Hochkarätig musiziert, wurde die Zauberflöte bei der Mozartwoche unter der Leitung des einfühlsamen Roberto González-Monjas zum außergewöhnlichen Erlebnis, die Inszenierung des Intendanten Rolando Villazón überzeugte durch Überblendung – nein, Überfrachtung – mit einer ganz anderen Geschichte jedoch nicht.
Ein hehrer Ansatz. Der Regisseur will bei der (fast) letzten Oper des Genies, in der all seine Komponierkunst zu finden sei, nicht dem 270. Geburtstag von Wolfgang Amadé Mozart gedenken, sondern seinem Todestag am 5.12.1791. Eine historisch in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ von 1798 belegte Anekdote beschreibt nämlich: „Am Abend des 4. Dezembers lag Mozart schon in Fantasien und wähnte sich im Wiednertheater der ‚Zauberflöte‘ beizuwohnen …“. Mit größter Konsequenz verfolgt Rolando Villazón seine Idee und lässt dafür die zauberhaften Momente dieser mystischen Märchenoper liegen.
Es beginnt schon beim Bühnenbild, das die ganze Handlung lang im Zimmer von Mozarts Wohnung steckenbleibt. Die große Form mit den massiven, sich verjüngenden Rahmen der überlieferten Kulisse von Schikaneder ist unauffällig, genauso wie ein Farb- und Lichtspiel an den Wänden, das sich an der Ästhetik Mark Rothkos orientiert, „der Mozart und insbesondere die Zauberflöte bewunderte“, doch erst in der Nachschau mit Hinweis erkennbar wird. Ein fixierter Flügel, ein Stahlrohrbett auf Rollen, eine fahrbare Standuhr sowie ein Kasten, der mitunter (zauberhaft?) an der Wand hochfährt – im ersten Aufzug bleibt es dabei.
Bunt wird es, wenn die obligate Riesenschlange Tamino – feinsinnig, der Münchner Tenor Magnus Dietrich – bedroht, die erlegt jedoch als kleine Spielzeugstoffschlange im Bett Mozarts landet; wenn Tamino mit seiner Zauberflöte den Tieren – in aufwändig und liebevoll gestalteten Kostümen – im Wald begegnet; oder wenn Manostratos als Souvenir-Händler – auch schauspielerisch überzeugend, der österreichische Tenor Paul Schweinester – mit seinen Mozartpuppen-Lakaien durch den Klang des Glockenspiels zum Tanzen gebracht werden.
Omnipräsent ist Mozart – der Schauspieler und Tänzer Vitus Denifl –, aber nicht sinnierend, erinnernd, fieber-fantasierend … er spielt mit, verdoppelt die Szenen, ist quicklebendig, neugierig und staunend, als wüsste er nicht, wie es weitergeht! Wenn Pamina – bezaubernd, die amerikanische Sopranistin Emily Pogorelc – im vertrauten Duett mit Papageno – überzeugend und fidel, der britisch-russische Bariton Theodore Platt – innig „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ singt, scheint sich das Ehepaar Mozart – Victoria D´Agostino als Constanze – gar pantomimisch nachahmend darüber lustig zu machen.
Der Tempel des Sarastro – stimmlich sehr würdevoll, Franz-Josef Selig – wird über das dritte Bücherregal in der Reihe betreten, und damit es nicht allzu heilig wird, bleiben die Priester – wunderbar klingend, der Philharmonia Chor Wien – unsichtbar im Orchestergraben. Villazón gibt jeder Figur eine metaphorische oder allegorische Bedeutung. „Sarastro steht für die Vernunft, die die Phantasie ablehnt; die Königin der Nacht für Phantasie, die ihrerseits in den Wahnsinn abgleiten und die Vernunft ablehnen kann.“ Oder halten wir es mit Nikolaus Harnoncourts Erklärung, dass der erste Teil der Oper die Geschichte aus Sicht der Königin der Nacht, der zweite hingegen aus jener Sarastros zeige. Und auf Political correctness will man ein Zaubermärchen wohl bitte nicht prüfen!
Einzig bei der bekanntesten Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ – mit Leichtigkeit und differenziert-ausgewogen setzt die amerikanische Sopranistin Kathryn Lewek ihre Koloraturen – kann die Mozart-Figur kurz ausgeblendet werden, zu eindrucksvoll ist das raumfüllende Zitat von Karl Friedrich Schinkels Sternenhalle aus 1815 auf dem Ballonrock der Königin. Doch warum wird bei der letzten Prüfung von Tamino – ein wenig auch Papagenos – der Tisch zum feudalen Abendessen der Familie Mozart eingeschoben?
Wäre da nicht Roberto González-Monjas – der begnadete spanische Dirigent und international bekannte Geiger – mit dem Mozarteumorchester Salzburg, der den wahren Zauber dieser Oper aus dem Orchestergraben hochkarätig zu verbreiten weiß, bei der Wanderung durch die Schreckenspforten – Tamino mit der Zauberflöte, begleitet von Pamina – hätte die Zuschauerin ratlos aufgegeben, zu weit fallen das Gesehene und Gehörte auseinander: geht es durch das Feuer, reicht Pamina Mozart eine Kerze und ein Notenblatt wird verbrannt, hört man von den Wasserfällen, wird es in der beigestellten Schüssel eingeweicht. Der Überfall der Königin der Nacht, um Sarastro zu stürzen, endet am Krankenbett Mozarts, an diesem kommen auch Papageno und Papagena nicht vorbei, bevor sie sich finden, und schließlich erklingt das Lux aeterna – unendlich schön gesungen – und Mozart stirbt.
Die Schlussszene ist prächtig, unter Jubel wird verkündet: „Es siegte die Stärke und krönet zum Lohn – die Schönheit und Weisheit mit ewiger Kron’“, die Witwe trauert, Mozart entschwebt, doch plötzlich entledigt er sich seines Totenhemds und schlägt fröhliche Purzelbäume. Vorhang. Die Mozartkugel zwinkert uns zu.
Die Zauberflöte | W.A. Mozart
Musikalische Leitung: Roberto González-Monjas
Rolando Villazón, Regie
Harald Thor, Bühnenbild
Tanja Hofmann, Kostüme
Magnus Dietrich, Tamino
Emily Pogorelc, Pamina
Theodore Platt, Papageno
Kathryn Lewek, Königin der Nacht
Franz-Josef Selig, Sarastro
Paul Schweinester, Manostatos
Tamara Ivaniš, Papagena & Altes Weib
Paul Schweinester, Manostatos
Vitus Denifl, Mozart
Victoria D´Agostino, Constanze
Mozarteumorchester Salzburg
Philharmonia Chor Wien