12. Februar 2016 - 1:42 / Ausstellung 
10. Oktober 2015 14. Februar 2016

Im Herbst 2015 blickt das Mumok auf das internationale Kunstgeschehen um 1990. Auf drei Ebenen werden Installationen, Publikationen, Objekte, Projekte, Filme und Interventionen von über 50 KünstlerInnen und KünstlerInnengruppen gezeigt – darunter finden sich sowohl bekannte internationale Namen als auch Positionen, die bislang in Museen nur selten berücksichtigt wurden. Sie alle stellen die herkömmlichen Formen des Ausstellens infrage und widmen sich den drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen ihrer Zeit.

So klar die Begriffe to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer die Funktionen einer Ausstellung scheinbar umreißen, so offen und fraglich war es um 1990, wie Kunst tatsächlich ausgestellt werden und an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Die Ausstellung im Mumok macht deutlich, dass sich die Auseinandersetzung mit Ausstellungsfragen immer wieder mit der Bearbeitung konkreter gesellschaftspolitischer Anliegen verschränkte. Um 1990 steuerte die Aidskrise ihrem Höhepunkt entgegen, Identitäts- und Genderfragen wurden heftig diskutiert, soziale Ausschlussmechanismen waren ein zentrales Thema, ökonomische Probleme allgegenwärtig und die Folgen einer rasant voranschreitenden Globalisierung deutlich zu spüren. Die Rolle und Aufgaben künstlerischer Arbeit wurden in dieser Situation ebenso heftig diskutiert wie das Verhältnis von Kunst und ihren Öffentlichkeiten, ihren Präsentations- und Rezeptionsbedingungen.

Die Bandbreite der damals entwickelten Kunst-, Präsentations- und Kommunikationsformen war beeindruckend: Um 1990 traten Kunstwerke in Form von Magazininserts ebenso in Erscheinung wie in Form von Objekten, Fotografien, Displays, Dienstleistungen oder performativen Interventionen. Anleihen in anderen Disziplinen wurden zur Grundlage zahlreicher Projekte: Archive wurden angelegt und quasiwissenschaftliche Laborsituationen geschaffen, die nicht zuletzt vom Misstrauen gegenüber im Mantel der Objektivität auftretenden Mechanismen der Wissensvermittlung zeugen. Traditionelle, objektorientierte Kunstvorstellungen, die in den 1980er-Jahren vielerorts eine Renaissance erlebt hatten, wurden durch orts- und situationsspezifische Installationen ersetzt. Eine Vielzahl neuer Fanzines, Zeitschriften und Publikationen entstanden, und aktivistische Kunstprojekte mit gesellschaftspolitischem Anspruch rückten in den Mittelpunkt intensiver Debatten. Die Künstler_innen gaben sich nicht mehr mit ihrer traditionellen Rollenzuschreibung zufrieden. Sie eigneten sich Positionen an, die im Kunstbetrieb anderen überlassen worden waren, und organisierten Symposien, betrieben Projekträume und schrieben in meinungsbildenden Fachmedien.

Konkret werden in "to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer" die vielfältigen Aktivitäten des 1990 in Wien gegründeten museum in progress ebenso vorgestellt wie das künstlerisch-aktivistische Ausstellungsprojekt "Democracy" des US-amerikanischen KünstlerInnenkollektivs "Group Material" oder der Kunstraum "Friesenwall 120" in Köln, ein von KünstlerInnen betriebener Projektraum, in dem sich Kunst, Diskurs, Film, Politik und Freizeit in beispielhafter Form neu miteinander verschränkten. Wichtige neue Organe der Zeit wie die Zeitschriften Texte zur Kunst, Third Text oder die heute nicht mehr publizierten ACME, Artfan, Documents A.N.Y.P. "Vor der Information" und weitere sind ebenfalls Teil der Präsentation in Wien.

Das Spektrum der ausgewählten Projekte und Installationen von EinzelkünstlerInnen reicht von performativen Interventionen wie beispielsweise Christian Philipp Müllers Kleiner Führer durch die kurfürstliche Gemäldegalerie Düsseldorf (1986), Andrea Frasers Museum Highlights (1989) oder Félix González-Torres‘ "Untitled" (Go-Go Dancing Platform) (1991) über fotografische Auseinandersetzungen mit Aneignungs- und Displayfragen (von Louise Lawler, Zoe Leonard, Christopher Williams u. a.) bis hin zu neuen Formen der Installation und Präsentation, wie sie unter anderen Fareed Armaly, Tom Burr, Clegg & Guttmann, Mark Dion, Maria Eichhorn, Renée Green, Christian Philipp Müller, Gerwald Rockenschaub, Fred Wilson oder Heimo Zobernig vorgestellt haben.

Die Wieder-Ausstellung der Arbeiten und Materialien in "to expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer" orientiert sich an den ursprünglichen künstlerischen Produktionszusammenhängen. Die Anordnung der Werke berücksichtigt lokale Kontexte, persönliche Kollaborationen und internationale Verbindungen. Zugleich macht die Ausstellung thematische Korrespondenzen zwischen den historischen Projekten sichtbar. So verdichten sich beispielsweise mit Arbeiten von Renée Green und Fred Wilson Fragen zu Kolonialismus, Rassismus und kultureller Identität. Daran anschließend, widmet sich Heimo Zobernigs Installation "Amerikaner" der kulturellen Vorherrschaft Amerikas aus europäischer Perspektive. Für Zobernigs Projekt ist die Auseinandersetzung mit kulturellen Übertragungen ebenso zentral wie für Renée Green’s Installation "Import Export Funk Office" (1992). Ausgehend von der privaten Platten- und Büchersammlung des Musik- und Kunstkritikers Diedrich Diederichsen, der sich als in Köln lebender Weißer eingehend mit "ihrer" schwarzen Popkultur beschäftigt hatte, hinterfragt Green ortsspezifische Erfahrungs-, Identifikations- und Repräsentationsmöglichkeiten.

Der enge künstlerische Austausch zwischen den Zentren im deutschen Rheinland, der Westküste in den USA und der österreichischen Hauptstadt wie auch gemeinsame thematische Anliegen bilden sich in zahlreichen Bereichen der Präsentation ab. Beispielhaft hierfür steht auch das Projekt "Die Botschaft als Medium", das 1990 von dem Wiener Kunstwissenschaftler und Kurator Helmut Draxler für das museum in progress konzipiert wurde. KünstlerInnen aus den drei Metropolen stellten für "Die Botschaft als Medium" ein Jahr lang in der Tageszeitung Der Standard und dem Wirtschaftsmagazin Cashflow aus.


Katalog: "to Expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer. Künstlerische Praktiken um 1990." Herausgegeben vom Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Matthias Michalka. Mit einem Vorwort von Karola Kraus. Essays von Sabeth Buchmann, Helmut Draxler, Pamela M. Lee, Matthias Michalka. Interviews von/mit Fareed Armaly/Julie Ault, Yves Aupetitallot, Judith Barry/Ken Saylor, Martin Beck/Stephan Dillemuth und Matthias Michalka/Juliane Rebentisch. Deutsch und englisch, ca. 296 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen. Format: 220 x 280 mm. Ausstattung: Schweizer Broschur. Preis: EUR 39,80. Verlag der Buchhandlung Walther König. ISBN (Verlag): 978-3-86335-790-0, ISBN (Mumok): 978-3-902947-23-9

To expose, to show, to demonstrate, to inform, to offer
Künstlerische Praktiken um 1990
10. Oktober 2015 bis 14. Februar 2016

Mumok
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52500
E: info@mumok.at
W: http://www.mumok.at/

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  •  10. Oktober 2015 14. Februar 2016 /
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Fareed Armaly: Ausstellungsansicht 'Contact'. Galerie Nagel, Köln 1992; Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann. Photo: Andrea Stappart, courtesy of the artist
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Mark Dion: The Department of Marine Animal Identification of the City of New York (Chinatown Division) (Final stage), 1992. Dimensionen variabl; Courtesy of the artist, and Tanya Bonakdar Gallery, New York
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Andrea Fraser: museum in progress - Botschaft als Medium, Cash Flow, Nr. 9, 1991, S. 146, 147. Zeitschriften, pro Heft 28 x 21,2 cm; © museum in progress, Andrea Fraser. Photo: mumok; Schenkung Dieter und Gertraud Bogner
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Felix Gonzalez-Torres: 'Untitled' (Go-Go Dancing Platform), 1991. Holz Glühbirnen, Acrylfarbe und Go-Go-Tänzer in silberner Badehose, Turnschuhen und privatem Abspielgerät, Dimensionen variabel; Courtesy of Andrea Rosen Gallery, New York. © The Felix Gonz
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Renée Green: Import/Export Funk Office, 1992. Audio, Video, Lexikonpanels, Dokumente (Bücher, Zeitungen, Magazine, Ephemera), Photos, Dimensionen variable; Installationsansicht Galerie Christian Nagel, Köln 1992. Courtesy of the artist and Free Agent Medi
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Zoe Leonard: Two Women Looking at One Another, 1990. Silbergelatine-Print, 99 x 68,6 cm; Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne, and Hauser & Wirth, New York. © Zoe Leonard