1. April 2020 - 21:37 / Felix Kalaivanan / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst.
Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern.

Wir wollen die Corona-Quarantäne nutzen, um an dieser Stelle Filme für und über die Isolation vorzustellen, beginnend mit einem surrealistischen Klassiker von Luis Buñuel aus dem Jahr 1962, nämlich "Der Würgeengel".

Der Würgeengel
(Originaltitel: El ángel exterminador)

Eine noble Feiergesellschaft bleibt wider Erwarten über Nacht. Am nächsten Morgen müssen die Gäste feststellen, dass sie, obwohl physikalisch nicht blockiert, den Festraum nicht mehr verlassen können, eine Art Willenslähmung hindert sie daran. Ebenso können weder die Angehörigen der Gefangenen noch die Polizei das Haus von außen betreten. Und bald werden die Nahrungsmittel knapp ...

Der Regisseur nutzt die filmischen Gestaltungsmittel um mit Zeit und Raum zu spielen und erzeugt so ein surreales Schaudern. So protzig wie die Garderobe und das Verhalten der Protagonisten ist auch die Bildsprache. Die Kamera erzeugt ständig mit Figuren und der noblen Einrichtung überfüllte Bilder. Durch Schwenks und Fahrten wird der immer gleiche Raum der Gefangenschaft erkundet. Die Handlung wird elliptisch erzählt und lässt dabei offen, wie viel Zeit vergeht. Es könnten Tage sein, vielleicht nur Stunden, auch die Figuren sind sich darüber nicht im Klaren.

Die filmische Realität wird immer wieder von surrealen Elementen gebrochen. Träume der Figuren mischen sich hinzu und werden dem/r ZuschauerIn erst im Nachhinein durch plötzliche Schnitte oder Blenden als solche offenbart.

Das Gedankenexperiment, das Luis Buñuel mit diesem Film vornimmt, ist ein makaberes. Unter den falschen Umständen, so die These, vergisst selbst die beste Gesellschaft ihre guten Manieren. Der fortschreitende Moralverlust mag anfangs komödiantische Züge haben, im weiteren Verlauf fällt das Lachen jedoch immer schwerer, zu gut versteht man bald die Ohnmacht der Figuren gegenüber der surrealen Existenzkrise.

Anders als in Marlen Haushofers Roman "Die Wand", welcher interessanterweise nahezu zeitgleich zu Buñuels Film erschienen ist, stoßen die Isolierten nicht auf eine physische Barriere sondern sind schlicht nicht gewillt, die Schwelle zu überschreiten. Die Gefangenschaft speist sich aus dem Verlust der persönlichen Souveränität, das Unheimliche entsteht aus Unverständnis über den Ursprung dieses Kontrollverlustes. Der Hausarrest ist sozusagen selbstverordnet.

Der Film entstand im mexikanischen Exil, während in Buñuels Heimatland Spanien Franco an der Macht war, was die dekadenten, unsympathischen, teils sogar unmenschlichen Figuren erklären könnte. Es gibt keine Identifikationsfigur, es gibt keinen klar ersichtlichen Feind, es gibt keine nachvollziehbare Logik hinter den Geschehnissen: Dieser Film über den Verfall und das Ende einer Wertegemeinschaft, welcher sich ihres Daseins an der Kippe gar nicht bewusst ist, erscheint auch im Mitteleuropa des Jahres 2020 unangenehm aktuell.



Szene aus 'Der Würgeengel' (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Der Würgeengel' (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Der Würgeengel' (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Der Würgeengel' (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Der Würgeengel' (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Der Würgeengel' (Bild: Screenshot)