2. Mai 2020 - 11:19 / Felix Kalaivanan / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst. Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern. Wir wollen die Corona-Krise nutzen, um an dieser Stelle Filme für und über die Isolation vorzustellen, diesmal "Synecdoche, New York", dem Regiedebüt von Charlie Kaufman, aus dem Jahr 2008.

Der New Yorker Theaterregisseur Caden lebt für seinen Beruf und vernachlässigt seine Familie. Als seine Frau mit der gemeinsamen Tochter nach Berlin zieht und immer spärlicher Kontakt mit Caden hat, verliert dieser sich in Liebeskummer und Selbstzweifel. Überraschend wird eine große Kunstförderung zugesprochen, und er beginnt seine Angst vor einem Leben voller vertanen Chancen in eine Inszenierung zu projizieren, die sein Opus Magnum werden soll. Dafür lässt er in einer Lagerhalle zuerst einzelne Gebäude, bald ganz New York nachbauen. Der Detailreichtum der Replika reicht so weit, dass auch im Neu-New York eine Lagerhalle steht, in der ebenfalls New York nachgebaut wird.

Die titelgebende Synekdoche ist eine rhetorische Figur, bei der das eigentlich gemeinte Wort durch ein anderes ersetzt wird. Eine Synekdoche kann ein engerer Begriff sein, der einen umfassenden meint, "pro Kopf" als Ersatz für "pro Person".

Charlie Kaufman, der vor allem durch seine Drehbücher für Filme wie "Being John Malkovich" und "Vergiss mein nicht!" (Originaltitel: Eternal Sunshine of the Spotless Mind) bekannt wurde, verwendet in seinem Regiedebüt das Theater und das Lagerhaus, in dem es stattfinden soll, wie eine Matrjoschka aus dessen Inneren immer mehr Holzpuppen gezaubert werden können: Zum Teil sind mehrere Cadens zu sehen, neben dem echten Regisseur gibt es in den Nachbauten New Yorks ja auch einen Schauspieler, der einen Regisseur spielt und dabei einen weiteren Schauspieler inszeniert, der einen Regisseur spielt ...

Das klingt verwirrend und das ist es auch. Der Film setzt alles daran, diese Verwirrung weiter zu treiben: schnelle Schnitte und die unzuverlässige Erzählperspektive Cadens, der offenbar immer mehr das Zeitgefühl zu verlieren scheint. So vergehen innerhalb einer Szene, in der eine Zeitung durchgeblättert wird, mehrere Monate, was am abgedruckten Datum erkennbar wird.
Caden verfällt nicht nur dem Größenwahn, sondern auch der Hypochondrie und fokussiert sich im Verlauf des Filmes immer mehr auf den eigenen Verfall. Die ursprünglich vielleicht nur eingebildeten Krankheiten weichen realen Symptomen, doch Caden nimmt sie an, hat er sich doch schon so sehr an sein Kranksein gewöhnt.

Der 2014 verstorbenen Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman brilliert in der Hauptrolle des Caden mit einer Körperbeherrschung, durch die selbst der gespielte epileptischen Anfall beängstigend real daher kommt. Auch sonst ist der Film nichts für zarte Gemüter, bei den immer wiederkehrenden medizinischen Behandlungen spritzt viel Blut und Cadens deprimierendes Dasein wird bald zu einer schnellen Abfolge von Theaterproben, Krankenhausbesuchen und Beerdigungen.

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Charlie Kaufman liefert mit "Synecdoche, New York" eine Art modernen Horrorfilm, voller Körperlichkeiten, Karrieredruck, verflüchtigender Zeit und einer Hauptfigur, welche ihrer Lebenssituation mit einem Aufbruch ins Innerste zu entkommen versucht. Der Film versucht nicht, eine Sinnfrage zu stellen oder gar zu beantworten, an einer Stelle heißt es: "Zu wissen, dass du es nicht weißt, ist der erste und wichtigste Schritt zum Wissen, weißt du?"

Charlie Kaufman sprach in einer berührenden Rede vor der British Academy of Film and Television Arts Awards (Bafta) dieses Unwissen an: "I do believe you have a wound too. I do believe it is both specific to you and common to everyone. I do believe it is the thing about you that must be hidden and protected, it is the thing that must be tap danced over five shows a day, it is the thing that won’t be interesting to other people if revealed. It is the thing that makes you weak and pathetic. It is the thing that truly, truly, truly makes loving you impossible. It is your secret, even from yourself. But it is the thing that wants to live."

Bafta-Rede:



Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)
Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)
Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)
Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)
Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)
Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)
Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)
Szene aus Synecdoche, New York (Bild: Screenshot)