7. Juni 2010 - 2:36 / Bühne / Schauspiel 

In seiner Alkestis führt Euripides – schwankend zwischen Tragödie und Komödie - den menschlichen Traum von der Kontrolle über den Tod ad absurdum. Das früheste der Euripideischen Dramen (uraufgeführt 438 v. Chr.) ist seit dem 6. Februar 2010 in einer Inszenierung von Karin Henkel im Pfauen zu sehen.

Was wäre, wenn sich der Tod delegieren liesse? Admet, König von Thessalien, erhält von den Göttern diese Möglichkeit: Findet er einen Menschen, der für ihn zu sterben bereit ist, muss er nicht in den Tod gehen. Doch in Admets Verwandtschaft will niemand das Opfer bringen; selbst die alten Eltern, die auf ein erfülltes Leben zurückblicken können, wollen nicht für den Sohn sterben. Nur Admets noch junge Frau Alkestis ist zum stellvertretenden Tod bereit.

Jahre später aber, als Alkestis ihr Versprechen einlösen muss, steht sie ihrem Mann in der Stunde ihres Todes entfremdet gegenüber. Und auch Admet wird nicht mehr glücklich. Gerade weil er dem Tod ausgewichen ist, ist dieser nun umso präsenter – in den Erinnerungen an seine tote Frau, in den ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorwürfen der Mitmenschen, in seinen Selbstmordgedanken. Was wäre also, wenn man dem Tod noch einmal ein Schnippchen schlagen und die Tote wieder zu den Lebenden zurückkehren könnte?

Euripides gilt als der Zweifler unter den antiken Tragikern, in dessen Dramen der Glaube an das göttliche Walten ins Wanken gerät und die Pathologien der menschlichen Seele ins Zentrum treten. Auch im Drama Alkestis stellt er bohrende Fragen nach der Beherrschbarkeit des Todes, der auch im 21. Jahrhundert noch als schicksalshaft erlebt wird. Alkestis stirbt aus Liebe zu Admet, doch macht das stellvertretende Sterben Sinn? Der Verlust seiner Frau schmerzt Admet so sehr, dass erselber sterben will. Seinen alten Eltern wirft er vor, den Tod Alkestis‘ zugelassen zu haben, wird aber von seinem Vater als Mörder seiner Frau beschimpft: Admet, so der Vater, hätte das Opfer nie annehmen dürfen. "Alle Menschen müssen sterben,/und keinen Sterblichen gibt’s, der sicher weiss,/ob er am nächsten Tag noch leben wird", sagt Herakles, der gegen Ende Hoffnung in das Geschehen bringt und gleichzeitig die Sinnlosigkeit des Versuchs artikuliert, über den Tod bestimmen zu wollen.

Karin Henkel, geboren 1970 in Köln, inszenierte schon 1993 am Wiener Burgtheater. Es folgten Inszenierungen u.a. am Thalia Theater Hamburg, an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, am Schauspielhaus Bochum, am Schauspielhaus Zürich ("Woyzeck" 1999, "Das weite Land" 2004), am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und am Deutschen Theater Berlin. Ihre Stuttgarter Inszenierung "Platonow" wurde zum Theatertreffen 2006 nach Berlin eingeladen. Nach "Medea" (Deutsches Schauspielhaus in Hamburg) und "Iphigenie" (Schauspiel Köln) beschäftigt sie sich mit "Alkestis" zum dritten Mal mit einem antiken Stoff.

Alkestis von Euripides
Regie: Karin Henkel
Premiere: Sa 6. Februar 2010

Weitere Vorstellungen:
9./ 10./ 14./ 20./ 21./ 24./ 25. Februar
3./ 6./ 8./ 23./ 25. März 2010
1./ 10./ 12./ 16./ 17./ 21. April 2010
2./ 13./ 14./ 28. Mai 2010
10. Juni 2010

Schauspielhaus Pfauen
Rämistrasse 34
CH - 8001 Zürich

T: 0041 (0)44 258 72 39
F: 0041 (0)44 259 72 39
W: http://www.schauspielhaus.ch/

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