Fotohof Salzburg - Sarker Protick und Valentina Seidel

Der Fotohof in Salzburg zeigt mit Sarker Protick eine zeitgenössische künstlerische Position aus Dhaka, Bangladesch. In dessen langfristigen Untersuchungen treffen die Medien Fotografie, Video und Sound zu einer fortwährenden Meditation über die Flüchtigkeit eines Augenblicks sowie über größere historische und politische Formationen aufeinander.

In melancholisch anmutenden Bildern bahnt sich Protick einen Weg durch Dhaka, durch das Haus seiner Mutter und durch das Viertel, in dem er aufgewachsen ist und heute noch lebt. Im Blick auf die Menschen, Tiere und Pflanzen, die sich vor den Kulissen monumentaler Großbaustellen wiederfinden, verliert sich das ästhetische Sentiment und gibt sich als Medium zu erkennen, das verschiedene Zeitebenen miteinander zu verknüpfen vermag. So wirken die unvollendeten Konstrukte aus Zement und Stahl wie eingefrorene Relikte aus einer Zeit, als die Megacities des Globalen Südens einem Zukunft entgegenstürmten, deren ohrenbetäubender Sound noch immer durch die Bilder zu wirken scheint. Vor diesem Hintergrund entwirft Sarker Protick eine persönliche Erzählung, eine epische Vision, die dem Leben zwischen den Zerstörungen kolonialistischer und kapitalistischer Prozesse gewidmet ist.

In „Stitched“ (2023), einem Film, der mit der Selbstverständlichkeit eines Home Movies gedreht wurde, betrachtet Sarker Protick das Leben seiner Mutter Bina, ausgehend von den Details ihres Alltags. Ihre unterschiedlichen Identitäten als Frau, Musikerin und Arbeiterin werden mit Fragmenten ihrer Vergangenheit verwoben. Ein Blick aus dem Spiegel, in dem sie sich selbst betrachtet, ist das Erste, das von Bina zu uns gelangt. Sie erscheint uns im Monsun, nachdem wir das Geräusch eines in der Ferne landenden Flugzeugs gehört und die Ankunft einer Krähe auf dem Fensterbrett beobachtet haben. Diese Vorzeichen der Zeit, ihre Vertrautheit und Fremdheit, ihre Kontinuität und Zersplitterung sind der Stoff, aus dem das Leben hier gemacht ist. „Stitched“ entfaltet sich als Entdeckungsreise durch etwas, das intuitiv erfassbar ist und in seinen existentiellen Grundelementen vielleicht auch Teil einer universellen Erfahrung ist. Lose verbundene Szenen zeigen ein Haus, in dem jede Handlung erprobt und jeder Gegenstand mit Geschichte und Erinnerung aufgeladen ist. Sarker Proticks Bilder lassen dabei eine eigene Raumzeit entstehen. Aus großer Nähe gewähren sie einen Blick auf ihre Protagonistin, die im diffusen Dunst der Großstadt zu entschwinden scheint. Denn der private Raum, die tägliche Arbeit, die Lektüre, die Pflanzen und die Vögel sind eng verwoben mit Dhaka, einer Stadt, die brodelt, lärmt und um ihr Überleben kämpft.

Mit „Dhaka 1217“ (2013–25) liefert Sarker Protick den geradezu archäologisch anmutenden Befund einer im Wandel begriffenen Welt und ihrer Bewohner:innen. In dem Viertel, in dem er aufgewachsen ist, legt er Bilder frei, die – jedes für sich – der Flüchtigkeit des Augenblicks gewidmet sind und sich jedem weiteren zeitlichen Zugriff gründlich entziehen. Im Blick auf die Großstadt verwebt Sarker Protick die individuellen, mikrobiografischen Fäden ihrer Bewohner:innen zu einem rhythmischen Gewebe, das sich all dem entgegenstellt, was durch den Kapitalismus einer jähen Transformation unterzogen wird. Hier wendet sich Sarker Protick dem 169-tägigen Protest der Aktivist:innen des „Bangladesh Tree Protection Movement“ (BTPM) zu, die sich für den Schutz und die Erhaltung des Pantho-Kunjo-Parks und des Hatirjheel-Stausees einsetzen. Vor dem Hintergrund der zerstörerischen Stadtentwicklungsprojekte erscheinen diese Menschen, aber auch alle Tiere und Pflanzen, wie Miniaturen. Und doch sind sie in Sarker Proticks Bildern auf unmissverständliche Weise die beständigen Elemente in einer Metropole, die im fortwährenden Regen und den globalen wirtschaftlichen Gezeiten zu versinken droht.

Im Unterschied zu dem ruhig beobachtenden Blick in „Akash Kalo Megh“ (Dhaka 1217), der die Elemente Zeit, Raum und Individuum in Bewegung versetzt und miteinander verbindet, scheint Sarker Protick in der Bildserie „Macer“ (2024/25) die Perspektive effektvoll zu verschieben. Denn nun ist es seine eigene Position, die spürbar wird, sein Blick, der die riesenhaften Elemente, die ihn umgeben, nur bruchstückhaft aufzunehmen vermag. Es ist der Blick eines Menschen in die Eingeweide eines bereits gefallenen Kolosses und auf die Spuren und Schäden, die dieser hinterlassen hat.

In „Murder“ (2020/21) kehrt Sarker Protick ins Haus seiner Mutter zurück, durch dessen Fenster er einen Schwarm Krähen beobachtet. Ihre schrägen und undurchdringlichen Silhouetten schälen sich aus einem samtigen Himmel, vor dem sie auf den stählernen Streben der unvollendeten Stadt ihre zeitlose Haltung einnehmen. Die Vögel sind nicht nur Begleiter des Menschen. Sie sind Vertraute, die sich mit Menschen Fenster und Brüstungen teilen, jene Orte, an denen sich Innen und Außen treffen. Die Vermengung, die hier stattfindet, betrifft Räume, aber auch Menschen und Tiere. Sie umfasst demnach Bewusstes und Unbewusstes, Privates und Öffentliches, Gewachsenes und Gebautes.

In diesen elementaren Vermengungen könnte ein Kern der künstlerischen Untersuchungen von Sarker Protick liegen. Denn sie lassen konkrete und doch grenzenlose Erzählungen entstehen, die, scheinbar losgelöst vom üblichen Fluss der Zeit, einen zu gleichen Teilen privaten wie analytischen, historischen wie aktuellen Blick auf eine seit jeher aus den Fugen geratene Welt werfen.

Sarker Protick (*1986) ist Künstler, Dozent und Kurator. Er hat am South Asian Media Institute – Pathshala in Dhaka studiert und unterrichtet dort seit mittlerweile 12 Jahren. Zudem ist er Co-Kurator des Chobi Mela International Photography Festivals, des ältesten Fotografie-Festivals in Asien. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Stipendien und Preise (u. a. den Aher Nature Prize 2024, verliehen durch C/O Berlin und die Crespo Foundation, den Foam Talent Award Amsterdam 2021 und den Magnum Foundation Fund 2018). Sarker Protick lebt und arbeitet in Dhaka, Bangladesch.

Valentina Seidel: „Learning from Salzburg ...
Sommerakademie und Salzburg College 1992–94, eine persönliche Recherche"

Die deutsche Fotokünstlerin Valentina Seidel, die seit vielen Jahren mit Salzburg und dem Fotohof verbunden ist, hat im Fotohof-Archiv ihre Kontaktbögen und Diapositive aus den Jahren 1992–94 gesichtet und neu bearbeitet.

Das Salzburg College war seit 1975 ein prominenter Ort der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Fotografie. Ab 1976 existierte an der Sommerakademie für Bildende Kunst eine Klasse für Fotografie. Seidel studierte dort in den Fotoklassen von Michael Schmidt und Nan Goldin sowie in der Folge am Salzburg College unter der künstlerischen Leitung von Verena von Gagern. „Learning from Salzburg“ zeigt Ergebnisse dieser Lehrangebote: eine Diaprojektion, die Einblicke in die künstlerischen Prozesse der Klasse von Nan Goldin gewährt, einen Originalzyklus aus Selbstporträts, die als Abschlussarbeit in der Klasse von Michael Schmidt ausgestellt wurden, sowie Arbeiten aus den Workshops des Salzburg College unter der Leitung von Gerald Minkoff und Günther Selichar. Des Weiteren sind Texte und Zitate von Teilnehmer:innen aus der gemeinsamen Zeit an der Sommerakademie und dem Salzburg College in die Präsentation eingebettet.

Valentina Seidel, *1973 in Regensburg, lebt und arbeitet in Leipzig.

Sarker Protick
„Shadows in the Sky”
8. August bis 27. September 2025

Valentina Seidel: „Learning from Salzburg ...
Sommerakademie und Salzburg College 1992–94, eine persönliche Recherche"
Eröffnung: Donnerstag, 07.08.25, 19 Uhr
8. August bis 27. September 2025

"Eine andere Form der Lehre" Gespräch in Kooperation mit der Sommerakademie
21. August 2025, 19:30 Uhr im Fotohof
Valentina Seidel, Anja Manfredi (Direktorin, Schule für künstlerische Photographie Friedl Kubelka Wien), Michael Mauracher und Rainer Iglar