Félicien Rops – Laboratorium der Lüste

Das Thema der Sexualität und Erotik ist allgegenwärtig in der Kunstgeschichte. Es geht also weniger darum, ob solche Arbeiten ins Museum gehören, sondern vielmehr darum, wie über sie gesprochen wird. Gerade heute scheint eine Auseinandersetzung darüber, wie dies am besten gelingen kann, besonders relevant. Das Kunsthaus Zürich widmet sich diesem Thema am Beispiel der Kunst von Félicien Rops (1833–1898), einem der radikalsten und rätselhaftesten Künstler des Fin de Siècle. Rops’ dämonisch-erotische Bildwelt sprengte die Konventionen seiner Zeit und wirft bis heute Fragen zu gesellschaftlichen Rollenbildern, Moralvorstellungen und künstlerischer Freiheit auf.

„Giftigste Blüte des Symbolismus”, „Bürgerschreck”, „Enfant terrible” – die Liste der Schlagwörter, mit denen Félicien Rops und seine dämonisch-erotische Kunst beschrieben wurden, ist lang. Rops war ein Grenzgänger. Der von Schriftstellern wie Charles Baudelaire oder Joris-Karl Huysmans überschwänglich gefeierte Belgier testete unentwegt die Grenzen der Kunst aus. Seine Werke opponierten bewusst gegen bürgerliche Doppelmoral und biederes Anstandsempfinden.
Rops entlarvte die Scheinheiligkeit des braven Bürgers und bediente sich dabei zugleich der Geschlechterklischees und Stereotype seiner Epoche. Insofern öffnet das Phänomen Rops die Augen nicht nur für absolute Höhepunkte auf dem Gebiet der Druckgrafik und Zeichenkunst um 1900, sondern auch für die Geschlechterverhältnisse im Fin de Siècle.

„Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, an der die Zivilisation noch nichts zu verderben vermochte.” So heißt es bei Marquis de Sade in dessen „Philosophie im Boudoir”. Trotz der fragwürdigen Implikationen dieser Aussage wird nachvollziehbar, weshalb Rops’ Kunst auf Intellektuelle immer wieder eine große Wirkung ausübte: Seine Darstellung entgrenzter Erotik, die oft das Grausame streift, erschloss Nischen, in denen kreative Freiräume entstehen konnten – Orte, die von der Zivilisation bislang noch nicht korrumpiert schienen.
Rops selbst kultivierte die Interpretation seiner grafischen Produktion als eine Kunst, die sich vom billigen Beifall abschottet: „Es stimmt, dass der Künstler sich wenig darum kümmern sollte, ob etwas verstanden wird, mit Ausnahme vielleicht von einigen wenigen! Und was für ein Vergnügen es ist, diesen ‚Druidismus‘ zu praktizieren! Sein eigener hermetischer Hohepriester zu sein […]!“

Rops’ Werk lebt vom Widerspruch: Es war zugleich weit verbreitet und bewusst privat. Während er als einer der virtuosesten und produktivsten Buchillustratoren seiner Zeit Bekanntheit erlangte, entwickelte er parallel ein Œuvre, das er der Öffentlichkeit gezielt vorenthielt.
Paris, die damalige Hauptstadt der Kunst, bot Rops lange Zeit die besten Voraussetzungen, um sich in literarischen Kreisen zu bewegen und Frontispize für neue Werke der Belletristik zu schaffen. Über die Vermittlung von Auguste Poulet-Malassis arbeitete er mit Charles Baudelaire zusammen, und auch Werke von Jules Barbey d’Aurevilly, Stéphane Mallarmé oder Paul Verlaine wurden mit Illustrationen des Belgiers versehen.
Daneben existierte jedoch eine zweite, weniger bekannte Seite des Künstlers: der dezidiert für private Sammler arbeitende Rops, der sich offen gegen öffentliche Konventionen stellte. Mit einem Motivrepertoire, das in erotischer Hinsicht jede Grenze zu sprengen suchte, stellte er gesellschaftliche Normen infrage und lotete die Möglichkeiten der Kunst aus. Bis heute werden seine provokantesten Arbeiten in den Giftschränken öffentlicher Kunstsammlungen aufbewahrt.

Zeittypisch ist Rops’ Stilisierung der Frau zur „Femme fatale”, die er in einer Mischung aus Anziehung und Schrecken inszeniert. Die Ausstellung greift dies auf und fragt, ob Rops mit seinem Widerstand gegen die bürgerliche Moral nicht gerade jene Stereotype reproduzierte, die er kritisieren wollte.
Unabhängig davon zählt Rops heute zu den bedeutendsten Kunstschaffenden Belgiens und gilt neben Fernand Khnopff als zentraler Vertreter des belgischen Fin de Siècle. Eines seiner Hauptwerke, „Die Versuchung des heiligen Antonius”, erlangte besondere Bekanntheit durch eine eingehende Interpretation von Sigmund Freud. Zudem wurde das Werk auf dem ersten Salon der „Groupe des XX” gefeiert – ein Hinweis darauf, dass seine kunsthistorische Bedeutung für eine nachfolgende Generation von Kunstschaffenden, darunter James Ensor, klar erkennbar war.
Die Ausstellung eröffnet eine doppelte Perspektive: als zeichnerisches Meisterstück und als Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen um 1900, die heute neu zu befragen sind.

Félicien Rops
Laboratorium der Lüste
bis 31. Mai 2026