Franz Wanner - Eingestellte Gegenwarten

Zu Beginn der Ausstellung „Eingestellte Gegenwarten” von Franz Wanner im Lenbachhaus in München ist eine Schutzbrille aus Plexiglas zu sehen. Sie wurde bei Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen gefunden. Über die Person, die inhaftiert war, zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurde und mit der Brille ihr Augenlicht schützte, gibt es bislang keine Informationen. Ihr Wunsch, sich zu schützen, ist bis heute an diesem Objekt sichtbar.

Das Material, aus dem die Brille besteht, wurde 1933 von der deutschen Firma Röhm & Haas unter dem Markennamen „Plexiglas” vorgestellt und ab 1936 fast ausschließlich in der Rüstungsindustrie für Flugzeugfenster verwendet. In Propagandaausstellungen des NS-Staats wurden die technischen Möglichkeiten des schattenlosen Materials angepriesen. Heute bestehen die unterschiedlichsten Gegenstände aus Plexiglas, vom Polizeischild bis zur musealen Vitrinenhaube. In der Ausstellung werden solche Gegenstände losgelöst von ihrer ursprünglichen Funktion zu Verwahrstücken, die den Ausstellungsraum als Tatort markieren. Im Nationalsozialismus wurden im Namen des „Kunstschutzes” auch in Museen wie dem Lenbachhaus Zwangsarbeiter:innen eingesetzt, etwa zur Evakuierung von Kunstwerken bei Luftangriffen. Dies erforschte und machte Franz Wanner in seinen künstlerischen Analysen erstmals öffentlich.

Franz Wanner (* 1975 in Bad Tölz) interessiert sich für die Lücke zwischen Realität und Selbstdarstellung der Bundesrepublik. Dafür recherchiert er deren Geschichte und betrachtet aufmerksam, wie diese für die Gegenwart beschönigt, bereinigt und instrumentalisiert wird. Die Ausbeutung von Arbeitskraft ist das zentrale Thema seiner Ausstellung am Lenbachhaus. Im Nationalsozialismus war der Einsatz von Zwangsarbeiter:innen in allen gesellschaftlichen Bereichen weit verbreitet. Auf den massiven Strukturen der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus fußten später die Anwerbeabkommen mit Italien, der Türkei, Griechenland und Jugoslawien. Die Menschen, die ab 1955 angeworben wurden und nach Deutschland zogen, wurden teils in ehemaligen NS-Baracken untergebracht, die als „Gastarbeiterlager” bezeichnet wurden. Die gesetzliche Grundlage dieser Abkommen basierte auf einer NS-Verordnung aus dem Jahr 1938.

Mit seinem prüfenden Blick richtet Wanner den Fokus auf heutige staatliche Institutionen wie den Geheimdienst und die Polizei, die Verzahnung von universitärer Forschung und Rüstungsindustrie sowie Deutschlands aktive Rolle in der auf Abwehr ausgerichteten Migrationspolitik der Europäischen Union und fragt, wo und wie sich der Nazismus von einst im Wirtschaftsliberalismus von heute fortschreibt.

Als Artist in Residence des Harun Farocki Instituts entwickelte er die Ausstellung „Mind the Memory Gap” für das Kindl– Zentrum für Zeitgenössische Kunst in Berlin. Die Ausstellung am Lenbachhaus basiert auf dieser früheren Präsentation.

Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten
bis 19. Juli 2026
Kuratiert von Stephanie Weber