27. April 2009 - 3:53 / Ausstellung / Archiv 
20. März 2009 3. Mai 2009

In den Romanen und Filmen, die dem "Noir"-Genre zugerechnet werden, treibe die Handlung oft auf Schauplätze hinaus, die hinter einer besonderen Grenze in der symbolischen Ordnung liegen, schreibt der Kulturtheoretiker Frederic Jameson. Er spricht von Orten, die das städtische Zeichensystem nicht mehr erfasst und die gewissermaßen einer Gegenwelt angehören, außerhalb von Zeit und Raum, in einer anderen Dimension.

In dieser existentiellen "Twilight Zone", wo Lüge und Wahrheit, Verbrechen und Gerechtigkeit, sexueller Exzess und bürgerliche Moral ausfransen und sich zu neuen gesellschaftlichen Paralleluniversen organisieren, siedelt sich die Ausstellung "Fahrstuhl zum Schafot"t an. Die Kuratoren Banks Violette und Gerald Matt präsentieren die Künstler Banks Violette, Miles Davis, John Huston und Weegee. Es ist der Versuch, den Komplex Noir in seinen Ambivalenzen, Widersprüchen, moralischen Ambiguitäten, aber auch in seinem fatalen Verführungszauber durch die Genres Kunst, Literatur, Film und Musik durchzudeklinieren und in seiner existentiellen Abgründigkeit zwischen Alptraum und Weltverlust auszuloten.

Die Verfilmung des Dashiell Hammett Romans "Der Malteser Falke" (1930) begründet die amerikanische Schwarze Serie, die das Bild einer Gesellschaft zeichnet, in der desillusionierte Anti-Helden das Gute negieren und den Glauben an das Glück verloren haben. In der Figur des hartgesottenen Privatdetektivs werden sie selbst zu Akteuren des illegalen Milieus und auch wenn Kamera und Belichtung auf ästhetischer Ebene klar umrissene Schwarz-weiß-Szenarien schaffen, so lösen sich die Zuschreibungen von Gut und Böse, Schuld und Unschuld auf und Rollen von Opfer, Täter oder Zeuge changieren. John Hustons filmische Adaption von 1941 machte Humphrey Bogart berühmt und gilt als einer der herausragenden Detektivfilme der klassischen Noir-Periode Hollywoods, der ein ganzes Genre maßgeblich geprägt hat.

Die Musik des Jazzstars Miles Davis zum Neo-Noir-Klassiker "Fahrstuhl zum Schafott" (1958) von Louis Malle verknüpft die rauen Synkopen der hartgesottenen amerikanischen Detektivfilme aus den dreißiger Jahren mit einem zutiefst europäischen "Cool", das sich vom Existentialismus und dem Gefühl der Geworfenheit nährt. Wenn die Trompete Jeanne Moreaus verzweifelte nächtliche Suche nach ihrem verschwundenen Geliebten epigrammatisch kommentiert, dann entsteht eine Reibungshitze zwischen Bild und Ton, die, weit über die Handlung des Films hinaus, vom Gemütszustand einer desorientierten Nachkriegsgeneration zwischen Indochina- und Algerien-Krieg spricht.

Grauzonen herkömmlicher Moral fand der Fotograf Weegee in New York City. Als Paparazzo und freier Polizeifotograf, der sich selbst den Beinamen "the famous" gab, war er auf der Jagd nach der sensationellsten Aufnahme meist als erster zur Stelle, wenn irgendwo in Manhattan ein Mord geschehen war. Er hinterließ tausende, zwischen den frühen 1930er und 1950er Jahren entstandene Fotografien von Mördern und Ermordeten, Gangstern und Schaulustigen. "Naked City" nannte er seinen Schauplatz, in dem eine Typologie des Bösen, eine Ikonografie des Verbrechens angelegt schien. Weegee war dabei nicht nur ein herausragender Dokumentarist seiner Zeit und ihrer Gesellschaft, sondern auch Schöpfer der eigenen Settings. Er manipulierte Motive und Aufnahmen, arrangierte Leichen und übermalte Fotografien.

Der junge New Yorker Künstler Banks Violette greift in seinen skulpturalen und installativen Arbeiten Aspekte der Noir-Tradition auf – das namenlose Grauen, den Amoralismus, den Hang zur Gewalt als Antithese zur bürgerlichen Ausgewogenheit – aber er verschiebt sie ins Milieu schwarzromantischer Jugendkulturen der letzten zwanzig Jahre wie Black Metal oder Neo Goth. Dabei interessiert sich der Künstler für die Ästhetisierung des "Bösen" als Teil eines zutiefst amerikanischen und bis heute wirksamen kulturellen Phänomens. Mit ihren glänzenden Materialien erscheinen die Arbeiten von Banks Violette wie luxuriöse Objekte der Verführung. "It’s a devils advocate position. … look if you’re finding arson beautiful, if you’re finding death beautiful, then there is some trigger in there", sagt Banks Violette.

Den kontroversiellen Charakter seiner zeitgenössischen künstlerischen Mahnmale charakterisiert er mit der Frage "How do you make a crime beautiful?" – fast eine Paraphrase auf Weegees Demonstration 1948 am Institute of Design in Chicago "How to photograph a corpse". Banks Violette kollaboriert mit Metal-Bands wie Darkthrone oder Celtic Frost. Zu seinen Vernissagen performt die Band Sunn O))), deren Leader Stephen O’Malley für einige seiner Arbeiten Soundtracks komponiert hat. Feuer, Metall, Spiegel, Lack und Kunststoffe werden als Spuren vergangener Events ästhetisch produktiv gemacht und wenden konventionelle Kategorien von Schönheit und Moral in ihr Gegenteil.


Katalog: Begleitend zur Ausstellung erscheint im Verlag für moderne Kunst Nürnberg ein Katalog mit Texten von Harold Schechter, Gaby Hartel, Norbert Schmitz, Luc Sante, Thomas Mießgang und einem Interview mit Banks Violette von Gerald Matt. Ca. 140 Seiten, ca. 100 s/w und farbige Abbildungen. Hg. Kunsthalle Wien, Gerald Matt.

Fahrstuhl zum Schafott
20. März bis 3. Mai 2009, Halle 1

Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52189-1201
F: 0043 (0)1 52189 1260
E: office@kunsthallewien.at
W: http://www.kunsthallewien.at/

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Banks Violette; X, Los Angeles, 2005. Foto: © der Künstler, Courtesy der Künstler und Team Gallery New York
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Banks Violette; Not yet titled (proposal for a burning drum kit), 2007. Sound by Stephen O?Malley, Ellipse Foundation, Cascais. Foto: © der Künstler, Courtesy Team Gallery, New York