27. Januar 2019 - 4:20 / Ausstellung / Sonstige  / Reminder
15. Februar 2019 23. Juni 2019

Der Diskurs über die Art Brut gewann in den letzten Jahren zusätzliche Dimensionen. Der Art-Brut-Begriff geht über den ausschließlichen Fokus von Arbeiten aus Psychiatrien hinaus und umfasst heute auch "mediumistische" (von einem Geist geführte) Künstlerinnen und Künstler, sogenannte "Einzelgänger" und Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderungen.

Historische Schranken zwischen der Art Brut und der Hochkunst scheinen sich zusehends aufzulösen, ästhetische Kriterien gewinnen gegenüber dem diagnostischen Interesse und der "Exzentrizität" der Autorinnen und Autoren an Relevanz und bislang Verborgenes, Abgeschobenes wird an die Oberfläche geschwemmt. Seit über einem Jahrzehnt schießen Art-Brut-Museen weltweit wie Pilze aus dem Boden. Darüber hinaus rückt Art Brut immer stärker in den Blickpunkt der internationalen Kunstöffentlichkeit. Auch die Kunst von Frauen stößt auf vermehrtes Interesse. Entsprechende Biennalebeiträge und eine Art Marktrausch auch auf die weibliche Seite der Art Brut geben darüber Auskunft.

Eine Geschichte der Kunst von Frauen ist stets eng mit der Emanzipationsgeschichte verwoben und gestaltet sich im Falle der Art Brut umso prekärer. Über Jahrzehnte arbeiteten die ausschließlich männlichen Entdecker und Verbreiter des Genres – Psychiater und Künstler – in Hinblick auf kreative Patientinnen geradezu mit Ausschlussverfahren. In dem wegweisenden Buch "Die Bildnerei der Geisteskranken" des Heidelberger Kunsthistorikers und Psychiaters Hans Prinzhorn (1922) fiel das geplante Kapitel über die herausragende Else Blankenhorn "budgetären Kürzungserfordernissen" zum Opfer. Erst 2004 wurde die Sammlung Prinzhorn unter dem Aspekt geschlechtsspezifischer Differenzen neu aufgearbeitet.

Auch beim "Haus der Künstler" in Gugging handelte es sich um eine reine Männerabteilung. Erst in letzter Zeit wurden vereinzelt Künstlerinnen aus der Ära Leo Navratils entdeckt. Allerdings hat Jean Dubuffet, der Begründer des Begriffs "Art Brut", eine Künstlerin besonders gefördert: Aloïse Corbaz. Die Ausstellung im Kunstforum Wien widmet sich erstmals umfassend Künstlerinnen der Art Brut in ihrer Vielfalt, ihrer Internationalität, ihrer historischen und gegenwärtigen Dimension. Denn wie überall gilt auch im Feld der Kunst: Nur was wahrgenommen werden kann, existiert.


Flying high: Künstlerinnen der Art Brut
15. Februar bis 23. Juni 2019

Kunstforum Wien
Freyung 8
A - 1010 Wien

T: 0043 (0)1 53733-26
F: 0043 (0)1 53733-27
E: office@bankaustria-kunstforum.at
W: http://www.bankaustria-kunstforum.at/

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Aloïse Corbaz: Brevario Grimani, um 1950 (Ausschnitt). Buntstift auf Papier; abcd / Bruno Decharme collection. Foto © César Decharme
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Madame Favre: Ohne Titel, 1860. Bleistift auf Papier; Courtesy Henry Boxer Gallery
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Ida Maly: Figur aus Zellen, um 1934. Tusche auf Papier; Privatsammlung. Foto © Alistair Fuller, Bank Austria Kunstforum Wien
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Hedwig Wilms: Tablett mit Krug und Gießkännchen, vermutlich 1913?1915. Baumwollgarn in Knüpf- und Häkeltechniken; Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg (Inv. 90, 91, 92)