. August 2026