31. Juli 2020 - 10:57 / Ausstellung / Architektur 
30. Juli 2020 12. Oktober 2020

Der mit insgesamt 80.000 Euro dotierte EU Mies van der Rohe Award ist der wichtigste europäische Architekturpreis. Er ist ein Seismograf für das Architekturgeschehen und erweist sich in der aktuellen Ausgabe mit seinen FinalistInnen im Bereich Wohnbau, öffentlicher Raum sowie mit seinem Fokus auf Umbau statt Neubau als besonders tragfähig. Die Ausstellung "Europas beste Bauten" im Architekturzentrum Wien zeigt die 40 überzeugendsten Projekte aus den letzten zwei Jahren.

Die Covid19-Krise macht deutlich, wie wichtig guter Wohnbau ist, dazu neue Kombinationen von Wohnen und Arbeiten und insgesamt eine Stadt der kurzen Wege mit funktionierenden Nachbarschaften und großzügigen öffentlichen Räumen. Die aktuelle Ausgabe des biennal ausgetragenen EU Mies van der Rohe Awards wurde zwar schon 2019 juriert, aber seine architektonischen Antworten auf drängende gesellschaftliche Fragen könnten nicht aktueller sein. Der Hauptpreis geht an ein wegweisendes Wohnbauprojekt: eine radikale Transformation von drei Wohnblöcken aus den 1960er Jahren in Bordeaux durch die ArchtektInnen Lacaton & Vassal gemeinsam mit Frédéric Druot und Christophe Hutin. Die 530 Sozialwohnungen erhalten durch davor gestellte "Instant-Wintergärten" die räumliche Großzügigkeit "von Villen" – so ein Bewohner, wobei die architektonische Erweiterung auch als thermischer Puffer funktioniert und so gängige Fassadenisolierungen ersetzt. Die weiteren FinalistInnen reichen von der Neugestaltung des monumentalen Skanderbeg Platzes in Tirana, über die Verwandlung eines desolaten Pavillons in einer psychiatrischen Klinik im belgischen Melle zu einem vertikalen Freiraum bis zu neuen Kombinationen von Wohnen und Arbeiten in Berlin. Den Nachwuchspreis erhielt das junge französische Büro BAST für den Anbau zu einer Dorfschule in Montbrun-Bocage in der Nähe von Toulouse.

Aus den knapp 400 nominierten Projekten aus 36 europäischen Ländern wurden insgesamt 40 Projekte von einer hochkarätigen Jury unter Beteiligung der Architekturzetrum Wien Direktorin Angelika Fitz für die Ausstellung ausgewählt, darunter drei aus Österreich: die Bundesschule Aspern von "fasch&fuchs.architekten" und ein Wohnbau von "StudioVlayStreeruwitz" in Wien Floridsdorf sowie das Haus der Musik von Erich Strolz und Dietrich Untertrifaller in Innsbruck. Ergänzend werden die 15 Nominierungen mit österreichischer Beteiligung präsentiert.

In Zentrum der Jurydiskussionen standen die gesellschaftlichen Aufgaben der Architektur: Was kann gute Architektur zu den großen Fragen unserer Zeit beitragen, zum Umgang mit Ressourcen, zur Wohnungsfrage, zur Bodenfrage, zu Orten sozialer Begegnung? Nachhaltigkeit wird nicht mehr ausschließlich mit energetischen Standards und ressourcenschonenden Materialien in Verbindung gebracht, sondern mit einer kreativen Herangehensweise an bereits Vorhandenes. Der beste Beweis dafür ist, dass von den 40 Projekten, die auf die Shortlist gekommen sind und nun in der Ausstellung zu sehen sind, fast 20 Umbauten oder Erweiterungen sind.

Wenn ArchitektInnen die richtigen Fragen stellen und auf BauherrInnen, NutzerInnen und öffentliche Verwaltungen treffen, die ihr Gefühl der Dringlichkeit teilen, entstehen neue Möglichkeiten für ein gutes Leben. Der visionäre Charakter der ausgezeichneten Projekte aus ganz Europa dient als Orientierung, wenn nicht gar als Manifest für das Potenzial zeitgenössischer Architektur. Mit ihren anschaulichen Präsentationen, zahlreichen Modellen und Filmen hat die Ausstellung "Europas beste Bauten" auch dieses Jahr wieder das Zeug zum Publikumsmagneten.

Zum Mies van der Rohe Award

Hauptanliegen des Mies van der Rohe Awards ist die Anerkennung und Würdigung herausragender Verdienste im Bereich der Architektur innerhalb Europas. Der mit insgesamt 80.000 € dotierte Preis (Hauptpreis: 60.000 €, Nachwuchspreis: 20.000 €) wird für Projekte verliehen, deren innovativer Charakter als Orientierung für die Entwicklung zeitgenössischer Architektur dient. Der Nachwuchspreis versteht sich dabei auch als Förderung des Berufsstandes an sich und als Ermutigung für ArchitektInnen am Beginn ihrer Karriere. Mehr als 70 ExpertInnen aus 36 europäischen Ländern nominieren mit ihrem fachlichen Know-how und ihrer Kenntnis des lokalen Kontexts eine dichte Auswahl herausragender Projekte. Aus diesen knapp 400 Nominierungen wurden insgesamt 40 Projekte von einer hochkarätigen Jury – bestehend aus der Vorsitzenden Dorte Mandrup, George Arbid, Angelika Fitz, Stefan Ghenciulescu, Kamiel Klaasse, María Langarita und Frank McDonald – für die Ausstellung ausgewählt.

Die Europäische Kommission unterstützt mit ihrem Programm "Kreatives Europa" 2014 – 2020 den Kultursektor mit einem Budgetmittel von 1,46 Mrd. Euro für 7 Jahre. Die Unterstützung der Europäischen Kommission sorgt für höhere Visibilität des Mies van der Rohe Preises und ermutigt ArchitektInnen, stärker über die Grenzen hinaus zusammenzuarbeiten und transnationale Netzwerke zu bilden.

Zum Hauptpreis: Grand Parc in Bordeaux

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wohnungsknappheit in Europa vielerorts mit standardisierten Plattenbauten begegnet. Diese in die Jahre gekommenen Großwohnsiedlungen leiden heute unter einem schlechten Image. Sie müssen technisch, aber auch programmatisch saniert werden, um einen Abriss zu vermeiden. Gemeinsam mit Frédéric Druot und Christophe Hutin renovierten Lacaton & Vassal architectes mit minimalen, aber wirkungsvollen Eingriffen drei Wohnblöcke aus den späten 1960er Jahren in der Cité du Grand Parc in Bordeaux. Sie konnten der öffentlichen Wohnungsbaugesellschaft ein Umbauprojekt vorlegen, das weitaus wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer war als ein anfangs geplanter Neubau. Im Zentrum des Umbaus steht der Anbau von vorgefertigten Wintergärten, die sowohl als Klimaschicht als auch als Erweiterung des Wohnraums dienen. Dabei konnte der Großteil der bestehenden Struktur erhalten und die BewohnerInnen konnten während der extrem kurzen Umbauzeit in ihren Wohnungen bleiben. Das Projekt mit insgesamt 530 Wohneinheiten zeigt, dass Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit ressourcenschonend in das 21. Jahrhundert geführt werden können – bei gleichzeitiger Beibehaltung des Mietniveaus und Senkung der Energiekosten. "Früher wohnte ich in einem Kaninchenstall, jetzt bewohne ich ein Haus", so ein Langzeitmieter.

Die weiteren 4 FinalistInnen

Unter den FinalistInnen, die in der Ausstellung ausführlich vorgestellt werden, finden sich das Terrassenhaus Lobe Block in Berlin (DE) von "Brandlhuber+Emde, Burlon und Muck Petzet Architekten", ein radikales Beispiel für eine offene architektonische Struktur, in der die Verschmelzung von privatem und öffentlichem Raum zum lebendigen Experiment wird. Beim Projekt PC Caritas, einem Pavillon eines psychiatrischen Zentrums im belgischen Melle, realisieren "de vylder vinck taillieu" den Umbau einer Ruine zu einem mehrstöckigen öffentlichen Freiraum. Das Plasencia Auditorium und Kongresszentrum in Plasencia (ES) von "selgascano" erscheint als "optimistisches Gebilde" in einer strukturschwachen Region. Was im Vorbeifahren einer Chimäre zwischen Schein und Wirklichkeit gleicht, wird beim Betreten zum vielseitigen Ort für kulturelle und soziale Aktivitäten. Und in Tirana (AL) haben "51N4E" gemeinsam mit Anri Sala die lastende Monumentalität der kommunistischen Architektur durch die Neugestaltung des zentralen Skanderbeg Platz gebrochen. Dabei arbeiten die Architekten sowohl mit einer relationalen Erhöhung der menschlichen Perspektive beim Queren und Nutzen des Platzes als auch mit der "gemütlichen" Ausfransung seiner Ränder.

Nachwuchspreis: Erweiterung einer Dorfschule in Montbrun-Bocage

Der Preis für das beste Projekt eines jungen Büros geht an BAST aus Toulouse für den zurückhaltenden Um- und Anbau einer Dorfschule in Montbrun-Bocage (FR). Die neue Mensa rahmt einerseits die Intimität des Schulhofs und öffnet andererseits den Blick in die idyllische ländliche Umgebung.

Europas beste Bauten
30. Juli bis 12. Oktober 2020

Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1, im MQ
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52231-15
F: 0043 (0)1 52231-17
E: office@azw.at
W: http://www.azw.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  30. Juli 2020 12. Oktober 2020 /
Umbau von drei Wohnblöcken, 530 Wohnungen - Grand Parc Bordeaux, Bordeaux, FR, Architekten: Lacaton & Vassal architectes; Frédéric Druot Architecture und Christophe Hutin Architecture © Foto: Philippe Ruault
Umbau von drei Wohnblöcken, 530 Wohnungen - Grand Parc Bordeaux, Bordeaux, FR, Architekten: Lacaton & Vassal architectes; Frédéric Druot Architecture und Christophe Hutin Architecture © Foto: Philippe Ruault
Umbau von drei Wohnblöcken, 530 Wohnungen - Grand Parc Bordeaux, Bordeaux, FR, Architekten: Lacaton & Vassal architectes; Frédéric Druot Architecture und Christophe Hutin Architecture © Foto: Philippe Ruault
Umbau von drei Wohnblöcken, 530 Wohnungen - Grand Parc Bordeaux, Bordeaux, FR, Architekten: Lacaton & Vassal architectes; Frédéric Druot Architecture und Christophe Hutin Architecture © Foto: Philippe Ruault
Preis der europäischen Union für zeitgenössische Architektur – Mies van der Rohe Award 2019, Preisverleihung in Barcelona © Foto: Anna Mas
Preis der europäischen Union für zeitgenössische Architektur – Mies van der Rohe Award 2019, Preisverleihung in Barcelona © Foto: Anna Mas
E26 (Speisesaal einer Schule), Montbrun-Bocage, FR, Architekten: BAST © Foto: BAST
E26 (Speisesaal einer Schule), Montbrun-Bocage, FR, Architekten: BAST © Foto: BAST
PC Caritas, Melle, BE, Architekten: architecten de vylder vinck taillieu  © Foto: Filip Dujardin
PC Caritas, Melle, BE, Architekten: architecten de vylder vinck taillieu © Foto: Filip Dujardin
Plasencia Auditorium und Kongresszentrum, Plasencia, ES, Architekten: selgascano © Foto: Iwan Baan
Plasencia Auditorium und Kongresszentrum, Plasencia, ES, Architekten: selgascano © Foto: Iwan Baan
Skanderberg Square, Tirana, AL, Architekten: 51N4E; Anri Sala; Plant en Houtgoed; iRI © Foto: Filip Dujardin
Skanderberg Square, Tirana, AL, Architekten: 51N4E; Anri Sala; Plant en Houtgoed; iRI © Foto: Filip Dujardin
Terrassenhaus Berlin, Berlin, DE, Architekten: Brandlhuber+ Emde, Burlon and Muck Petzet Architekten © Erica Overmeer; David von Becker, im Rahmen des ARCH+ Features 78: Terrassenhaus Berlin
Terrassenhaus Berlin, Berlin, DE, Architekten: Brandlhuber+ Emde, Burlon and Muck Petzet Architekten © Erica Overmeer; David von Becker, im Rahmen des ARCH+ Features 78: Terrassenhaus Berlin