11. Dezember 2020 - 17:27 / Ausstellung / Design / Textil / Skulptur 
10. Dezember 2020 18. April 2021

In ihrer ersten Personale in Österreich im MAK, präsentiert Sheila Hicks sowohl neue als auch bekannte Werke und raumgreifende Skulpturen, die sie in Bezug zur Architektur setzt.

Beweglich, sinnlich und anziehend, unendlich farbintensiv, einmal zart und intim, dann monumental und raumgreifend: Die Gewebe, Skulpturen und Installationen der Künstlerin fordern traditionelle Vorstellungen von Textilkunst heraus und erforschen neue künstlerische Ebenen. Hicks gilt als Virtuosin textiler Techniken und historischer Traditionen. Bildende Kunst verwebt sie mit Design, angewandter Kunst und Architektur, um neue Objekte und Environments zu schaffen, in denen das Material, das Taktile, die Form und feine bis vibrierend leuchtende Farbnuancen ihre eigene faszinierende Sprache entfalten.

Sheila Hicks (geboren 1934 in Nebraska) begann ihre künstlerische Arbeit als Malerin. Textilien versteht sie weit über einen Werkstoff hinaus als archaische wie zeitgenössische Medien, die interdisziplinäre Felder weltweit verbinden. Seit den 1950er Jahren arbeitet und forscht sie in verschiedenen kulturellen Kontexten und zählt mit ihren vielfältigen Arbeiten, die durch ausgeprägtes Farbgefühl und eine intensive Auseinandersetzung mit Architektur und Fotografie charakterisiert sind, zu den bedeutendsten Künstler_innen der Gegenwart. Inspiriert von den Konzepten der Wiener Werkstätte und des Bauhauses setzt sich Hicks über die Grenzen von Medium, Nationen und Gender hinweg und lenkt den Blick auf die soziopolitischen Konnotationen von Textilien. Ein ungemein reiches Wissen über indigene Webpraktiken, das sie sich während Aufenthalten in Nord- und Lateinamerika, Europa, im Nahen Osten und in Asien angeeignet hat, ist immanentes Moment ihres facettenreichen Werks.

In der monografischen Ausstellung im MAK präsentiert die Künstlerin vier Szenerien, die unterschiedliche Aspekte ihres weitreichenden Œuvres beleuchten. Eine Serie von monumentalen "Prayer Rugs" (1970–1974), entstanden in Marokko, interagiert mit Walter Pichlers (1936–2012) "Tor zum Garten" (1990), einem Symbol für den Übergang zwischen Innen und Außen. Die in verschiedenen Knüpf- und Webtechniken ausgeführten Arbeiten stellen sich der Frage der kulturellen Appropriation. Eingebettet in einen säkularen Kontext, öffnen an den Wänden montierte Bas-Relief-Paneele oder -Teppiche den westlichen Blick für verborgene Zugänge. Die hohe Bogenform legt die Ambivalenz von Verbindungen offen, deren Spannung durch einfachste Mittel erzeugt wird. Das Schließen und Ziehen von Grenzen stehen direkt nebeneinander, als Zeichen allumfassender Offenheit.

Im Zentrum der Ausstellung inszeniert Hicks die aus monumentalen Bündeln pigmentierten Garns bestehende Arbeit "La Sentinelle de Safran" (2018), mit der sie Fasern, Texturen und die intensiven Farbtöne Gelb, Rot und Orange in ein energetisches Zusammenspiel treten lässt. Unter Auslotung des gesamten Farbspektrums erzeugt Hicks einen Farbenrausch, der auf Möglichkeiten der traditionellen Verwendung natürlicher Pigmente im Rahmen der Textilproduktion ebenso anspielt wie auf neue technologische Methoden.

"Apprentissages de la Victoire", ein voluminöses Bündel aus gelben Schnüren aus Kokosnussfasern, umhüllt von handgesponnener Wolle, betont die vertikale Dimension der MAK-Ausstellungshalle. Die fließende Form der Skulptur symbolisiert das Potenzial der Natur. Wie der Titel der Ausstellung – "Garn, Bäume, Fluss" – andeutet, spielen die Natur und der Bezug zum Ort – in Verbindung mit dem Stadtpark und dem Wienfluss – eine wesentliche Rolle als Schlüssel zum Entdecken der Schau. Fragmente der Natur wie verschiedene Muscheln, Schiefer oder Zweige werden mit Arbeiten ab den 1960er Jahren verwoben. Ein Werk mit eingearbeiteten Maisblättern ist Teil der Serie Badagara (1966), deren ikonenhafte Gewebe die gerippten Muster von Rollläden in Städten widerspiegeln und subtil auf soziale Brüche verweisen.

Der Erweiterung des Mediums Textil um die dreidimensionale Dimension widmet Sheila Hicks besondere Aufmerksamkeit. Dichte, reversible Bas-Reliefs, wie die eigens für die Ausstellung konzipierte Arbeit "Lianes Ivoires" (2019/20), folgen komplexen Farbsystemen, während sich die aus einer Vielfalt von textilen Materialien bestehende "Soft Sculpture Racines de la Culture" (2018) durch einen imaginären Raum schlängelt. Die gewebte Tapisserie "Color Alphabet" (1988) nimmt Muster der Sprache auf. Damit lässt Hicks einen Dialog zwischen Zeichnen und Schreiben, Tradition und Kultur, Wissen und Unbekanntem entstehen. Aus der MAK-Sammlung wählte sie ein abstraktes Webstück aus Peru, entstanden zwischen 700 und 800 in Nazca, das für fortschrittlich konstruierte unterirdische Aquädukte bekannt ist. Ausgehend von dem Textilfragment, das ein Symbol oder geometrisches Muster zeigt, zeichnet die Künstlerin eine Linie von der präkolumbianischen Kultur, als Basis, bis zur Gegenwart und Zukunft.

Feine Webstücke und überdimensionale Arbeiten, die zum Großteil erstmals zu sehen sind, verdichtet Sheila Hicks in der MAK-Ausstellung zu einem fiktiven Studio für Malerei. Die Minimes – miniaturhafte Konstruktionen aus Garn – demonstrieren ihre intensive Auseinandersetzung mit Malerei, Farbe und Abstraktion. Einen Kontrapunkt dazu setzt die Künstlerin mit der aus mehreren umwickelten Paneelen bestehenden Installation Monumental (2018–2020), die als Versuch zur Erweiterung der konzeptuellen Malerei ver- standen werden kann.

Bis heute ist Sheila Hicks’ Zugang zur Textilkunst von Malerei, Fotografie, Skulptur und Architektur geprägt. Ihre visionäre künstlerische Praxis wird durch das Prozesshafte und die Parameter der Produktion im Atelier bestimmt. Sie studierte an der Yale University bei Josef Albers (1888–1976), verschiedene Webtechniken erlernte sie autodidaktisch von dem Archäologen Junius Bird (1907–1982), dem Kunsthistoriker George Kubler (1912– 1996) und von Anni Albers (1899–1994). Hicks tauchte in die weite Ideenwelt des Bauhauses und der Moderne ein. Raoul d’Harcourts Buch Les textiles anciens du Pérou et leurs techniques [Textilien aus dem alten Peru und ihre Techniken] (1934) inspirierte sie zur Auseinandersetzung mit dem Thema der kulturellen Aneignung und zur Zuwendung zu prä-inkaischen Textilien als einflussreiches Referenzsystem.

1957/58 ermöglichte ihr ein Fulbright-Stipendium für Malerei Aufenthalte in Peru, Ecuador, Bolivien und Chile, eine Erfahrung, die die Entwicklung ihrer interkulturellen Kunstpraxis beeinflusste. Als sie von 1959 bis 1964 in Mexiko lebte, knüpfte sie eine enge Verbindung zum Künstler Mathias Goeritz (1915–1990) und zu den Architekten Luis Barragán (1902–1988), Ricardo Legoretta (1931–2011) und Félix Candela (1910–1997). Bis heute sieht Hicks das Textile als immanentes Element der Architektur – vergleichbar mit dem praxisorientierten Zugang des Architekten und Theoretikers Gottfried Semper (1803–1879), der den Kontext zwischen Natur, Textil, Architektur und Raum beleuchtete.

Sheila Hicks. Garn, Bäume, Fluss
10. Dezember 2020 bis 18. April 2021

MAK Wien
Stubenring 5
A - 1010 Wien

W: http://www.mak.at/

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  •  10. Dezember 2020 18. April 2021 /
MAK-Ausstellungsansicht, Menhir, 1998-2004, MAK-Ausstellungshalle  © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht, Menhir, 1998-2004, MAK-Ausstellungshalle © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht, v.l.n.r.: Apprentissages de la Victoire, 2008–2016, Slow but Safe Passage, 2019 und La Sentinelle de Safran, 2018 © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht, v.l.n.r.: Apprentissages de la Victoire, 2008–2016, Slow but Safe Passage, 2019 und La Sentinelle de Safran, 2018 © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht, Apprentissages de la Victoire, 2008–2016 © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht, Apprentissages de la Victoire, 2008–2016 © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht, Monumental, 2018–2020 © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht, Monumental, 2018–2020 © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht © MAK/Georg Mayer
MAK-Ausstellungsansicht © MAK/Georg Mayer
Porträt Sheila Hicks, 2018, Musée Carnavalet, Paris Foto: Cristobal Zanartu © VG Bild-Kunst
Porträt Sheila Hicks, 2018, Musée Carnavalet, Paris Foto: Cristobal Zanartu © VG Bild-Kunst
Sheila Hicks, "Incomprehensible Yellow Space", 2020, Courtesy die Künstlerin und Galerie Frank Elbaz. Foto: Claire Dorn © VG Bild-Kunst
Sheila Hicks, "Incomprehensible Yellow Space", 2020, Courtesy die Künstlerin und Galerie Frank Elbaz. Foto: Claire Dorn © VG Bild-Kunst