7. April 2020 - 9:00 / Irene Salzmann / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst. Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern. Wir wollen die Corona-Quarantäne nutzen, um an dieser Stelle Filme für und über die Isolation vorzustellen. Dieses Mal ist das Drama "Dogtooth" an der Reihe.

Spinnen wir den Gedanken doch einmal weiter für all jene, die zu diesen Zeiten auf die Welt kommen und in der Isolation der Familie aufwachsen: Was wäre, wenn die Abschottung nie aufhören würde und es das Außen als Einfluss nicht gäbe? Die Ordnung der Welt wäre aufgehoben und könnte durch die der Familie ersetzt werden - in der Sprache wird ein "Zombie" zu einer gelben Blume, im Verständnis eine Katze zum menschenfressenden Killertier. Wieso nicht? So zumindest gesehen bei Giorgos Lanthimos ("The Favourite" 2018, "The Lobster" 2015) beklemmendem Drama "Dogtooth" aus dem Jahr 2009.

Eine Familie lebt in einem luxuriösen Anwesen mit weitläufigem Garten und Pool, begrenzt durch eine blickdichte Mauer. Dies ist die einzige Welt, die die bereits erwachsenen Kinder – zwei Töchter und ein Sohn – kennen. Ihnen ist es verboten das Elternhaus zu verlassen, solange der sogenannte Dogtooth nicht herausfällt und wieder nachwächst gleich einem zweiten Milchzahn. Neben sportlicher Ertüchtigung im Pool erfinden die Kinder absurdeste Spiele. Ohne Inputs müssen sie sich selbst Sensationen erschaffen: als Gewinner_in gilt diejenige Person, die als erstes von einem Betäubungsmittel wieder aus der Ohnmacht erwacht.

Diese Minikosmos-Dystopie ist eine, die sonnendurchflutet und kontrastarm aussieht. Selbst wenn Gewaltszenen explizit dargestellt werden, wirkt es dadurch seltsam nüchtern, in seiner Bildsprache umso realer. Die emotionslose Sprache verstärkt den nüchternen Eindruck und entrückt das Publikum vom teils sehr nah gefilmten Geschehen. Aus der Distanz statt dem Affekt bedrückt die Dringlichkeit umso mehr.

Lanthimos Gesellschaftskritik ist eine kluge. Indem er real existierende Verhältnisse etwas verrückt, wirken sie für die Zuschauer_innen grotesk. Motive des "Pater Familias" und der Kleinfamilie als kleinstes Element der sozialen Ordnung sind strukturgebend. Sie werden nicht in ihrer Überspitzung sichtbar, sondern die Verrückung erlaubt uns einen Schleier beiseite zu schieben, sodass tatsächliche Verhältnisse offenbart werden, die immer schon wirksam sind. Die Sexualität des Sohnes als reales Bedürfnis wahrgenommen, im Gegensatz zur Sexualität seiner Schwestern, betritt die Arbeitskollegin des Vaters Christina zeitweise die Isolation, um diese gegen Geld zu stillen. Nach einer Verkettung von Widrigkeiten kommt es zum schonungslosen Missbrauch. Dieses Gefüge von Macht, Sexualität und Gender ist unwirklich, aber eben nicht unnatürlich.

Meist ist es eine Selbsterfüllung, wenn von der Aktualität zurückliegender Ereignisse oder Werke gesprochen werden möchte. Ein seufzendes "Oh" mag jedoch entrutschen, wenn man den Schauplatz des Films erfährt: Griechenland. Da die Außenwelt dank gelungener Abschottung nicht wirklich existiert, scheinen diese Umstände jedoch von keiner Relevanz. Welch tragische Ironie in Zeiten von Covid-19 und Lesbos.

Der Film erhielt zahlreiche Preise, unter anderem wurde er 2009 in Cannes für die Kategorie "Un Certain Regard" ausgezeichnet und 2011 bei den Oscars für den besten internationalen nominiert.



Szene aus Dogtooth (Bild: Screenshot)
Szene aus Dogtooth (Bild: Screenshot)
Szene aus Dogtooth (Bild: Screenshot)
Szene aus Dogtooth (Bild: Screenshot)
Szene aus Dogtooth (Bild: Screenshot)
Szene aus Dogtooth (Bild: Screenshot)