Franz Wanner - Machtstrukturen und gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen

Kunst Meran präsentiert mit „Franz Wanner – Eingestellte Gegenwarten. Bilder einer Ausbeutung” die erste Einzelausstellung des deutschen Künstlers in Italien.

In seiner künstlerischen Arbeit beschäftigt sich Franz Wanner mit Machtstrukturen und gesellschaftlichen Verdrängungsmechanismen. Dabei setzt er sich mit Themen wie dem deutschen Geheimdienst, der Rüstungsindustrie sowie den wirtschaftlichen und ideologischen Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland auseinander. Mit seiner forschend-konzeptionellen Arbeitsweise verbindet er dokumentarische Quellen mit fiktionalen Elementen und entwickelt so vielschichtige Erzählungen über das institutionalisierte Wegsehen und die blinden Flecken der Erinnerungskulturen Deutschlands und Südtirols.

In der Ausstellung widmet sich Franz Wanner der Ausbeutung durch nationalsozialistische Zwangsarbeit und deren Fortwirken bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt ist eine handgefertigte Plexiglas-Schutzbrille aus dem ehemaligen KZ Sachsenhausen. Sie wurde mutmaßlich aus Materialresten der Rüstungsindustrie hergestellt und von einer Zwangsarbeiterin oder einem Zwangsarbeiter getragen. Die Brille steht symbolisch für Überlebenswillen, Selbstermächtigung und Widerstand, aber auch für das kollektive Vergessen.

Im Zentrum der Schau steht das 1933 von Röhm & Haas entwickelte Material Plexiglas. In Werkreihen wie „Schatten I–III” (2024/2025) verwendet Wanner ausgediente Plexiglas-Objekte – von Abdeckungen für Ausstellungsexponate bis zu Polizeischildern – als Chiffren für institutionelle Gewalt und staatliche Kontrolle. Die Ausstellung folgt keiner linearen Erzählung, sondern verdichtet sich zu einer mehrdimensionalen Untersuchung gesellschaftlicher und ideologischer Zusammenhänge.

Mit der Serie „Musterfolien“ (2024/2025) verdichtet Wanner seine Recherchen zu klaren Text-Bild-Konstellationen: sachliche Fotografien menschenleerer Orte der Zwangsarbeit, kombiniert mit prägnanten historischen Fakten. Für die Arbeit „Musterbuch“ (2025) erweitert er seine Perspektive auf Südtirol und thematisiert die „Operationszone Alpenvorland“, das Konzentrationslager sowie dessen Verwaltung und Außenlager in Meran. Anhand von Archivfunden aus der Lagerverwaltung dokumentiert er den Einsatz von Zwangsarbeitern in der Region.

Auch filmisch verknüpft Wanner Dokumentarisches und Fiktionales. In „Berlin-Lichtenberg“ (2024) bearbeitet er 16-mm-Filmmaterial aus dem Jahr 1943, um die alltägliche Präsenz der Zwangsarbeit im Stadtbild sichtbar zu machen. In dem Video „Mind the Memory Gap“ (2022) persifliert er den Revisionismus und die Selbstentlastungsstrategien deutscher Unternehmen, die ihre NS-Vergangenheit tilgen wollen.

Franz Wanner, 1975 in Bad Tölz geboren, lebt in München und Zürich.

Franz Wanner
Eingestellte Gegenwarten
Bilder einer Ausbeutung
Bis zum 18. Januar 2026