23. April 2020 - 14:55 / Irene Salzmann / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst. Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern. Wir wollen die Corona-Krise nutzen, um an dieser Stelle Filme für und über die Isolation vorzustellen.

Diesmal aber keine struben Sozialdramen, keine Arthousefilme zwischen Fiktion und Hyperrealismus, keine Dystopien und noch kein Spacefilm. Isolation kann auch anders. Sie kann mitten in der Gesellschaft Tag für Tag wirksam sein und unsere Vorstellungskraft trotzdem übersteigen, wie uns das liebevolle Debüt "Systemsprenger" (2019) von Regisseurin Nora Fingscheidt zeigt.

"Erzieherin! Erzieherin!" schreit es in die Dunkelheit. Von der unkontrollierten Angst und der Nässe im Bett aufgeschreckt, bittet das blonde Mädchen: "Erzieherin, bleib hier." "Du weißt doch wie ich heiße.", lautet sanft die Antwort.

Benni ist neun und hat so gar keinen Bock. Ihre heiß geliebte Mutter ist überfordert, sodass sie nicht bei ihr bleiben kann und bereits einen Marathon an Pflegefamilien und betreuten Wohneinrichtungen hinter sich hat. Die Eskalationsspirale dreht sich trotz aller Bemühungen weiter. Als Micha auftaucht, der sonst mit straffällig gewordenen Jugendlichen arbeitet, ist da so etwas wie Hoffnung. Seine unkonventionellen Methoden und seine raue Unmittelbarkeit wirken auf Benni. Er nimmt sie ein paar Tage mit aufs zerfurchte deutsche Land. Feuer machen, Milch holen, Hütte bauen – im eigens gestalteten Boot-Camp finden sie einen Zugang zueinander. Sehnsüchtig nach Nähe und Verständnis fehlt Benni das Gespür für Grenzen und alles was mühsam aufgebaut wurde, bricht im nächsten Moment wieder in sich zusammen.

Kein Zeigefinger wird erhoben, keine "So geht es besser"-Plattitüde didaktisiert serviert. Im Gegenteil. Es gibt helfende Hände in einer zerbrechlichen Welt, die Überforderung und Aussichtslosigkeit auf der einen Seite und Sensibilität und Wertschätzung auf der anderen bereithält. Man kann sich an der unperfekten Oberfläche der Figuren reiben, um sie zu spüren – SozialarbeiterInnen, PädagogInnen, die Familie, sie alle versagen, nicht nur weil sie es sind, sondern weil sie StellvertreterInnen sind; Die Mutter etwa: tiefliegende Jeans, Kippe im Mundwinkel und in ihrem Unvermögen verständlich, sogar sympathisch.

Doch Benni bleibt isoliert, ob ihrer vermeintlichen Einschränkungen mehr als andere: Persönlich von denen, die sie am meisten liebt, da sie diese auch am meisten verletzt; Gesellschaftlich, da das System als Norm und Regelwerk nicht für die kantigen Bennis dieser Welt gemacht ist. Regeln, die das Zusammenleben ermöglichen, sind für Benni nicht einhaltbar und entfernen sie von diesem – gleich einer geleeartigen Wand, die sich dazwischenschiebt. Umso wilder schreit und schlägt sie um sich, wodurch die Wand paradoxerweise nur noch undurchdringbarer wird.

Pink leuchtet es durch die sonst graue Bilderwand hindurch und die Protagonistin (Helena Zengel) glänzt durch ihr Schauspiel. Breites Grinsen und Raserei sind auch die Dimensionen, innerhalb derer Kamerafahrten und Schnitte operieren. Grelles Pink nimmt einen Augenblick die ganze Bildfläche ein. Verschwommene, dann wieder scharfgestellte Nahaufnahmen legen die Betrachtenden an die Brust der Mutter. Der Nabel der Welt werden wieder ihr Gesicht und ihre Zuneigung. Kurze Verschmelzung statt dem Gefühl von Isolation und wenig dazwischen.

Nachtrag: "Systemsprenger erhält den Deutschen Filmpreis "Goldene Lola"
Das Drama "Systemsprenger" hat beim diesjährigen Deutschen Filmpreis die "Goldene Lola" als bester Spielfilm gewonnen. Das gab die Deutsche Filmakademie in Berlin in der Nacht zum Samstag, den 25. April, bekannt. Der Film ging mit zehn Nominierungen als einer der Favoriten ins Rennen und gewann schliesslich acht. Zwei davon gingen an die Schauspieler: Die elfjährige Helena Zengel spielte die Hauptrolle und bekam für ihre Darstellung der kleinen Benni die "Lola" für die beste weibliche Hauptrolle. Albrecht Schuch erhielt die Lola als bester Hauptdarsteller. Auszeichnungen gab es auch für Drehbuch, Regie, Schnitt und Tongestaltung. Gabriela Maria Schmeide wurde zudem als beste weibliche Nebendarstellerin geehrt.



Szene aus Systemsprenger (Bild: Screenshot)
Szene aus Systemsprenger (Bild: Screenshot)
Szene aus Systemsprenger (Bild: Screenshot)
Szene aus Systemsprenger (Bild: Screenshot)
Helene Zengel in 'Systemsprenger' (Bild: Screenshot)
Helene Zengel in 'Systemsprenger' (Bild: Screenshot)