19. April 2020 - 8:56 / Felix Kalaivanan / Film 

Das Kino ist immer auch ein Rückzugsort. Im Dunkeln des Saales kann man unter Menschen und gleichzeitig für sich selbst sein, denn so wie die Leinwand das Licht des Projektors widerspiegelt, so werden auch die ZuschauerInnen zurückgeworfen auf sich selbst. Viele Filme handeln auch vom Rückzug, zeigen Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gesellschaft hinaus befördern. Wir wollen die Corona-Krise nutzen, um an dieser Stelle Filme für und über die Isolation vorzustellen.

Dieses Mal widmen wir uns dem 2005 erschienenen Film "Tideland" von Regisseur Terry Gilliam.

Schiebt man die DVD von "Tideland" in das betreffende Abspielgerät, erscheint vor der üblichen Ouvertüre aus Logos von Verleih und Produktionsfirmen eine Großaufnahme vom Gesicht des Regisseurs Terry Gilliam, er blickt in die Kamera und spricht direkt das Publikum an: "Viele von Ihnen werden diesen Film nicht mögen, viele werden ihn lieben. Und dann wird es sehr viele geben, die nicht wissen werden, was sie über diesen Film denken werden – aber Sie werden auf jedenfalls nachdenken."

Wenige Minuten später werden wir gemeinsam mit der Hauptfigur den Drogentod der Mutter erleben. Der Vater, gespielt von Jeff Bridges, kommentiert: "Das Methadon hat sie getötet, sie hätte bei ihrem alten Zeug bleiben sollen." Darauf das Kind: "Jetzt können wir all ihre Schokolade essen!"

Gemeinsam ziehen sie in ein verlassenes Haus, das irgendwo im mittleren Westen in einem Meer aus Kornfeldern steht. Doch vom nächsten "Tiefseetauchen", wie der Vater seinen Heroinrausch nennt, kehrt er nicht zurück und so muss seine Tochter Jeliza-Rose sich selbst genügen, sie hat nur noch die abgeschnittenen Köpfe ihrer Barbiepuppen, die ihr als Spielgefährtinnen beistehen. Diese Puppenköpfe bilden die unterschiedlichen Emotionen des Kindes ab, eine ist sehr ängstlich, eine andere mutig und überheblich. Die 9-Jährige spricht sie anfangs mit verstellter Stimme, doch irgendwann antwortet das Spielzeug, ohne dass Jeliza-Rose die Lippen bewegt.

Wenig später fällt einer der Puppenköpfe in den Tunnel eines Kanninchenbaus...

"Alice im Wunderland" trifft„Psycho“: "Tideland" ist eine Geschichte, welche die Widerstandsfähigkeit und das Überleben eines Kindes unter grotesken Umständen erforscht. Dabei schwankt der Film ständig zwischen Realität und Fantasie, Vorstellungskraft und Wahnsinn. Schwankend ist auch die Kamera: Sie entdeckt die weiten Felder und klaustrophobischen Kammern des Farmhauses, fast wie ein Betrunkener. Die fast durchgehend verwendeten Weitwinkelobjektive ("Fisheyes") zerren das Bild und erzeugen mit den detailverliebten Ausstattung und den übersättigten Farben eine rauschartige Stimmung, welche von filmischen Traumsequenzen und der atmosphärischen Tongestaltung unterstützt werden.

Der Film floppte an den Kinokassen: Zu krass die Geschichte, zu hart das Schicksal, zu direkt die Bilder, so urteilten die Kritiker_innen. "Meine Aufgabe war es, das gleichnamige Buch auf die Leinwand zu bringen", so Gilliam in einem Interview. "Einige Leute meinen, dass ich die Welt von Tideland nur von ihrer hässlichen Seite zeige, aber das stimmt nicht, wir tun genau das Gegenteil. Solche Aussagen verwundern mich, denn es gibt Menschen, die in ihrer kleinen Seifenblase leben und die Welt nicht so sehen wollen, wie sie ist."



Jeff Bridges in Tideland (Bild: Screenshot)
Jeff Bridges in Tideland (Bild: Screenshot)
Szene aus Tideland (Bild: Screenshot)
Szene aus Tideland (Bild: Screenshot)
Szene aus Tideland (Bild: Screenshot)
Szene aus Tideland (Bild: Screenshot)
Szene aus Tideland (Bild: Screenshot)
Szene aus Tideland (Bild: Screenshot)