1. Juni 2020 - 9:56 / Irene Salzmann / Film / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst. Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern. In Zeiten der Hobbypsychologie ist "Resilienz" zu einer Ressource behüteter Kindheiten oder Resultat teurer Therapiesitzungen geworden. Dass dem nicht so sein muss, macht Regisseur Benh Zeitlin in seinem Spielfilmdebüt "Beasts Of The Southern Wild" (2012) gewichtig. Mit seiner Ode an die Fantasie als Widerstandsmoment schließt die Reihe, die an dieser Stelle Filme für und über die Isolation während der Corona-Krise vorgestellt hat.

Noch einmal Kind sein und die Welt sehen, aus vor Neugierde geweiteten Augen, mit Händen, die mutig alles angreifen, was neu ist. Die Füße in quietschende gelbe Gummistiefel gesteckt, so schnell zu rennen, dass der Boden unter einem vorbeizieht. Alles spricht in Codes, die man nur selbst versteht. Das Kind mit den verfilzten braunen Locken und ihr Daddy leben im Bathtub, einer illegalen Siedlung inmitten von Sumpflandschaften. Spärlich zusammengeflickte Hütten aus allerlei angeschwemmtem Material bieten den Abgehängten ein Zuhause. Gegessen wird, was das Meer hergibt, oder was selbst mühevoll gesät und gefüttert wurde. Alkohol fließt in Strömen und die Stimmung ist ausgelassen. Feuerwerke erhellen den sternenklaren Himmel und am nächsten Tag bleibt nur eine verschwommene Erinnerung an bessere Zeiten. Zwischen Müll und Idylle lebt die kleine Hashpuppy in ihrem Verschlag. Mit einer Schnur, an dessen Ende eine Klingel befestigt ist, bleibt sie in Verbindung mit ihrem Vater, der nebenan lebt. "Feed up time", ruft er fürs gemeinsame Essen und manchmal, wenn lang nichts mehr von ihm zu sehen war, schreit Hashpuppy verzweifelt "Feed up time?" Was niemand weiß, ist, dass Hashpuppy Angst hat – Angst vor den Auerochsen der Eiszeit, die gefährliche Raubtiere waren und nun, da die Polarkappen schmelzen, auftauen. Als ein Sturm aufzieht, gerät alles aus dem Lot.

Wie schon in "Tideland" (Regie: Terry Gilliam, siehe aus derselben Reihe #3) setzt Regisseur Benh Zeitlin das progressive Potential von Fantasie cineastisch um. Programmatisch ist die Hauptfigur ein Kind, womöglich auch, um Abhängigkeitsbeziehungen damit klarer sichtbar zu machen. Die Umstände sind eindeutig: Verwahrlosung, Armut, fehlende Zukunftsperspektiven und ein Lebensraum, der von der Erderwärmung massiv gefährdet ist. Das ist recht viel, äußert sich aber in einer Welt weit ab von allem, sodass die Realität in ihrer Hyperrealität schon wieder gar nicht so real wirkt.

"Who is the man?" – "I am the man!" Für ihr Schauspiel als Hushpuppy erhielt Quvenzhané Wallis zahlreiche Auszeichnungen. Über weite Strecken des Films bleibt ihre Figur geschlechtslos. Sie wird erst in ein puppenhaftes Kleid gesteckt und die Haare werden ordentlich frisiert, als sie in die sterile Zivilisation eintaucht. Ansonsten dominieren Erdtöne und gedeckte Farben das warme Bild, welches in der Totale präzise inszeniert ist, dann wieder gewollt schlampig und unübersichtlich scheint.

Die Beziehung von Ursache und Wirkung folgt in Hashpuppys Logik simplen Regeln: Die schwere Krankheit ihres Vaters – ausgelöst als sie ihn während eines Streits geschupst hat; Der aufziehende Sturm – Resultat der herannahenden Auerochsen. Sich selbst fasst sie als kleinen Partikel, der umgeben ist von allem, was sie gemacht hat. Das Eingebettet sein in die Welt, mit all ihren Lebensformen, ihrer Vergangenheit und der Zukunft ist das leitende Motiv. Hashpuppy will erinnert werden und eine Geschichte haben, denn ihr Leben ist alles, was sie kennt. Einmal wieder Kind sein und sich selbst wichtig genug nehmen, um zu fragen woher man kommt und was man zu bewegen vermag.



Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"
Still aus "Beasts Of The Southern Wild"