Kurt Bracharz

14. Januar 2019 - 4:04

Auf der Hälfte der Rotweinflächen Österreichs wird heute Zweigelt angebaut. Nach dem Weißwein Grüner Veltliner ist der Rotwein Zweigelt also mengenmäßig die Nummer Zwei im österreichischen Weinbau. Die Weinautorin Jancis Robinson schreibt in ihrem Buch "Rebsorten" (Bern 1997) über den Zweigelt: "Es handelt sich um eine Kreuzung Blaufränkisch x St. Laurent, die in Bestform den Biss der ersteren mit dem Körper der zweiten Sorte vereint; leider werden der Rebe jedoch manchmal zu hohe Erträge abverlangt, so dass ihr Wein dünn ausfällt. Bei den Winzern ist sie beliebt, weil sie früher reift als Blaufränkisch, aber später austreibt als St. Laurent und meist gute Erträge einbringt."

Die Züchtung gelang 1922 an der Weinbauschule Klosterneuburg unter der Nummer 71 dem Dr. Friedrich Zweigelt, einem Steirer, der in Graz Biologie studiert hatte und 1912 eher zufällig als Adjunkt an die niederösterreichische Weinbauschule gekommen war. Er nannte die neue Sorte Rotburger. Zweigelt war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs der Gründer einer neuen Abteilung der Weinbauschule gewesen, die "durch eiserne Vorschriften exakter Methodik" das vorher "ziellose Herumprobieren" ablösen sollte.

Der Rotburger wurde durch den Winzer Lenz Moser populär. Lenz Moser hatte die sogenannte Drahtrahmenkultur in Hocherziehung entwickelt, welche generell die Erträge vermehren konnte. Er erkannte, dass der Rotburger dafür besonderes Potential bot und propagierte die neue Sorte erfolgreich. So erfolgreich, dass er schließlich eine Umbenennung vorschlug: die Sorte solle nach ihrem Erfinder benannt werden. Der hatte seine eigenen Gedanken zu diesem Vorschlag: "Die kleinen Geister, die noch immer von Hass leben, werden es nicht gerne sehen, dass ich vielleicht einmal im Weingarten auf einer Tafel als Zweigelttraube fröhliche Urständ feiere", schrieb er an den Winzer. Zweigelt starb 1964, der Rotburger wurde erst 1975 durch die Qualitätsweinrebensorten-Verordnung in "Zweigelt" umbenannt.

Mit den "kleinen Geistern, die noch immer von Hass leben", meinte Zweigelt die Nazi-Gegner, denn er ist sein Leben lang ein überzeugter Nationalsozialist gewesen. Wegen dieser Tatsache, an der kein Zweifel besteht (Zweigelt war erst illegaler Nazi, dann Parteimitglied, er entließ 1938 als neuer Direktor sofort 45 Lehrer, und es sind zahlreiche krass antisemitische und von Hitler begeisterte Aussprüche und Schriften überliefert), stießen sich immer wieder Antifaschisten an der Benennung der Traubensorte nach ihrem Schöpfer, und eine neue Initiative des Wiener "Instituts ohne direkte Eigenschaften vulgo Perinetkeller" schlägt seit einer Pressekonferenz im Dezember höhere Wellen in den Medien als frühere Versuche. Als Namensvorschlag wurde "Blauer Montag" eingebracht, und zwei Winzer – einer aus dem nördlichen Weinviertel und einer aus der Wachau – wollen den Wein künftig unter diesem Namen vermarkten. Klüger wäre es wohl, auf die Bezeichnung Rotburger zurückzugreifen, wenn es überhaupt zu einer Umbenennung kommt. Die FPÖ hat sich naturgemäß sofort gegen einen Namenswechsel ausgesprochen.

Die englische Autorin Jancis Robinson, die wohl nichts von Dr. Zweigelts Nazitum wusste, machte in ihrem Buch einen naiven Witz zu seinem Namen: "Der Erfolg in Österreich ist so groß, dass Zweigelt auch in Deutschland und England versuchsweise angebaut wird. Die Exportchancen des Weins werden jedoch leider auch durch den für fremde Zungen schwer auszusprechenden Namen gedämpft. Hätte der Züchter doch besser Dr. Pinot Noir geheißen!"

Hätte sie Bescheid gewusst, hätte sie vielleicht "Dr. Deep Brown" oder gleich ein international verständliches "Dr. Swastika" vorgeschlagen.

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