12. Mai 2020 - 17:10 / Irene Salzmann / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst. Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern. Wir wollen die Corona-Krise nutzen, um an dieser Stelle Filme für und über die Isolation vorzustellen. Diesmal mit "Moon" etwas Sci-Fi der anderen Art von Regisseur Duncan Jones.

Er lümmelt auf der Couch und schaut alte Schwarz-Weiß-Filme, macht Sport auf seinem Hometrainer, netzt seine Pflanzen und geht seinem Hobby nach, die US-amerikanische Stadt Fairland in Miniatur zu schnitzen. Videonachrichten von der Geliebten gibt es nur als Aufzeichnungen, da die Liveübertragung aufgrund eines Solarsturms nicht mehr möglich ist. Wir befinden uns auf der dunklen Seite des Mondes.

Sam Bell (Sam Rockwell) ist mehr klassischer Arbeiter, als abenteuerlicher Astronaut. Er arbeitet für den Energiekonzern Lunar Industries Limited, welcher 70 Prozent des weltweiten Energiebedarfs durch den Abbau von Mondgestein deckt. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht. Bell ist allein in dem futuristischen Quasi-Kohlewerk, nur eine künstliche Intelligenz namens Gerty, gesprochen von Kevin Spacey unterstützt ihn dabei. Zwei Wochen sind es noch bis zum Auslaufen seines Drei-Jahres-Vertrags. Dies wird vor dem Hintergrund seines psychischen Verfalls höchste Zeit. Nicht mehr ganz bei Sinnen, erfasst ihn eine riesige Arbeitsmaschine und er ist im Begriff zu sterben. Bell wird gerettet, das macht es jedoch nicht gerade einfacher, denn es ist er selbst, der da vor ihm steht.

Klone und die Frage nach dem Mensch-Sein: Regisseur Duncan Jones besinnt sich in "Moon" (2009) darauf, was Sci-Fi abseits von Knalltüten und Wunderkerzen alles kann. Das Spezifikum bei Klonen ist, dass die Kategorien von Künstlich und Natürlich zusammenfallen. Die Offenbarung ihrer künstlichen Erzeugung geht auf der Leinwand meist mit einer Existenzkrise einher – eine streitbare Annahme. Vielmehr stellt sich die Frage, wieso die technischen Möglichkeiten beibehalten werden wollen, bei gleichzeitiger Unsichtbarmachung oder Verheimlichung des Technischen? Wissen deshalb Klone nie um ihr zielgerichtetes Gemacht-Sein? Die Technik soll dem Menschen gewissermaßen gleich sein, somit Natur werden.

In "Moon" wird eine Überlegung gewichtig: Der Mensch erkennt sich und seine geschaffene Welt in der Technik wieder, versucht sich aber darüber hinwegzutäuschen. Die philosophische Frage reicht also über die Differenz von Vitalität und Technologie hinaus und schließt bei der Frage nach dem lebenswerten Leben. Denn "lebenswert" referiert auf keine Natürlichkeit. Der Figur Sam Bell, ob Klon oder nicht, ist das lebenswerte Leben durch die extraterrestrische Isolation und die schweren Arbeitsbedingungen weitestgehend versagt. Er ist das Produkt eines falschen Verhältnisses.

Besonders schön ist der ästhetische Bruch. Die Fahrten im Rover über der Mondoberfläche sehen gewaltig aus und im Innern der Raumstation verliert man sich in der detailverliebte Retro-Ausstattung im Stil des Futurismus der 1970er Jahre. Duncan Jones liefert damit eine Hommage an die Klassiker der Weltraumfilme, wobei "2001. A Space Odyssey" die wohl bekannteste Referenz ist. Klassische Musik im Weltall, weiche Gummitastaturen statt Touchscreens, der Roboter Gerty diesmal mit Ablage für den Kaffeebecher und einem "Kick Me" Post-it auf der Rückseite. Komisch ist das ganze auch dank der Darbietung von Sam Rockwell, der gerne mal gegen sich selbst im Tischtennis verliert. Der Film nimmt sich trotz existenzieller Fragen, düsterer Mondlandschaften und aussichtslosen Bedingungen nicht zu ernst und schafft es so gekonnt, dem sonst genretypischen maskulinistischen Pathos mit Humor zu entkommen.



Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)
Szene aus 'Moon' von Duncan Jones (Bild: Screenshot)