18. Mai 2020 - 14:58 / Felix Kalaivanan / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst. Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern. Wir wollen die Corona-Krise nutzen, um an dieser Stelle Filme für und über die Isolation vorzustellen.
Diesmal "Das große Fressen" von Marco Ferreri aus dem Jahr 1973.

Vier lebensmüde Lebemänner treffen sich in einer großbürgerlichen Villa in Paris für ein "gastronomisches Seminar", wie sie es nennen. Alle würde man sie 2020 zur Kategorie "weiße alte Männer" zählen, Machos in angesehenen Berufen, darunter ein Pilot, ein Fernsehproduzent, ein Richter und – als Zeremonienmeister – ein Koch. Die Fleischlieferung kommt nahezu zeitgleich mit den Gourmands an: Ein Wildschwein, zwei junge Rehe, zehn Dutzend Perlhühner, fünf Dutzend Hühnchen. Das Federvieh wird mit Champagner gefüttert, "Das beeinflusst das Fleisch.", so der Koch.

Alles ist vorbereitet, das Treffen scheint lange im Voraus geplant. Doch es gibt nichts zu feiern, außer das Leben und den Tod: Die verfressenen Vier planen den kollektiven Selbstmord, wie sehr spät klar wird. "Man kann doch nicht vom Fressen sterben!", schreit der Pilot an einer Stelle, und so werden ein paar Prostituierte bestellt, um dem großen noch einen kleinen Tod vorauszuschicken. Doch selbst den Freudendamen ist die Lasterhaftigkeit zu viel, sie fliehen. Zurück bleibt, durch einen Zufall in der Villa gestrandet, Andréa (Ferréol). Die Volksschullehrerin unterscheidet sich nicht nur durch ihre bildungsbürgerliche Herkunft von den schlanken Prostituierten, sondern auch durch ihren barocken Körper.

Die Figuren tragen die Vornamen ihrer zum Drehzeitpunkt weltberühmten Darsteller Marcello (Mastroianni), Ugo (Tognazzi), Michel (Piccoli, der übrigens heute, am 18. Mai, im Alter von 94 Jahren verstorben ist) und Philippe (Noiret) und auch die im realen Leben befreundeten Schauspieler scheinen großen Spaß daran zu haben, ihre (Spiel-)Lust zur Schau zu stellen. Für die Dreharbeiten wurden angeblich Speisen für 200.000 Euro vom Pariser Delikatessengeschäft Fauchon geordert, welche sich die Schauspieler auch tatsächlich einverleibten. Delikat ist der Anblick des Austern-Wettessens jedoch nicht.

Auch die visuelle Ebene strotzt vor Dekadenz und Opulenz: Alles ist mit geschmacklosem aber offensichtlich teurem Nippes verstellt, in den Bildern gibt es kaum Unschärfe-Ebenen, so dass sie überfordernd und überladen wirken. Trotz der langen Einstellungen hat der Film aufgrund der sich dauernd bewegenden Schauspieler Tempo, der geheime Star ist jedoch die Ausstattung und die Villa an sich, deren genaue Architektur nie genau verständlich wird.

Der Film über die vier Freunde, die fressen wollen, bis sie platzen, spart im letzten Drittel dann auch nicht mit Flatulenzen und Fäkalhumor. Was in den 1970ern noch als Tabubruch galt und den Sehgewohnheiten seiner Entstehungszeit zuwiderlief, ist fast 50 Jahre später eine Satire voll schwarzem Humor, geschmacklos vielleicht, aber keineswegs Skandal.

Mit Sex und Scheiße ist heutzutage niemand mehr zu schockieren.
Was zeitlos bleibt, ist das Vanitas-Gemälde, welches Ferreri in Pastelltönen auf die Kinoleinwand pinselt: Verzweiflung als Kehrseite der allgemeinen Genusssucht, eine Sinnkrise im Überfluss. Übertrieben, zügellos, absurd wie Klopapier-Kämpfe im Supermarkt.



Michel Piccoli in 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Michel Piccoli in 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Ausschnitt aus 'Das grosse Fressen' (Bild: Screenshot)
Das grosse Fressen: Das Originalplakat
Das grosse Fressen: Das Originalplakat