24. Mai 2019 - 15:39 / Ausstellung 
17. Mai 2019 11. August 2019

Unter den gravierendsten ökologischen Problemen der Erde wird die Biodiversitätskrise noch vor dem Klimawandel an erster Stelle genannt. Das Ausmaß des aktuellen globalen Massenaussterbens ist verheerend, liegt hundert- bis tausendfach über dem natürlichen erdgeschichtlichen Aussterben.

Es kommt einem flächenhaften Kahlschlag gleich und hat die planetaren Belastungsgrenzen überschritten. Die Stabilität der Ökosysteme ist hochgradig gefährdet, abrupte und unumkehrbare Veränderungen sind in naher Zukunft zu befürchten. Letztlich ist die Überlebensfähigkeit des Menschen zunehmend infrage gestellt. Den Menschen die Bedeutung von Insekten bewusster zu machen und ein radikales Umdenken einzuleiten, ist das zentrale Anliegen der Künstlerin Natalie Port. In der von ihr kuratierten Ausstellung The Fly setzt sie auf den Nutzen von Insekten für Menschen und Ökosysteme. Der Ästhetik und Schönheit von Insekten, in ihrer Farbenpracht dargestellt in Ölbildern, werden naturwissenschaftliche Aufnahmen gegenübergestellt. In Bonn entwickelt wird The Fly im Naturkundemuseum durch eigene Inhalte und Sammlungsobjekte bereichert.

Evolutionäre Erfolgsmodelle mit schlechtem Image

Insekten bilden die mit Abstand artenreichste Organismengruppe, stellen 75 % aller bekannten Lebewesen der Erde. Mehr als 1 Million Arten sind bislang beschrieben und konservative Hochrechnungen gehen davon aus, dass es auf der Erde mehr als 6 Millionen weitere bisher unentdeckte Spezies gibt. Sie sind Erfolgsmodelle der Evolution und haben sich über Hunderte Millionen Jahren nicht nur halten, sondern in einer unglaublichen Fülle diversifizieren und spezialisieren können. Aufgrund ihrer unglaublichen Artenfülle und Biomasse und wegen der sehr vielfältigen Spezialisierungen spielen Insekten tragende Rollen in den allermeisten Ökosystemen. Ihr massiver Rückgang kommt einer ökologischen Katastrophe gleich. Obwohl Insekten das Rückgrat unserer Lebensgrundlage bilden, hat nur eine Minderheit der Arten ein positives Image. Es überwiegt vielmehr eine – vorsichtig ausgedrückt – ambivalente Gefühlslage gegenüber dieser Tiergruppe. Meist denkt man zuerst an Lästlinge in Haus und Garten wie Silberfischchen, Blattläuse und Wespen. Oder man spricht ihnen pauschalierend bedeutende wirtschaftliche Schadenwirkung zu, etwa am Beispiel von Borkenkäfer und Schwammspinner in der Forstwirtschaft oder von Kartoffelkäfer und Zuckerrübenrüsselkäfer in der Landwirtschaft. Freilich fügen einige Insekten uns Menschen auch bedrohliche gesundheitliche Schäden zu. Blutsaugende Steckmücken und Flöhe sind Überträger bakterieller und viraler Krankheiten wie Pest und Malaria.

Nahrungsquelle und wichtige Recycler

Doch ist das natürlich nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite glänzt unvergleichlich heller, ist den meisten Menschen jedoch zu wenig bekannt. Insekten sind durch ihre Vielfalt und Masse Nahrungsquelle und Lebensgrundlage für viele weitere Organismen. Dies gilt für räuberische Insekten gleichermaßen wie für Spinnentiere und auch eine Vielzahl an Wirbeltieren unter den Fischen, Amphibien, Reptilien, Vögeln und auch Säugetieren. Fallen Insekten als Nahrungsquelle aus, wirkt das wie ein Dominoeffekt in die feinsten Bereiche der Nahrungsnetze innerhalb der Ökosysteme zurück. Sie werden löchrig, anfällig für Störungen und können schließlich reißen, einem Kollaps gleichkommend. Insekten stehen auch auf der anderen Seite der Nahrungspyramide, sind vielfach bedeutende Regulierer. Sie helfen Pflanzenarten in Schach zu halten und Massenvermehrungen einzelner zu unterbinden. Selbiges gilt für sich rapide vermehrende Insektenarten. Hierbei spielen nicht nur räuberische Vertreter, sondern auch Parasiten eine große Rolle, nicht zuletzt in der biologischen Schädlingskontrolle. Eine besondere Rolle nehmen Insekten auch als Recycler ein. Sie sind an vorderster Front an der Beseitigung von pflanzlichen und tierischen Abfällen beteiligt, bauen abgestorbene Pflanzenteile, Falllaub und Totholz ab und verarbeiten Kot und Aas. Die Abbaustoffe dienen ihnen zur Ernährung, tragen aber auch essenziell zur Humusbildung und Bodenbelüftung bei und sind ein Schlüssel für die Bodenfruchtbarkeit.

Bestäubung als Lebensgrundlage

Bestäubung ist nicht nur die fundamentalste, sondern wohl auch allgemein bekannteste Aufgabe bzw. „Dienstleitung“ von Insekten. Nicht weniger als 90 % aller Blütenpflanzenarten, darunter auch ein beträchtlicher Teil unserer Kulturpflanzen, sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Die intime Beziehung zwischen Insekten und Blütenpflanzen ist das Ergebnis von Millionen Jahren gemeinsamer Evolution. Dabei haben sich tiefgreifende wechselseitige Abhängigkeiten entwickelt, sodass bestimmte Pflanzenarten auf bestimmte bestäubende Insekten angewiesen sind. Blüten mit langen Kelchen erlauben es beispielsweise nur Insekten mit langen Rüsseln an den Nektar und den Pollen zu kommen. Zu den wichtigsten Bestäubern unserer Breiten zählt neben der Honigbiene vor allem eine Heerschar an Wildbienen und Schwebfliegen. Global kommt neben den Hautflüglern und Fliegen auch Mücken, Schmetterlingen und Käfern eine wichtige Funktion als Bestäuber zu. Auf unvorstellbare 150 Millarden Euro pro Jahr wird der Gegenwert der weltweit von Insekten erbrachten Bestäubungsleistung eingeschätzt. Mit dem Wegfall dieser Leistung ist unsere Lebensgrundlage infrage gestellt. Doch nicht einmal finanzielle Argumente haben bisher gereicht, um uns Menschen von der Dringlichkeit massiver Maßnahmen des Gegensteuerns zu überzeugen. Dabei liegen die Fakten am Tisch. Zwar sind die Ursachen des Insektensterbens multifaktoriell, doch lassen sich zwei Kardinalfaktoren erkennen. Maßgebliche Rolle kommt dem rasant wachsenden allgemeinen Flächenverbrauch zu. Als zweiter bedeutender Faktor wirkt die industrielle Landwirtschaft mit ihrem ungebremsten Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden. Nachdem die Ursachen weitgehend bekannt sind, liegen auch detaillierte, fachlich untermauerte Maßnahmenvorschläge am Tisch. Wie bei Faktoren des Klimawandels wäre auch hier die gerechte Einpreisung von Umweltschäden von zentraler Bedeutung.

Künstlerische Annäherung durch Natalie Port

Die Künstlerin Natalie Port versucht mit ihren Arbeiten den Fokus auf die Relevanz von Insekten und die Konsequenzen des weltweiten Artensterbens zu legen. Mit der von ihr kuratierten Ausstellung The Fly, die nach Bonn nun auch in erweiterter Form in Graz zu sehen ist, zeigt sie auf, welche Rolle den tausenden Insektenarten in ihren Ökosystemen zukommt. In einem Teil der Ausstellung, dem Pollinators Buffet, wird etwa sichtbar, dass es vieles, das im Alltag für uns selbstverständlich ist, ohne Insekten nicht geben würde. Die Ausstellung widmet sich aber auch der Ästhetik und Schönheit von Insekten. Visualisiert am Beispiel der Zweiflügler, nämlich Fliegen und Mücken, ist dieser Aspekt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent. In 30 x 30 cm großen Ölbildern gelingt es der Künstlerin, die wunderbare Farben- und Formenvielfalt dieser in Österreich mit 11.500 Arten vertretenen Tiergruppe darzulegen und insbesondere deren filigranen Zauber und irisierende Farben in den Fokus zu rücken. So wirken manche Fliegen wie kostbare Broschen, die schwerelos zu schweben scheinen. Dem gegenübergestellt sind elektronenmikroskopische Aufnahmen zu exemplarischen Anpassungen von bestäubenden Insekten. Sie lassen in die faszinierenden Ebenen von Ultrastrukturen und wechselseitiger Evolution eintauchen.

Statements

Judith Schwentner, Umweltstadträtin der Stadt Graz

Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht. Die Situation ist alarmierend und wir müssen rasch handeln – allen voran die politisch Verantwortlichen. Aber wir alle können als Stadtbewohner/innen sowie als Konsumentinnen und Konsumenten jeden Tag zum Erhalt unserer Arten beitragen. Durch das, was wir essen, wie wir unsere Mobilität definieren oder wie wir mit unseren Ressourcen umgehen. The Fly. Warum wir Insekten brauchen zeigt uns in einer wunderbaren Symbiose von Malerei und Wissen die Ästhetik und ökologische Bedeutung der Insekten auf unserem Planeten. Diese Ausstellung sollte sich niemand entgehen lassen, dem Artenschutz und die Schönheit der Natur ein Anliegen sind.

Wolfgang Muchitsch, wissenschaftlicher Direktor des Universalmuseums Joanneum

Die Erde steuert auf einen ökologischen Zusammenbruch zu. Vom eklatanten Rückgang an Arten sind vor allem auch durch unsere intensive Landnutzung viele Insekten betroffen. Diese sind, wie die Fliege, meist keine großen Sympathieträger, spielen jedoch eine zentrale Rolle für das Leben auf Erden. Zum Schutz der Natur und zum Erhalt der Biodiversität beizutragen und diese dramatische Entwicklung aufzuzeigen, ist eine Kernaufgabe eines Naturkundemuseums.

The Fly. Warum wir Insekten brauchen
17.Mai bis 11. August 2019

Universalmuseum Joanneum
Mariahilferstraße 2-4
A - 8020 Graz

W: https://www.museum-joanneum.at

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  •  17. Mai 2019 11. August 2019 /
NataliePort, "The Fly",  Öl auf Baumwolle, Foto: Sebastian Laubert
NataliePort, "The Fly", Öl auf Baumwolle, Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019,  Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly",  Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly", Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly",  Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly", Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly",  Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly", Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019,  Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019,  Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019,  Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019,  Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019,  Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Ausstellungsansicht „The Fly“, 2019, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
NataliePort, "The Pollinators Buffet",  Foto: Sebastian Laubert
NataliePort, "The Pollinators Buffet", Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly",  Foto: Sebastian Laubert
Ausstellungsansicht, NataliePort, "The Fly", Foto: Sebastian Laubert
v. l. n. r.: Alexia Getzinger (kaufmännische Direktorin UMJ), Judith Schwentner (Umweltstadträtin Stadt Graz), Natalie Port (Künstlerin und Kuratorin), Wolfgang Paill (Leiter Naturkundemuseum) und Wolfgang Muchitsch (wissenschaftlicher Direktor UMJ), Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
v. l. n. r.: Alexia Getzinger (kaufmännische Direktorin UMJ), Judith Schwentner (Umweltstadträtin Stadt Graz), Natalie Port (Künstlerin und Kuratorin), Wolfgang Paill (Leiter Naturkundemuseum) und Wolfgang Muchitsch (wissenschaftlicher Direktor UMJ), Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek
Tagpfauenauge,  Foto: Universalmuseum Joanneum/U. Stockinger
Tagpfauenauge, Foto: Universalmuseum Joanneum/U. Stockinger
Trauer-Rosenkäfer,  Foto: Universalmuseum Joanneum/U. Stockinger
Trauer-Rosenkäfer, Foto: Universalmuseum Joanneum/U. Stockinger