The First Homosexuals – Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939

Die Ausstellung im Kunstmuseum Basel widmet sich der frühen Sichtbarkeit von gleichgeschlechtlichem Begehren und Geschlechtervielfalt in der Kunst. Anhand von rund achtzig Gemälden, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und Fotografien wird beleuchtet, wie sich ab der ersten öffentlichen Verwendung des Begriffs „homosexuell” im Jahr 1869 neue Bilder von Sexualität, Geschlecht und Identität bildeten. Die vielschichtige Ausstellung öffnet den Blick auf queere Gemeinschaften, intime Porträts, selbstbestimmte Lebensentwürfe, kodiertes Verlangen und koloniale Verflechtungen.

Der Begriff „homosexuell” wurde 1869 im deutschen Sprachraum erstmals verwendet und erfuhr in den folgenden Jahrzehnten einen substanziellen Wandel. Die Debatte über die Bedeutung des Wortes reichte von einer universellen Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe bis hin zur Konzeption eines „dritten Geschlechts”. Ausgangspunkt der modernen Begrifflichkeit war ein Briefwechsel zwischen dem ostfriesischen Juristen Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) und dem ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (1824–1882). Bereits in den 1860er Jahren beschrieb Ulrichs den „Urning”, einen Menschen mit angeborenem gleichgeschlechtlichem Begehren. Dies erklärte er über eine Geschlechterdifferenz: Urninge bildeten ein „drittes Geschlecht”, weder eindeutig männlich noch weiblich, sondern beides zugleich. Durch diese biologische Begründung der Sexualität verlagerte sich der Fokus von einzelnen sexuellen Handlungen hin zu einem grundlegenden Unterschied, ähnlich wie wir Homosexualität heute verstehen. Kertbeny schlug einen anderen Weg ein. Er lehnte die Idee einer angeborenen, biologischen Identität ab und setzte stattdessen auf ein universelles Menschenrecht auf Begehren. 1869 prägte er in zwei anonym verbreiteten Flugschriften die Wörter „homosexual” und „heterosexual”.

In den folgenden Jahrzehnten setzten sich Künstler:innen ganz unterschiedlich damit auseinander: Sie porträtierten Freund:innen und Liebhaber:innen, hielten ihren Alltag fest oder experimentierten mit Geschlechterrollen. So bezeugten sie die Verschiebungen im Verständnis von Körper, Begehren und Geschlecht. Die Kunst bot ihnen Freiräume und Mittel, um auszudrücken, wofür es noch keine treffende Sprache gab.

„The First Homosexuals” erzählt vom Beginn der künstlerischen Auseinandersetzung mit diesen Themen im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. In sechs Sektionen werden Künstler:innen und Schriftsteller:innen vorgestellt, die sich offen mit homosexuellen und trans Identitäten auseinandersetzten und diese teilweise auch lebten. Die Ausstellung verfolgt die Entwicklung der Aktdarstellung im Zusammenhang mit den sich wandelnden Vorstellungen von Sexualität und zeigt, wie Freundschaft und vertraute kunsthistorische Motive als diskrete (und in einigen Fällen auch weniger diskrete) Codes für gleichgeschlechtliches Begehren dienten. Der Blick geht dabei auch über Europa hinaus: Es wird untersucht, wie gewisse europäische Künstler:innen kolonialen Gebieten gleichgeschlechtliches Verlangen als inhärent zuschrieben – und wie Künstler:innen weltweit als Antwort darauf diese koloniale Vorherrschaft infrage stellten und sich ihr widersetzten.

Die Ausstellung zeichnet sowohl das kulturelle und künstlerische Schaffen als auch die frühe Geschichte der Lsbtiq+-Community nach. Die Ausstellung und die dazugehörige Publikation zeigen die wechselseitige Prägung homosexueller und trans Identitäten sowie die Herausbildung einer eigenständigen Transidentität, wie sie moderne Künstler:innen seit der Einführung des Begriffs „trans” im Jahr 1910 entworfen haben.

„The First Homosexuals”
Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939
bis 2.8.2026