„Feudal Holes“ – Formen topografischer Kontrollstrategien

Claudia Pagès Rabal ist bildende Künstlerin und Schriftstellerin. In ihren Videoinstallationen, Performances, Skulpturen und Zeichnungen thematisiert sie häufig die Geschichte der Iberischen Halbinsel, globale Migrationsbewegungen, territoriale Aneignung oder die kulturelle Vielfalt und Durchmischung der Mittelmeerregion.

Im Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien (Mumok) setzt sie eine langjährige Recherche über die Seidenstraße fort. Die Seidenstraße war ein historisches Netzwerk aus Handelsrouten, die von Zentral- und Ostasien in den Mittelmeerraum führten. Auf diesen Routen wurden über Jahrhunderte hinweg nicht nur Güter, sondern auch Kapital in Form von Wissen transportiert.

Die Recherchen der Künstlerin bringen die Besucher:innen in der Ausstellung „Feudal Holes“ in die sogenannte „Spanische Mark“. Damit wird das historische Grenzgebiet bezeichnet, das von den europäischen Karolingern im 9. Jahrhundert als Teil des Schutzwalls gegen das arabische al-Andalus errichtet wurde und von maurischen Einflüssen geprägt ist. Das Territorium galt als militärische Pufferzone zwischen dem heutigen Spanien und Frankreich. Seine Geschichte war identitätsbildend für die autonome Region Katalonien, in der die Künstlerin lebt. Es ist eine Region der Iberischen Halbinsel mit historisch volatilen Territorialgrenzen, in der Muslime gleichermaßen unter christlicher wie Christen unter muslimischer Herrschaft standen und deren soziale Verstrickungen und Widersprüche bis heute für das Kultur- und Geistesleben Europas prägend sind.

Claudia Pagès Rabals Installation „Feudal Holes“ ist eine Weiterentwicklung von „Five Defence Towers“, einer Ausstellung, die Anfang 2025 in der Londoner Chisenhale Gallery gezeigt wurde. Der begleitende Katalog, eine Koproduktion zwischen Mumok und Chisenhale Gallery, dokumentiert beide Stationen. Ausgangspunkt in London war eine Recherche zu fünf historischen Wehrtürmen, die die Landschaft Kataloniens prägen. Diese zur (Selbst-)Verteidigung errichteten Bauwerke sollten das christliche Europa nördlich der Pyrenäen vor den muslimischen Arabern im Süden schützen. „Mich interessieren diese Türme, weil all die Geschichten, die sich um sie ranken, sehr vage sind. Es heißt, sie seien genutzt worden, um gegen die Sarazenen zu kämpfen und sich vor ihnen zu verteidigen. Doch bei genauerer Betrachtung sieht man, dass sie tatsächlich schon vor dieser Zeit gebaut wurden. Das bedeutet einen klaren Zusammenbruch der Narrative: Gehören die Türme den einen oder den anderen? Dienten sie vielleicht dazu, beide Seiten zu verteidigen?”, so Claudia Pagès Rabal zur Bedeutung der Wehrtürme. Für „Five Defence Towers“ entwickelte die Künstlerin eine Art Theaterstück in fünf Akten, das aus der Perspektive der Türme von der stillen Gewalt kolonialer Besiedlung und ihren Widersprüchen und Ambivalenzen erzählt. In der Videoarbeit „Feudal Holes“ porträtiert sie die Überreste eines sechsten Turms. Mithilfe einer Drohne dringt sie in das Innere des Torre del Moro de Castellnou ein und macht dabei Momente von Überwachung und Kontrolle an seiner architektonischen Form sichtbar. Der Widerspruch zwischen der Vertikale des Turms und seiner horizontalen Erscheinung auf digitalen Karten wie Google Maps wird dabei zum inhaltlichen wie formalen Ankerpunkt.

„Feudal Holes sind Formen topografischer Kontrollstrategien”, so die Künstlerin über die gleichnamigen, eigens für die Ausstellung im Mumok entwickelten Videoobjekte, „die die Betrachter:innen in einer Schleife gefangen halten. Ich glaube zwar nicht, dass wir in ein früheres Feudalsystem zurückkehren, aber wenn ich mir ansehe, was derzeit in der Welt geschieht, befinden wir uns in einem Loch der Gewalt, für das wir noch kein neues Wort gefunden haben.“ Beide Skulpturen zeigen, wie die Kamera in die Öffnung des Turms eindringt und wieder herauskommt. Das hat etwas Sexuelles, es ist gewaltsam und penetrativ, auf jeden Fall abstoßend.“ Die sich nach außen stülpenden Gebilde nehmen in ihrer Form Anleihe an mathematischen Figuren wie dem Möbiusband, einer Fläche, die optisch keine eindeutig definierte Innen- oder Außenseite hat. Die Bildträger der beiden Videoskulpturen – biegsame LED-Panels, die auf Metallstrukturen montiert sind – wölben sich nach außen und bilden Flächen mit einem die Landschaft ringsum verschlingenden Loch im Zentrum. Dabei wachsen sie aus dem Boden des Ausstellungsraums, so wie der Turm aus der ihn umgebenden Landschaft in der Nähe Barcelonas wächst. Mit „Feudal Holes” konstruiert die Künstlerin „Bildmaschinen” für unmögliche kartografische Darstellungsformen. Jedes dieser Objekte eröffnet einen eigenen Blick: Entweder verhindert ihre besondere Form, dass man den Grund des Lochs sehen kann, oder sie verwandelt das flache, kartenähnliche Bild in eine Art Raum oder Behausung.

In der Ausstellung „Feudal Holes“ geht es Claudia Pagès Rabal nicht allein darum, historische und aktuelle Identitäten anzuerkennen, die aus einer europäischen Perspektive als fremd, unterschiedlich oder „anders“ konstruiert und marginalisiert werden. In ihrer künstlerischen Praxis richtet sie den Blick vor allem darauf, die Begrenztheit der Erkenntnisinstrumente und der eigenen Wissensproduktion sichtbar zu machen. Dabei hinterfragt sie auch die medialen Bedingungen, unter denen Wissen hervorgebracht wird, und reflektiert die Apparate, die unsere Wahrnehmung und Deutung beeinflussen. Ihre Arbeit versteht sich als künstlerische Forschung über Landschaft als kulturell und sprachlich geprägter Erfahrungsraum. Es geht um das Überschreiten jener Grenzen, die unsere (historischen) Wissensgrundlagen und die darin eingeschriebenen (bis heute wirkenden) Machtverhältnisse bestimmen.

Claudia Pagès Rabal (geb. 1990 in Barcelona) lebt und arbeitet in Barcelona.

Claudia Pagès Rabal
Feudal Holes
4. Dezember 2025 bis 17. Mai 2026
Kuratiert von Franz Thalmair