2. Mai 2007 - 0:00 / Walter Gasperi / Filmriss
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Als am 25. Februar 1945 in den amerikanischen Tageszeitungen das Foto vom Hissen der US-Flagge auf der Pazifikinsel Iwo Jima erschien, fasste die kriegsmüde Nation neuen Mut. Ausgehend von diesem legendären Foto reflektiert Clint Eastwood über Heldentum, die Instrumentalisierung von Soldaten und die mediale Inszenierung und Vermarktung von Geschichte.

Desaturierte, blaugraue Schlachtbilder, der Ton zurückgenommen. – Seltsam surreal wirkt die Szene und tatsächlich wacht gleich darauf ein alter Mann aus seinem Alptraum auf. Die über 50 Jahre zurückliegende Vergangenheit wirkt in die Gegenwart hinein. Von dieser Gegenwart aus rekonstruiert der Sohn des sterbenden Veteranen John »Doc« Bradley durch Interviews mit anderen Kriegsteilnehmern die Vor- und Nachgeschichte des legendären Fotos von Joe Rosenthal.

Wer erzählt, ist nicht immer klar, die Perspektiven wechseln und zudem treten zwischen die Gegenwart und die Zeit der Schlacht um die von den Japanern zur nahezu uneinnehmbaren Festung ausgebauten, unwirtlichen nur 21 Quadratkilmometer großen Pazifikinsel Iwo Jima auf einer dritten Zeitebene die Ereignisse, die unmittelbar auf das Hissen der Flagge folgten. Die beteiligten Soldaten – drei der sechs waren inzwischen schon gefallen – wurden nach Amerika ausgeflogen, um in der kriegsmüden und bankrotten Heimat für Kriegsanleihen die Werbetrommel zu rühren. Während die einfachen Soldaten im Pazifik verbluten, denken Politiker, Geschäftsleute und Generäle in der Heimat nur an ihren Ruhm und ihr Geschäft, halten große Reden von Helden und instrumentalisieren die einfachen Soldaten für ihre Zwecke.

Wer einmal im Krieg war, kann die Erlebnisse aber nicht einfach ausblenden und so löst ein Feuerwerk im Stadion oder ein der Flaggenhissung nachgebildeter Eisbecher, der mit blutroter Himbeersoße übergossen wird, Erinnerungen aus. Traumatisiert sind der Navy-Sanitäter John »Doc« Bradley, der Kurier Rene Gagnon und vor allem der sensible Indianer Ira Hayes, dessen Schicksal Bob Dylan schon in »The Ballad of Ira Hayes« nacherzählte. Letzterer wird auf der einen Seite zwar als Held gefeiert, als der er sich nicht fühlt, bekommt aber andererseits permanent den Rassismus der weißen Oberschicht zu spüren.

Die Chronologie der Schlacht interessiert Eastwood nicht, wohl aber der Wahnsinn des Krieges. Im Wechsel von Totalen und Großaufnahmen, von sterbendem Individuum und Masse wird deutlich, dass Überleben in diesem Gemetzel einzig eine Frage des Glücks ist. Mitten unter die Kämpfenden mischt sich die Kamera, ist hautnah am Geschehen, vermittelt eindringlich die psychische Anspannung und zeigt drastisch die Wunden, die die Geschosse aufreißen. Jedes Feind-Freund-Schema ist hier aufgehoben, Fragen nach Kriegsschuld und rechtmäßigem Handeln werden nicht gestellt, denn Eastwood erzählt strikt aus der Perspektive der Amerikaner, lässt die Japaner förmlich unsichtbar aus ihren Bunkern feuern. Im gleichzeitig entstandenen »Letters from Iwo Jima« erzählt Eastwood die Schlacht aus der Sicht der Japaner und erst durch diese Gegenperspektive füllen sich Leerstellen, die es im Schlachtverlauf in »Flags Of Our Fathers« gibt.

Wie Fetzen wirken diese Schachtbilder und fügen sich so wenig wie der anschließende Propagandafeldzug durch die USA zu einer stringenten Geschichte. Auch die drei »Helden« gewinnen abgesehen von Hayes kaum persönliche Züge – ja sollen es auch nicht, denn Eastwood geht es nicht um das Private, sondern um das Öffentliche, um Amerika und seinen Umgang mit den einfachen Soldaten, um Mythos und Realität und den Kontrast von erbärmlichem Verrecken an der Front und Geschäftemacherei in der Heimat.

Eindringlich zeigt der Altmeister, wie brutal diese Maschinerie arbeitet, wenn kein Kriegsschiff stoppt um einen ins Meer gefallenen Soldaten an Bord zu nehmen oder wenn ein General die Flagge für sich als Beute reklamiert. Eastwoods ganze Verachtung gilt den zynischen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Führungskräften. Seine Sympathie gehört den einfachen Soldaten, die auch nur so lange als Helden gefeiert werden, so lange dies für die Mächtigen von Nutzen ist.

Kein patriotischer Lobgesang auf die USA ist »Flags of Our Fathers«, sondern ein pessimistischer Film darüber, wie die Flagge eingesetzt wird, um die Menschen zu manipulieren: Zuerst werden sie damit als Soldaten in den Krieg gelockt, dann wird mit einem Bild der Flagge in der Heimat wieder Siegeshoffnung geschürt. Auf dem Schlachtfeld aber geht’s nur ums Überleben. – Aus diesem vielfältigen, brillant verschachtelten Geflecht von Gegensätzen entwickelt »Flags of Our Fathers« eine aufregende Vielschichtigkeit und Tiefe, die auch durch den wie ein Appendix wirkenden, den Film beschließenden recht platten und kurzatmigen Abriss des Lebens der drei »Helden« nach Kriegsende kaum beeinträchtigt werden.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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Flags of our Fathers