Liebe, Freundschaft und Verrat. Die unbekannte Oper des jungen Georges Bizet findet in der Wiener Staatsoper mit Regisseur Ersan Mondtag und der musikalischen Leitung von Daniele Rustioni wahrliche Perlensucher, der eine bringt sie eindrucksvoll in die Gegenwart, der andere lässt das Glitzern des Meeres und die flirrende Hitze dieser Welt hörbar werden.
An der Küste Ceylons wählen die Perlenfischer Zurga zu ihrem neuen Anführer. Die Tempelpriesterin Leila soll mit ihrem Gesang die Wassergeister bannen und die Fischer beschützen, ohne je ihren Schleier zu lüften. Durch die Rückkehr von Zurgas Jugendfreund Nadir geraten die Ereignisse aus der Bahn. Ersan Mondtag rückt die Arbeitswelt der Perlenfischer ins Zentrum – und überträgt sie in eine Färberei. Auch hier geht es ja um die Ausbeutung der Natur, toxische Prozesse und eine prekäre Arbeit unter gefährlichen Bedingungen. Im zweiten Bildraum wird eine exklusive Shopping Mall zur eingefrorenen Metapher für den Tempel. Hinter glatten Marmorflächen stapelt sich der Reichtum, das Meer ist keine romantische Kulisse, sondern ein riskantes Geschäftsfeld. Im Konsumtempel wird aus Brahma und Shiva Prada und Gucci. Dieselben Menschen, die zuvor in der Färberei schufteten, tauchen als Bedienstete in der Mall wieder auf, ebenso uniformiert und durchnummeriert.
Ersan Mondtag ist Interdisziplinärer Künstler. Aufsehenerregend war der Beitrag zur Kunstbiennale Venedig 2024 in den Giardini, den er zusammen mit der Multimedia-Künstlerin Yael Bartana gestaltete, und den Eingang des deutschen Pavillons mit Tonerde aus Anatolien zuschüttete. „Ich tausche die Symbole aus: Natur wird Arbeit, Tempel wird Konsumtempel, aber innerhalb dessen bleiben die Figurenkonstellationen und Beziehungen bestehen“, sagt der Regisseur, und „mich interessiert an dieser Oper sehr, dass sie nicht nur aus Gegenwart besteht. Eigentlich tritt ständig etwas Vergangenes in die Gegenwart hinein. Alle Figuren tragen alte Schwüre, alte Bilder, alte Verletzungen mit sich herum.“
Zurga – überzeugend loyal, der international gefragte Bariton Ludovic Tézier – und Nadir – betörend elegant, der in Peru geborene, weltbekannte Tenor Juan Diego Flórez – hatten einst zur Wahrung ihrer Freundschaft geschworen, einem Mädchen zu entsagen, das sie beide liebten. Nachdem sich die neue Tempelpriesterin Leila – edel und liebend, die Armenierin Kristina Mkhitaryan – als eben dieses Mädchen herausstellt, bricht Nadir seinen Schwur ebenso wie Leila den ihren, indem sie den Schleier lüftet. Sie werden von Nourabad – glaubwürdig, der bulgarische Bass Ivo Stanchev – entdeckt, die Community – hervorragend, der Wiener Staatsopernchor – fordert die Hinrichtung für den doppelten Eidbruch.
In heftigen Konflikt gerät Zurga und gesteht schlussendlich seine Selbst- und Eifersucht ein, als er erkennt, dass es auch Leila war, die ihm einst das Leben rettete. In der überraschenden Wendung des Librettos zündet er jedoch die Hütten des eigenen Volkes an, um die Vollstreckung des Urteils zu vereiteln und das Liebespaar freizulassen. Die Vernichtung des kleinen Färber-Dorfes als Breaking News über eine Werbescreen des Shopping-tempels – eine filmische Katastrophe, ganz weit weg, eine menschengezündete Feuersbrunst, die den Ärmsten ihre Heimat und Hoffnung raubt.
Der musikalische Leiter Daniele Rustioni hat sich einmal selbst als „Sänger-Dirigent“ bezeichnet, es geht ihm „um Atmosphäre, um Phrasierung, um Elastizität und darum, die richtige Farbe im Verhältnis zur Bühne und zu den Sängerinnen und Sängern zu finden“. Bizets Musik zeige sehr genau, wie diese Figuren zueinander stehen, die gesamte Partitur lebt von Kontrasten: zwischen Chor und Solostimmen, zwischen öffentlichem Ritual und Gefühl, zwischen Erinnerung und unmittelbarer Leidenschaft. Zugleich sei sie voller Naturbilder und elementarer Kräfte. Mit „Les Pêcheurs de perles“ gelang Georges Bizet bereits 24-jährig ein Werk – im 20. Jahrhundert erst wiederentdeckt – von großer klanglicher Eigenständigkeit. Auch wenn das Libretto immer wieder kritisch hinterfragt wurde, ist diese Oper ein musikalisches Meisterstück, und in dieser Inszenierung ein durchaus denkwürdiges Erlebnis. Begeisterter Applaus!
Les Pêcheurs de Perles | Georges Bizet
Oper in drei Akten
Text Eugène Cormon & Michel Carré
Musikalische Leitung: Daniele Rustioni
Inszenierung, Bühne, Kostüme: Ersan Mondtag
Dramaturgie: Till Briegleb
Leila: Kristina Mkhitaryan
Nadir: Juan Diego Flórez
Zurga: Ludovic Tézier
Nourabad: Ivo Stanchev
Orchester und Chor der Wiener Staatsoper