1. Oktober 2011 - 3:27 / Musiktheater

Die neue Oper Wien, ein Ensemble ohne eigenes Haus, das für seine Projekte jeweils geeignete Spielstätten auswählt, produziert in der ehemaligen Expedithalle der Brotfabrik im Arbeiterbezirk Favoriten die Oper "Baal" von Friedrich Cerha, die im August 1981, also vor 30 Jahren, bei den Salzburger Festspielen mit den Wiener Philharmonikern unter Christoph von Dohnány und dem Bariton Theo Adam ihre akklamierte Uraufführung in einer Inszenierung von Otto Schenk erlebte.

Jetzt, da dem Komponisten zum 85. Geburtstag verschiedene Aufführungen und Ehrungen gewidmet sind, bringt die Neue Oper in der musikalischen Leitung von Intendant und Dirigent Walter Kobéra die Oper in einer Inszenierung von Regisseur Leo Krischke; es spielt das amadeus ensemble Wien; den Baal sing der Bariton Sébastien Soulés, in weiteren Rollen sieht und hört man, wenn man denn hört, weil die akustischen Bedingungen in dieser Halle katastrophal sind, Michael Wagner (Ekart), Gernot Heinrich (Johannes), Belinda Loukota (Sophie), Manuela Leonhartsberger, Katharina Tschakert und andere.

Man fragt sich, was Walter Kobéra dazu geführt hat, so eine untaugliche Halle als Spielstätte zu wählen. Sie mag eventuell für Techno- oder Rockkonzerte oder Modeevents geeignet sein, nicht aber für eine Oper, deren Sänger ohne Mikrofon gegen das Orchester ansingen müssen und natürlich unterliegen. So war in der neunten Reihe, in der ich saß, während zwei Dritteln der Darbietungen kein Wort zu verstehen, weil die Musik alles zudröhnte. Vorne schien es zu funktionieren, wie mir ein Kollege mitteilte. Ab der Mitte war es vorbei; dies bestätigte mir auf Anfrage auch Lothar Knessel, der neben mir saß. Ich vermute, der Komponist, der eine Reihe vor mir mit seiner Gattin Platz genommen hatte, war auch nicht gerade erbaut.

Nachdem das Einführungsgespräch, das Barbara Rett vor der Aufführung abführte, tat mir der Ehrengast leid; die dilletierende, völlig inkompetente Rett führte kein Gespräch, sondern las Fragen vom Zettel und war in ihrer Unwissenheit einfach peinlich. Dass die Tonübertragung während 10 Minuten nicht richtig funktionierte, verstärkte nur den Eindruck von improvisiertem Unvermögen.

Die Anstrengungen, die ich unternahm, doch noch etwas vom Gesang zu hören, was, nur in den wenigen leiseren Passagen möglich war, ließ wenigstens erahnen, dass die Sänger und Sängerinnen doch singen können. Aber ihre Stimmen trugen nicht unter diesen Bedingungen und erfüllten damit eine wesentliche Forderung des Komponisten nicht, der dem Wort nicht nur Respekt zollt, sondern es auch zu tragender Wirkung gebracht haben will. Nichts davon. Wer Baal nicht von einer früheren Inszenierung oder von den LPs bzw. CDs kennt, war auf Mutmaßungen angewiesen. Deshalb sprang auch kein Funke über, stellte sich keine musikalische Poesie ein.

Der Beifall nach dem ersten Teil war dementsprechend verhalten. Am Ende des Stücks etwas lebhafter, aber immer noch moderat. Keine wirkliche Begeisterung. Schade für die vertane Chance. Dabei hätte die Neuinszenierung und Wiederaufführung dieser Oper, die in Wien zuletzt 1992 an der Staatsoper gespielt wurde, einiges dazu beitragen können, das Werk und den Stoff nach so vielen Jahren interpretativ zu bewerten. Dafür liefert diese Aufführung keine Gelegenheit.

Sébastien Soules singt akzentfrei (er ist Franzose), spielt aber nicht den Berserker, den anarchischen bösen Außenseiter. Er ist "nett"; ihm nimmt man diese Rolle nicht ab.

Das eigenartige Bühnenbild mit einer steil abfallenden Zunge als Dreieck in den Zuschauerraum reichend, reduziert den Spielraum auf wenige Quadratmeter und zwingt die dauernden Auf- und Abgänge entweder durch Ab- und Auftauchen durch Klapptürchen oder die Türen an der Hinterwand. Vielleicht wurde diese Konstruktion gewählt, um die komplizierten Auseinandersetzungen zwischen dem Individuum Baal und dem Kollektiv so einfach wie möglich hinzubiegen? Oft scheint die schmale Bretterwelt, nur durch die Hinterwand erweitert, wie ein Laufsteg, der mit seinen Raumsachzwängen nur enge Bewegungen ermöglicht. Befremdlich, diese intendierte Reduktion in einer breiten Halle.

Eine packende Inszenierung hätte angeregt. Vielleicht auch zu Fragen der Vorlage von Brecht, zum Themenkern, und was der Komponist daraus gemacht hat. Nach 30 Jahren mag man das, was früher modern war oder als solches galt, vielleicht anders interpretieren. Dieses Unterfangen bleibt müßig oder "akademisch", weil diese Inszenierung nicht packt, nicht gefangen nimmt, sondern sich "gewöhnlich" dahinbewegt. Es waren nur wenige geglückte Momente zu registrieren. Deshalb fielen einige Längen oder Durchhänger eher auf, als es sonst gewesen wäre.

Ein Desaster, das sich Friedrich Cerha nicht verdient hat, und auch wir, das Publikum, nicht.

Baal von Friedrich Cerha
Bühnenwerk in 2 Teilen nach 4 Fassungen von
Bertolt Brechts gleichnamigem Theaterstück
Libretto: Friedrich Cerha

Expedithalle (Zugänge: Puchsbaumg. 1C oder Absbergg.27, 1100 Wien)
Karten: Tel. +43/699/10745907

Premiere 29. September 2011
Weitere Vorstellungen: 2. / 7. & 8. Oktober 2011
Beginn jeweils 19.00 Uhr

Musikalische Leitung: Walter Kobéra
Regie: Leo Krischke
Bühne & Kostüme: Gilles Gubelmann
Lichtdesign: Norbert Chmel

Baal: Sébastien Soulès
Mit Elisabeth Lang, Manuela Leonhartsberger, Belinda Loukota, Ulla Pilz, Katharina Tschakert, Dieter Kschwendt-Michel, Gernot Heinrich, Stephan Rehm, Oliver Ringelhahn, Michael Schwendinger, Daniel Serafin, Michael Wagner und Harald Wurmsdobler

Amadeus Ensemble Wien



  •  29. September 2011 8. Oktober 2011 /
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Szenenfoto (c) Armin Bardel
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Szenenfoto (c) Armin Bardel
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Szenenfoto (c) Armin Bardel