28. Mai 2019 - 8:28 / Ausstellung / Malerei 
26. Mai 2019 16. Februar 2020

Die Ausstellung und das begleitende Forschungsprojekt arbeiten das Leben und Wirken des spektakulären Selfmademan unter den europäischen Kunstsammlern umfassend auf. Das Besondere am Wirken Hauers ist, dass er es als mittelloser Briefträgersohn zum wohl spektakulärsten Kunstsammler seiner Zeit schaffte. Einzigartig ist dabei der Umstand, dass er sich als „Kunstenthusiast originellster Art“ (Carl Moll) mit einfachstem Bildungshorizont bald den modernsten Strömungen seiner Zeit zuwandte.

Franz Hauer (1867–1914) kommt in Weißenkirchen/Wachau in mittellosen Verhältnissen zur Welt. Mit einer Gaststätte, dem legendären Griechenbeisl in Wien, erreicht er Wohlstand und widmet sich fortan dem Sammeln von Kunst. Hauer wird der wichtigste Sammler von Albin Egger-Lienz, besitzt aber auch zentrale Werkblöcke von Egon Schiele und Oskar Kokoschka und vielen anderen Künstler/innen, die er u. a. in seiner eigens konzipierten Galerie in der Wiener Silbergasse präsentiert. 1914 stirbt er im Alter von nur 47 Jahren plötzlich an einer Blinddarmentzündung. In den Jahren nach seinem Tod wird die Sammlung zum großen Teil verkauft und befindet sich heute in zahlreichen wichtigen Privatsammlungen und Museen in Europa und den USA. Bedeutende Werke der Sammlung gehen als Erbe an die Enkelin Christa Hauer-Fruhmann und befinden sich heute in den Landessammlungen Niederösterreich.

Die Landesgalerie Niederösterreich beforscht seit drei Jahren die faszinierende Persönlichkeit des Franz Hauer. In der Ausstellung werden zentrale Werke seiner Sammlung gezeigt, die einst über 1.000 Arbeiten gezählt haben dürfte. Die Exponate, darunter Meisterwerke der Kunstgeschichte, wurden aus zahlreichen renommierten Museen und Privatsammlungen aus Europa und den USA zusammengetragen und ergänzen den Bestand der Landessammlungen Niederösterreich. Zu sehen sind u. a. Wally (1912) und Agonie (1912) von Egon Schiele, das Portrait Franz Hauer von Oskar Kokoschka (1913), Totentanz (3. Fassung, 1914) und Lorli (1907) von Albin Egger-Lienz oder Der Kalvarienberg bei Stift Lilienfeld (1907/1908) von Robert Russ, das zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Ausstellungsbereiche

Hubert Lanzinger

„Auf einen Künstler muß ich Sie aufmerksam machen. In Wien soll ein ganz eminenter Maler sein, der sich [Hubert] Lanzinger schreibt […]“, so Albin Egger-Lienz in einem Brief an Franz Hauer im März 1912. Die Empfehlung von Egger-Lienz fiel auf überaus fruchtbaren Boden. Hauer erwarb in den folgenden Jahren mehrere Ölbilder, Pastelle und Zeichnungen. Der Sammler schätzte an Lanzinger die einfühlsamen Akte und feinen Stillleben, oft ausgeführt in einer könnerhaft zum Einsatz kommenden Pastelltechnik. Als Hauer zwei Jahre später, im Juni 1914, starb, verlor Lanzinger seinen einzigen wahren Mäzen. Seine traditionelle Prägung und die zunehmende bedingungslose Ablehnung der Moderne führten ihn in den Schoß des Nationalsozialismus. Lanzinger wurde zu einem Paradekünstler des NS-Regimes.

Karl Sterrer

Der Maler Karl Sterrer und sein Mäzen Franz Hauer hatten eine sehr wechselhafte wie spannungsreiche Beziehung. Vierzehn Monate lang verbrachte Sterrer auf der Insel Capri mit finanzieller Unterstützung des Sammlers (1911/12). Er war der einzige Maler, dem Hauer einen so langen Auslandsaufenthalt gesichert hatte. Auf Capri entstanden mehrere Werkblöcke zusammen mit den dazu nötigen Vorstudien. Als Auftraggeber erwies sich Hauer durchaus so selbstbewusst, um mit formalen und inhaltlichen Forderungen in die Arbeiten des Künstlers einzugreifen. Neben thematischen Divergenzen kam es immer wieder auch zu monetären Konflikten. Am Ende ihrer Beziehung besaß der Mäzen rund drei Dutzend größerer Arbeiten des Malers sowie zahlreiche Zeichnungen und Skizzen.

Anton Faistauer

Für den Maler Anton Faistauer war der Sammler Franz Hauer am Beginn seiner künstlerischen Karriere von großer Wichtigkeit. Hauer konnte eine Vielzahl von Faistauer-Werken sein Eigen nennen, nur Albin Egger-Lienz und Oskar Kokoschka waren ähnlich gut in seiner Sammlung vertreten. Die couragierte und durchaus fordernde Persönlichkeit Hauers bei der Auswahl der Werke kurbelte Faistauers Schaffenseifer derart an, dass er zu künstlerischer Höchstform auflief und in dieser Zeit bereits einige Hauptwerke schuf. Da Faistauer aber auf die entäußerten Bilder – etwa für Ausstellungen – immer wieder zurückgreifen wollte und sich Hauer aufgrund seiner besonderen Besitzfreude hierzu ungern bereit erklärte, kam es zum Zerwürfnis zwischen dem Künstler und dem Sammler.

Wachau

Anfang des 20. Jahrhunderts waren Darstellungen der Wachau sehr beliebt. Sie stellte für viele Städter einen Sehnsuchtsort dar, an dem sie ihre Sommerfrische verbrachten, und für die Wiener Künstlerschaft ein Mekka der Landschaftsmalerei. In der Sammlung Hauer gab es einen kleinen Wachau-Schwerpunkt, etwa mit Arbeiten von Tina Blau, Johann Nepomuk Geller, Josef Kinzel, Robert Russ, Ludwig Sigmundt, Emil Strecker, Maximilian Suppantschitsch oder Eduard Zetsche. Das hatte nicht nur mit Hauers Herkunft zu tun, sondern auch mit dem diesbezüglich überaus reichen Bilderangebot in der Wiener Kunstszene. Hauer legte es aber nicht darauf an, eine Spezialsammlung zur Wachau aufzubauen, da er von manchem ausgewiesenen Meister des Fachs ausschließlich „nicht wachauerische“ Motive auswählte.

Egon Schiele

Die erste Begegnung Egon Schieles mit Franz Hauer erfolgte auf Initiative des Künstlers mit einem Brief vom 12. Juli 1912: „Geehrter Herr Hauer! ich habe gehört daß Sie einer von den Wenigen sind die Bilder von den Jüngsten erwerben, möchten Sie mich nicht besuchen […]?“ Schon zwei Wochen später bestätigte Schiele den Empfang von 900 Kronen für die drei Bilder Herbstland, Bekehrung und Agonie, die an Hauer verkauft worden waren. Alles ging sehr schnell, die Chemie zwischen den beiden stimmte auf Anhieb. Der Gastwirt begeisterte sich für Werke mit rätselhaften Bildinhalten, deren Deutung bis heute umstritten ist. Hauer wurde zu einem der zentralsten Sammler Schieles, die Beziehung bis zum Tod des Sammlers dauerte allerdings nur zwei Jahre.

Albin Egger-Lienz

Im Gegensatz zu Egon Schiele und Oskar Kokoschka, die den Weg zu zahlreichen Sammlern finden konnten, war Franz Hauer für Albin Egger-Lienz nicht ersetzbar. Dem Schaffen von Egger-Lienz galt das zentralste Interesse von Hauer, dem es auch vergönnt war, die wichtigsten Schaffensphasen des Künstlers zu begleiten. Die Beziehung zwischen den beiden entwickelte sich rasch zu einer weitreichenden Partnerschaft. Es gab Empfehlungen und Warnungen, die von Hauer jedoch nicht immer befolgt wurden. Der Hinweis „Aber den Kokoschka würde ich Ihnen nicht empfehlen“ änderte nichts daran, dass Hauer zahlreiche großartige Werke des Expressionisten kaufte. Viele der Hauptwerke von Albin Egger-Lienz waren in der Galerie Hauers in der Silbergasse in einem dem Künstler gewidmeten Raum vereint.

Oskar Kokoschka

Franz Hauer hatte eine exquisite Sammlung zentraler Werke Oskar Kokoschkas. Nach dem Tod Hauers wurden die Bilder en bloc an den Berliner Galeristen Paul Cassirer verkauft. Der Künstler war über den Verkauf wenig erfreut, da er selbst aktuelle Werke für den Kunstmarkt vorgesehen hatte. Seine Strategie bestand nun darin, die Qualität der Hauer-Werke kleinzureden, indem er sie einer „nicht sehr glücklichen künstlerischen Periode“ zurechnete; eine Einschätzung, der man wohl schwer folgen kann. In Kokoschkas Erinnerung hatte Hauer einen würdigen Platz: „[...] mir hat er in den ersten Jahren, als ich noch unbekannt [...], mit ein paar Bildern, die er von mir erworben hat, den Weg nach Berlin geöffnet [...]. Friede seiner Asche, er war einer der letzten großen und echten Wiener mit Kultur [...].“

Franz Hauer. Selfmademan und Kunstsammler der Gegenwart
26. Mai bis 16. Februar 2020

Landesgalerie Niederösterreich
Museumsplatz 1
A - 3500 Krems an der Donau

W: https://www.lgnoe.at/

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Am 9. November 1910 besichtigte Franz Hauer die zweite Fassung des Totentanz-Bildes im Atelier von Albin Egger-Lienz, die er später erwerben sollte, 1912 aber sehr zum Ärger des Künstlers an die Gemäldegalerie in Dresden weiterverkaufte. Albin Egger-Lienz war der Meinung, dass gerade der Totentanz in der Sammlung Hauer nicht fehlen dürfe. In einem Brief vom 12. Februar 1914 bietet der Künstler Franz Hauer an, eine neue Variante des Werkes für 3.000 Kronen zu malen. „Der Totentanz, wie dringend riet ich Ihnen dazu, dass sie dieses Bild haben müssten […] und riet Ihnen ab, es zu verkaufen.“ Der Kauf kam zustande, Hauer erlebte die Fertigstellung des Bildes aber nicht mehr.
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Wenige Monate vor seinem überraschenden Tod erwarb Franz Hauer sein Bildnis, das auf Oskar Kokoschkas Initiative vom Herbst 1913 zurückging: „Sehr geehrter Herr Hauer, ich möchte sehr gerne ein Porträt von Ihnen machen, für mich oder Sie, wie Sie wollen, weil ich schon lange dazu die Absicht habe.“ Das Gemälde wurde nach etlichen Stationen 1937 als „entartet“ aus dem Bestand des Kunstmuseums Düsseldorf entfernt und befindet sich heute im Museum of Art der Rhode Island School of Design. Auffällig ist, dass Hauer, damals 46 Jahre alt, bereits gebrechlich und krank dargestellt wird. „Ein gütig, feinfühlig, fast scheu und verträumt blickender Mann, der in seinem zu großen Jackett etwas verloren und unsicher wirkt und so gar nicht den Vorstellungen eines vielbeschäftigen Geschäftsmanns entspricht.“ (Heinrich Schwarz)
© Rhode Island School of Design, Provi-dence / Fondation Oskar Kokoschka / Bildrecht, Wien, 2018
Ausstellungsansicht  © Christian Redtenbacher
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