26. November 2019 - 5:15 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
22. November 2019 23. April 2019

Eva Grubingers Einzelausstellung im Belvedere 21 zeichnet ein Bild von struktureller Ungleichheit, von unendlichem Begehren ohne Aussicht auf Befriedigung für Reich und Arm, Magnat und Pirat. Macht und Ohnmacht stehen einander auf hoher See gegenüber.

„Eva Grubinger interessiert sich dafür, wie sich die menschlichen Triebfedern Macht, Gier und Begehren auf gesellschaftliche Entwicklungen auswirken. Ihre Skulpturen und Installationen sind voller Assoziationen und hochpolitisch. Sie wecken die Neugier des Publikums und fordern eine Auseinandersetzung heraus“, so Generaldirektorin Stella Rollig.

"Malady of the Infinite" fokussiert auf ein skulpturales Objekt in der Mitte der Ausstellungshalle: das Cockpit-Chassis einer Superjacht. Obwohl es den Raum dominiert, wird es von anderen, viel kleineren Objekten in Schach gehalten: Die Jacht ist von Seeminen umgeben, die sich aus dem Boden erheben, als würden sie an der Meeresoberfläche treiben.

Die Ozeane werden gedanklich mit Eroberung, Kolonialismus, Freiheit und Autonomie verbunden, zugleich sind sie Orte der Sehnsucht und der Möglichkeiten. Freizeitaktivitäten wie Segeln und Reisen finden genauso auf hoher See statt wie Piraterie, Fischfang, Transport und Menschenhandel. Unter allen Wasserfahrzeugen nimmt die Jacht einen besonderen Platz ein. Sie dient dem Vergnügen, vermittelt ein Gefühl der Souveränität über die Natur und der sozialen Autarkie, während sie gleichzeitig Macht und Dominanz symbolisiert. Als kleiner, schwimmender Staat ist die Jacht auf Autonomie ausgerichtet. Grubingers Ausstellung suggeriert, dass dieses Symbol des fortgeschrittenen Kapitalismus dennoch nicht gegen Risiken und Gefahren gefeit ist – nämlich die buchstäbliche Unterminierung durch diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben. Minen sind ein kostengünstiges Mittel asymmetrischer Kriegsführung. Sie sind einfach herzustellen, können schnell verteilt werden und entfalten bei geringem Aufwand auch auf technologisch überlegene Gegner eine große Wirkung.

"Malady of the Infinite" ist zudem eine künstlerische Reflexion einer soziopolitischen und psychosozialen Stimmung, die als Anomie bezeichnet wird. Das Wort beschreibt eine Situation, in der gesellschaftliche Normen schwach ausgeprägt sind oder zur Gänze fehlen und den Individuen keine moralische Orientierung geben. Dies führt zur Fragmentierung der sozialen Identität. Die Dominanz des globalen Kapitalismus in Verbindung mit dem Neoliberalismus erzeugt eine Atmosphäre sozialer Unverbundenheit, die sich durch alle gesellschaftlichen Ebenen zieht. Damit verbunden ist die Idee eines uneingeschränkten Möglichkeitshorizonts, die im Zuge der Moderne allen Individuen freie Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung verspricht. Sie wird von einem Phänomen begleitet, das der Soziologe Émile Durkheim als „das Leiden am Unendlichen“ bezeichnete: ein unbegrenztes Begehren, welches materiell nicht befriedigt werden kann. In Grubingers Ausstellung findet dieses Phänomen seinen Ausdruck in einem Luxusobjekt, das nicht funktioniert und keine Befriedigung bietet. Nicht nur die Superreichen leiden am Unendlichen. Auch die Mittelschicht befindet sich in einer existenziellen Krise, weil sie ausgehöhlt wird von der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit, die aus dem Neoliberalismus resultiert. Die Frustration des Prekariats aufgrund der zunehmenden sozialen Ungleichheit führt schließlich zu einer Abkehr von ethischem Verhalten. Wenn Armut und Instabilität keinen anderen Handlungsspielraum ermöglichen, wird der Lebensunterhalt durch kriminelle Aktivitäten gesichert, und dieses Verhalten wird über Generationen hinweg weitergegeben, bis es zur Norm wird.

Eva Grubingers Ausstellung verdichtet dies zu einem skulpturalen Ensemble, das eine Angespanntheit vermittelt und eine düstere Vorahnung hervorruft. Die Besucher_innen erleben einen eingefrorenen Moment des Konflikts, nur um Haaresbreite vom Untergang entfernt.

"Mit ihrer ästhetischen Anziehungskraft vermittelt Eva Grubingers Ausstellung ein Gefühl von Begehren. Gleichzeitig verdeutlicht die Künstlerin, wie gefährlich es sein kann, wenn wir als Gesellschaft das Gemeinsame dem individuellen Begehren unterordnen. Mit einer reduzierten, aber gleichsam beeindruckenden Formensprache verbindet Malady of the Infinite Themen wie Luxus, Macht, Freiheit, Ungleichgewicht und Gleichberechtigung zu einer prägnanten Parabel auf unsere angespannte Gegenwart", so Kurator Severin Dünser.

Eva Grubinger. Malady of the Infinite
22. November 2019 bis 23. April 2020
Kurator: Severin Dünser

Belvedere 21
Quartier Belvedere
Arsenalstraße 1
A - 1030 Wien

W: https://www.belvedere.at/bel_de/belvedere/belvedere_21

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  •  22. November 2019 23. April 2019 /
Courtesy Eva Grubinger © Bildrecht, Wien
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Foto: Peter Rigaud, © Belvedere, Wien
Foto: Peter Rigaud, © Belvedere, Wien
Foto: Peter Rigaud, © Belvedere, Wien
Foto: Peter Rigaud, © Belvedere, Wien
Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht Wien
Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht Wien
Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht Wien
Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht Wien
 Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht Wien
Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht Wien
Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien; © Bildrecht Wien
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Courtesy Eva Grubinger © Bildrecht, Wien
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