23. Oktober 2008 - 3:51 / Bühne / Musiktheater 

Wie Mozarts "Zauberflöte" und Webers "Freischütz" gehört auch Ludwig van Beethovens "Fidelio" zu jenen Werken des deutschen Opernrepertoires, die wegen ihrer Textbücher immer wieder in die Kritik geraten sind. Dennoch steht die kritische ästhetische Rezeption dieses Librettos in krassem Widerspruch zum dauerhaften Erfolg, den diese Opern im internationalen Repertoire erzielt haben.

Wie sehr Beethoven mit seinem einzigen Bühnenwerk gerungen hat, zeigt schon die verzweigte Entstehungsgeschichte: Emanuel Schikaneder, der sich mit seinem Theater an der Wien in ewiger Konkurrenz mit dem von Baron von Braun geleiteten Kärtnertor-Theater befindet, verpflichtet Beethoven 1803 zur Komposition einer Oper und liefert dem Komponisten ein Libretto namens "Vestas Feuer". Beethoven ist davon nicht recht begeistert und belässt es bei der Komposition einer Szene. 1804 erwirbt von Braun das Theater an der Wien und damit den Opernvertrag Beethovens. Nun erhält der Komponist ein Libretto, das ihm weit mehr zusagt. Der Text geht auf Jean-Nicolas Bouilly zurück, der während der Französischen Revolution als Staatsanwalt und Richter tätig war. Was er an heldenhaftem Einsatz von Frauen für ihre verurteilten Männer erlebt hat, legte er in zwei Dramen nieder: das eine ist "Les deux journées", das zu Cherubinis "Wasserträger" geworden ist, das andere "Léonore ou l’amour conjugal", das schon 1798 von Pierre Gaveaux vertont worden ist und 1804, von Ferdinando Paër komponiert wird.

Hier fand Beethoven das "Sittliche, Erhebende", das er sich von einem Operntext erhoffte. Der Hoftheatersekretär Ferdinand Sonnleithner übersetzt und bearbeitet Bouillys Stück, das drei Akte enthält und unter dem Titel "Leonore" in Angriff angenommen wird. Der Name "Fidelio" für die als Mann verkleidete Frau stammt aus Shakespeares Drama "Cymbeline". Den realgeschichtlichen Schauplatz Frankreich hatte schon Bouilly in seinem Libretto verlegt, und auch Sonnleithner übernimmt ihn für seine deutsche Übersetzung: "Die Handlung geht in einem spanischen Staatsgefängnis, einige Meilen von Sevilla vor." Im Juni 1804 ist die erste Werkskizze fertig. Die Oper entsteht zwischen der 3. und der 4. Sinfonie und lässt Beethoven schwer um die für ihn ungewohnte theatergerechte Form ringen. 1805 ist das Werk fertiggestellt, doch da inzwischen Paërs "Leonore"-Oper in Dresden uraufgeführt worden ist, muss der Titel, um Verwechslungen zu vermeiden, zu Beethovens Bedauern in "Fidelio oder Die eheliche Liebe" abgeändert werden. Was ursprünglich eine Oper der Gattenliebe gewesen ist, entwickelt sich durch die Umarbeitungen letztlich zum grossen musikalischen Humanitätsbekenntnis. Formal ist "Fidelio" eine Nummernoper mit gesprochenen Dialogen geblieben.

Die Premiere des "Fidelio" ist für den 20. September 1805 angesetzt, aber natürlich haben die Wiener Zeitgenossen den revolutionären Gehalt des Stücks ebenso wenig übersehen wie das Pariser Publikum bei der französischen Urversion von 1798. Im konservativen Österreich hat die Zensur gegen eine "Freiheitsoper" Bedenken. So wird der Premierentermin verschoben – und fällt schliesslich mit dem 20. November 1805 in eine ungünstige Zeit, denn inzwischen sind die napoleonischen Besatzungstruppen in Wien eingezogen. So besteht das Premierenpublikum zum Grossteil aus französischen Offizieren, die mit der Oper wenig anfangen können und sich darüber wundern, wie sich ein vormals erfolgreiches französisches Kolportagestück in ein merkwürdig heterogenes deutsches Singspiel verwandelt hat. Auch für die Wiener ist "Fidelio" in einer politisch so unruhigen Zeit nicht das richtige Werk. So hat einzig die erst neunzehnjährige Sängerin Anna Milder als Leonore Erfolg – im übrigen findet die Oper wenig Beifall und wird nach drei Aufführungen abgesetzt.

Freunde reden Beethoven zu, Umarbeitungen und Kürzungen vorzunehmen. Der Komponist ist erst dagegen, entschliesst sich aber, zusammen mit seinem Freund Stephan von Breuning eine gestraffte, zweiaktige Fassung herzustellen. Ein über 250 Seiten umfassendes Skizzenbuch belegt den mühsamen Arbeitsprozess. Die zweite "Fidelio"-Premiere, der die 3. Leonorenouvertüre vorangeht, findet unter dem Titel "Leonore oder Der Triumph der ehelichen Liebe" am 29. März 1806 wieder im Theater an der Wien statt. Die Publikumsresonanz ist besser, doch nun gerät Beethoven mit dem Intendanten über Tantiemenfragen in Streit und zieht sein Werk zurück. So verschwindet "Fidelio" nach fünf Aufführungen erneut.

Erst 1814 rafft sich Beethoven dazu auf, mit Hilfe des Opernregisseurs Georg Friedrich Treitschke "Fidelio" erneut umzuarbeiten. "Die Oper erwirbt mir die Märtyrerkrone", schreibt Beethoven an Treitschke und dokumentiert damit die Überwindung, die es ihn kostet, sich seine Oper noch einmal vorzunehmen. Jetzt erhält "Fidelio" seine endgültige Gestalt. Sonnleithners Text wird radikal gekürzt, Musiknummern aus der ersten und zweiten Fassung werden umgestellt oder entfallen ganz, wie beispielsweise das Duett Marzelline-Fidelio "Um in der Ehe froh zu leben" und das Terzett Marzelline – Jaquino – Rocco "Ein Mann ist bald genommen". Dafür lässt Beethoven seine Oper nun anstatt im Kerker auf dem Paradeplatz des Schlosses mit einer Melodie aus seiner 1790 komponierten Kantate auf den Tod Joseph II. oratorisch enden: Der Hymnus mit dem ursprünglichen Text "Da stiegen die Menschen ans Licht" wird dem Orchester gegeben, in den sich Leonore und die übrigen mit ihrem "O Gott! – Welch ein Augenblick" hineinfügen. Noch einmal erhält das Werk eine neue Ouvertüre, die "Fidelio"-Ouvertüre in E-Dur, die aber erst zur zweiten Vorstellung fertig komponiert ist. Wieder mit Anna Milder in der Titelpartie wird die Aufführung des "Fidelio" im Kärntnertor-Theater am 23. Mai 1814 fast ein Jahrzehnt nach der Uraufführung der ersten Fassung, zu einem überwältigenden Publikumserfolg.

Der "Fidelio" des Jahres 1814 ist eine grundlegend andere Oper als das ursprüngliche Werk von 1805. Zwar steht nach wie vor das Schicksal Leonores und Florestans im Mittelpunkt des Geschehens, doch die individuelle Charakterisierung wird idealisierter und stereotypischer. In den Fassungen von 1805 und 1806 sangen Leonore und Florestan ihr ekstatisches Duett "O namenlose Freude" schon, als sie sich noch nicht sicher sein konnten, welches Schicksal ihnen bevorsteht. 1814 lässt Beethoven keinen Zweifel am glücklichen Ausgang. Der menschliche Aspekt wird nun der moralischen Botschaft der Oper untergeordnet, und die Gefangenen, die aus dem Dunkel ins Licht entlassen werden, erscheinen jetzt als Vertreter einer unterdrückten Menschheit, die sie 1805 noch nicht gewesen waren. Wie in einem Brennglas sind universelle Ideen zusammengefassst: Freiheit, mutiges Verhalten im Angesicht der Tyrannei, heroische Entschlossenheit, Brüderlichkeit unter den Menschen. "Es sucht der Bruder seine Brüder", singt Don Fernando im Finale der Oper, das gedanklich bereits die Neunte Sinfonie ahnen lässt. Im weiteren Verlauf dieses Finales nimmt der Chor dann den Schluss der kommenden Sinfonie noch deutlicher vorweg, wenn es heisst: "Wer ein holdes Weib errungen, stimm’ in unsern Jubel ein." Die Idee der universalen Harmonie jenseits ethischer oder politischer Realität scheint in geradezu überwältigender Dimension im ekstatischen Zusammenklang von Ensemble, Chor und Orchester auf und wird so zur Herausforderung für jeden Dirigenten.

Nachdem er bei im vorigen Jahr einen bejubelten "Parsifal" dirigiert hat, leitet Bernard Haitink – wenige Monate vor seinem achtzigsten Geburtstag – mit "Fidelio" erstmals eine Neuinszenierung am Opernhaus Zürich. Den Namen des gebürtigen Amsterdamers bringt man heute in erster Linie mit den grossen sinfonischen Werken Mahlers, Bruckners und Schostakowitschs in Verbindung, die er mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, der Staatskapelle Dresden und dem London Philharmonic Orchestra in wegweisenden Aufführungen und preisgekrönten Aufnahmen dirigiert hat. Doch, so betont er, habe Beethoven immer eine überaus wichtige Rolle in seinem Leben gespielt. Auch abseits der Sinfonien, vor allem in den Klaviersonaten und Streichquartetten, eröffne sich ein unendlicher Kosmos, der einen für die Dauer eines Erdendaseins beschäftigen könne, der immer wieder Stoff zur Auseinandersetzung biete und ohne den sein Leben um vieles ärmer wäre. Gerade erst hat Bernard Haitink beim Lucerne Festival einen neuen Beethoven-Zyklus mit dem Chamber Orchestra of Europe in Angriff genommen und mit dem London Symphony Orchestra eine weitere Gesamtaufnahme der Sinfonien vorgelegt.

Leicht hat es «Fidelio» seinen Interpreten nie gemacht. Jede Inszenierung muss für sich die Frage beantworten, ob es sich hier um eine Befreiungsoper, eine humanistische Botschaft oder ein Glaubensbekenntnis an die Utopie handelt, muss klären, wie man mit den Elementen des Singspiels, des Musikdramas und des Oratoriums verfährt, die – man liest es immer wieder – angeblich so dilettantisch miteinander verzahnt sind. mk


Fidelio
Grosse Oper in zwei Aufzügen
von Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Premiere: So 5. Oktober 2008, 19 Uhr

Weitere Vorstellungen:
07.10.2008, 19.30 Uhr
09.10.2008, 19.30 Uhr
11.10.2008, 19.00 Uhr
21.10.2008, 19.30 Uhr
23.10.2008, 19.30 Uhr
25.10.2008, 19.30 Uhr

Opernhaus Zürich
Falkenstrasse 1
CH - 8008 Zürich

T: 0041 (0)44 26864-00
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