Eine neue Studie zum Thema Gletscher und Glazialgeologie liefert detaillierte Informationen über den aktuellen Gletscherschwund in Vorarlberg. Die Ergebnisse lassen schwerwiegende Folgen für das Leben und die Kultur im Alpenland befürchten.
Forschende der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben Gletscherumrisse seit Mitte der 2000er-Jahre analysiert und ein alarmierendes Bild des Eisrückgangs in den Alpen aufgezeigt.
Die in der internationalen Fachzeitschrift „Annals of Glaciology” veröffentlichte Studie „Mapping vanishing glaciers in Vorarlberg, Austria” zeigt, dass seit Mitte der 2000er-Jahre etwa die Hälfte der Vorarlberger Gletscherfläche verschwunden ist. In den letzten Jahren ging der Gletscherschwund besonders schnell voran. So sind im Zeitraum von 2017 bis 2023 einige Gletscher vollständig geschmolzen und die Gletscherfläche schrumpfte im Durchschnitt um fünf Prozent pro Jahr.
Die Daten basieren auf hochauflösenden Orthofotos und digitalen Höhenmodellen, die vom Land Vorarlberg zur Verfügung gestellt wurden und die Entwicklung der Gletscherlandschaft in vier alpinen Regionen Vorarlbergs systematisch dokumentieren. Die Kartierungen sind das Ergebnis eines Projekts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit dem Land Vorarlberg. Das Land verwendet die aktualisierten Gletschergrenzen im Zuge der Landesverwaltung und macht sie zugänglich.
„Die Ergebnisse aus Vorarlberg passen in das Bild, das wir auch aus anderen Regionen haben: Die Gletscher schrumpfen nicht nur, sondern verschwinden in einigen Fällen ganz”, so die Studienautor:innen Svenja Conzelmann, Bernd Seiser, Andrea Fischer, Marcela V. Lauria, Martin Stocker-Waldhuber, Giulia Bertolotti und Lea Hartl von der ÖAW in ihrer Publikation. In extremen Jahren erreichen die jährlichen Flächenverluste den hohen einstelligen Prozentbereich – mit steigender Tendenz.
„Dieser Prozess geht sehr, sehr schnell. Wir werden uns in den nächsten 10 bis 20 Jahren von zahlreichen Gletschern in ganz Österreich verabschieden müssen”, sagt Studien-Mitautorin Lea Hartl vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW. Die aktuellen Ergebnisse aus Vorarlberg ergänzen nationale und internationale Beobachtungen des Gletscherschwunds, der auch in anderen Alpenländern besonders stark ausgeprägt ist.
Auch die Zählung der vorhandenen Gletscher wird mit dem zunehmenden Zerfall schwieriger. „Wenn eine Verbindung zwischen einem Seitenarm und dem Hauptgletscher abreißt, entsteht ja kein neuer Gletscher“, sagt Hartl. „Außerdem sind kleine Eisreste oft von Schutt bedeckt und selbst in hochauflösenden Daten schwer zu erkennen.“ Ein digitales Geländemodell aus dem Jahr 2023 ermöglichte eine Analyse der Oberflächenveränderungen und gibt den Forschenden Hinweise auf Eis, das sich noch unter dem Schutt verbirgt.
Je nach Definition gelten solche Gletscherfragmente jedoch nicht mehr als Gletscher, da ihnen die Fließbewegung und ein firnbedecktes Nährgebiet fehlen. Mitte der 2000er-Jahre wurden in Vorarlberg noch 30 Gletscher inventarisiert. Fünf davon sind bis 2023 komplett verschwunden und viele der verbleibenden Gletscherreste gelten als Toteis, das nicht mehr fließt. Auch in den nächsten Jahren sind deutliche Änderungen im Landschaftsbild zu erwarten. Laut dem ÖAW-Team ist es wichtig, im Anschluss zu untersuchen, wie sich die ehemals vergletscherte Hochgebirgslandschaft weiterentwickelt und welche potenziellen Gefahren dort entstehen können.
Publikation
Conzelmann S, Seiser B, Lauria MV, et al. Mapping vanishing glaciers in Vorarlberg, Austria. Annals of Glaciology. 2026;67:e10.
DOI:10.1017/aog.2026.10044
Weiterführende Infos
Die Daten zu den Vorarlberger Gletschern sind visuell aufbereitet auf der Website der Abteilung Raumplanung und Baurecht des Landes Vorarlberg:
oeaw.eyepinnews.com/c3qoY83UNWNzUwg