Frankfurt, Wien und Hamburg – Aufbruch zur modernen Stadt (1925–1933)

Im Jahr 2025 feiert das Neue Frankfurt seinen 100. Geburtstag. Unter der Regie des Oberbürgermeisters Ludwig Landmann und des Architekten und Stadtrats Ernst May wurde in den 1920er Jahren die Umgestaltung Frankfurts zur exemplarischen Großstadt der Moderne geplant – sozial, baulich und kulturell. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebten und erlitten die großen Städte in Deutschland und Österreich Veränderungen auf allen Gebieten. Statt Monarchien waren demokratisch verfasste Republiken mit allgemeinem, freiem Wahlrecht für Männer und Frauen entstanden. Der Gewinn an Freiheit war jedoch zunächst von Nahrungsmittelknappheit, Wirtschaftskrise, Geldentwertung und vor allem akuter Wohnungsnot begleitet. Schon während des Ersten Weltkriegs und auch danach waren kaum Wohnungen gebaut worden. Sowohl in Wien als auch in den deutschen Großstädten wurde der zuvor durch private Bauspekulation betriebene Wohnungsbau zur vordringlichen Aufgabe der Gemeinde. Frankfurt entwickelte sich im Zuge dessen zu einem Zentrum des Neuen Bauens der Avantgarde.

Die Ausstellung nutzt das Jubiläum des Neuen Frankfurt, um es mit zwei anderen Schauplätzen zu vergleichen. In den Gemeindebauten des Roten Wiens, den Siedlungen des Neuen Frankfurts und den Blocks der Wohnstadt Hamburgs zeigten sich die neuen Typologien der Massenwohnung, die Vision des „Neuen Menschen“ und das Neue Bauen der Moderne, aber auch Lösungen, die Traditionen einschlossen. Mit politisch ähnlichen Strategien entwickelten die drei Städte innerhalb weniger Jahre ihre eigenen Programme und Architekturen, die sich jedoch erheblich voneinander unterschieden. Die Gegenüberstellung bietet die Chance, etablierte Narrative kritisch zu befragen. Im Vergleich werden die charakteristischen Merkmale der jeweiligen Modelle ebenso deutlich wie die Unterschiede.

Der soziale Wohnungsbau des Roten Wien (1919–1934)
Nach dem Zusammenbruch der Habsburg-Monarchie im Jahr 1918 und der Bildung der Ersten Republik Österreich war Wien die problembeladene Hauptstadt eines geschrumpften Staates und zugleich ein eigenes Bundesland, das von 1919 bis 1934 mit einer sozialdemokratischen Mehrheit regiert wurde. Als Metropole des „Austromarxismus” bildete Wien eine linke Insel in der ansonsten konservativ regierten Republik.

Es herrschten Arbeitslosigkeit, Hunger und extreme Wohnungsnot. Über 90 Prozent aller Wohnstätten hatten weder Wasser noch ein WC in der Wohnung und bestanden meist nur aus einer Küche und einem Zimmer. Der Bau einiger tausend Siedlungshäuser am Stadtrand in den ersten Jahren konnte die Not nur geringfügig lindern. Die eigene Steuerhoheit Wiens ermöglichte 1923 die Verabschiedung des Gesetzes über die Wohnbausteuer, die vom vermögenden Teil der Bevölkerung erhoben und zweckgebunden für den sozialen Wohnungsbau der Stadt Wien verwendet wurde. Bis 1934 entstanden in Eigenregie der Stadt 65.000 kommunale Neubauwohnungen, viele davon in den charakteristischen „Superblocks“. Es entstanden ikonische Wohnanlagen mit oft mehr als tausend Wohnungen. Am bekanntesten ist der 1930 fertiggestellte Karl-Marx-Hof.

Wichtig war, dass die Mieten auch für Arbeitslose tragbar waren. Dies bedingte kleinere Grundrisse mit verhältnismäßig geringen Standards (Wohnküche, Durchgangszimmer, WC, kein Bad), die jedoch die Standards der traditionellen Normalwohnung bei Weitem überstiegen. Für Ausgleich sorgten die vorbildlichen Gemeinschaftseinrichtungen in der Mehrzahl der Gemeindebauten: Dazu gehörten Waschhäuser, öffentliche Bäder, Mütterberatungsstellen, Kindergärten, Bibliotheken und Veranstaltungssäle.

Die Wohnstadt Hamburg
Im Unterschied zur preußischen Großstadt Frankfurt war Hamburg ein eigener Staat im Deutschen Reich. Nach 1918 galt es, die zuvor auf die Interessen von Handel, Hafen und Kolonialismus ausgerichtete Stadtpolitik auf die Nöte der zuvor benachteiligten Mehrheit der Bevölkerung zu richten. Dies hieß vor allem, engagiert gegen die Wohnungsnot vorzugehen. Für die Fragen des Planens und Wohnens war der 1909 berufene Baudirektor Fritz Schumacher zuständig, der zunächst nur den städtischen Hochbau unter sich hatte. Den Zugang zur Leitung des Städtebaus erreichte er erst Jahre später in der Auseinandersetzung mit der zuvor zuständigen Behörde des Ingenieurwesens. Einen zeitgemäßen Generalbebauungsplan für die ganze Stadt aufzustellen, war ihm jedoch nicht möglich. So ging er schrittweise vor und zeigte von 1918 bis 1920 mit einem neuen Plan für den Dulsberg, wie sich sozialer Wohnungsbau in Hamburg realisieren ließ.

Das Gebiet der Millionenstadt erstreckte sich nach Norden auf einer schmalen Fläche, die wenig Platz für eine Stadterweiterung nach Westen und Osten bot. Ein Hinausgreifen ins Land war nicht möglich. Die von Schumacher „Wohnstadt” getauften neuen Quartiere, mit denen er die bestehende Stadt zu einem urbanen Gesamtkunstwerk entwickeln wollte, waren demnach nur in relativ hoher Dichte realisierbar.

Bei seiner Berufung nach Hamburg war Fritz Schumacher noch nicht der Backstein-Architekt schlechthin, als der er heute in Erinnerung bleibt. Doch vor Ort dominierte eine starke regionalistische Bewegung, die den roten Backstein als wichtigstes Merkmal der norddeutschen Heimat ansah. Schumacher machte sich dies zueigen, sodass die Wohnstadt durch Backstein und Klinker ein einheitliches Stadtbild erhielt.

Das Neue Frankfurt: Eine Stadt erfindet sich neu
Mit dem Neuen Frankfurt verband sich ab 1925 eine Stimmung des permanenten Aufbruchs. Nach Beendigung der desaströsen Hyperinflation in der Weimarer Republik Ende 1923 wurde die Hauszinssteuer eingeführt, deren Erträge die Regierung zur Finanzierung des Neubaus von Wohnungen nutzte. Auf dieser Grundlage wurde im Oktober 1925 in Frankfurt ein auf zehn Jahre berechnetes Programm für den Bau von 10.000 Wohnungen mit kontrollierten Mieten verabschiedet. Bis 1931 waren bereits mehr als 10.500 Wohneinheiten gebaut. Die Geschwindigkeit, mit der das Programm realisiert wurde und wie es bis 1932 auf 12.000 Wohneinheiten aufgestockt wurde, sorgte für Aufsehen. Ernst May nutzte das Programm als Hebel für eine Wende im Städtebau und in der Architektur. Die Ausdehnung der kompakten Stadt wurde vorerst gestoppt. Mit den Elementen „Trabanten“, „Grüngürtel“ und „Siedlung“ wurde der urbane Raum neu geordnet.

Für eine kurze Zeitspanne wurde das Hochbauamt Frankfurt zur Hochburg der Avantgarde des Neuen Bauens, was auch Architekt:innen aus dem Ausland nach Frankfurt zog. Frankfurts Anziehungskraft bewirkte, dass sich der 2. Internationale Kongress für Moderne Architektur (CIAM) im Oktober 1929 nicht in Berlin oder am Bauhaus in Dessau, sondern in Frankfurt am Main versammelte.

Nachdem die Weltwirtschaftskrise die Bautätigkeit zum Erliegen gebracht hatte, bedeutete das NS-Regime das definitive Aus für das Neue Frankfurt. May und viele seiner Mitarbeiter:innen waren bereits 1930 ausgeschieden, um einen großen Planungsauftrag in der Sowjetunion anzunehmen.

Aufbruch zur modernen Stadt: 1925–1933 – Frankfurt, Wien und Hamburg
Drei Modelle im Vergleich
Kurator: Dr.-Ing. Wolfgang Voigt, ehemals DAM, Deutsches Architektur Museum
Bis zum 25. Januar 2026