Essaypreis des Philosophicum Lech: Die Philosophin Maria-Sibylla Lotter erhält den „Tractatus 2026”

Der Essaypreis des Philosophicum Lech gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen auf diesem Gebiet im deutschsprachigen Raum. Er würdigt herausragende Publikationen auf dem immer wichtiger werdenden Feld geistiger Auseinandersetzungen und Standortbestimmungen. Prämiert mit dem Tractatus 2026 wird die deutsche Philosophin Maria-Sibylla Lotter für ihr Buch „Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild“. „Präzis schärft Maria-Sibylla Lotter (…) unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt“, so ein Auszug aus der Jurybegründung.

Das im März im Hanser Verlag publizierte Werk fand starke mediale Resonanz, wobei die Autorin unter anderem für ihren betont ausgewogenen Blick auf eine aufgeregte Debatte gelobt wird. Mit ihrer scharfsinnigen Analyse historischer Hintergründe und ambivalenter Auswirkungen der Aufwertung des Opfers in der heutigen Gesellschaft und Debattenkultur geht Lotter dem Phänomen in seiner Vielschichtigkeit auf den Grund. Dazu die Jurybegründung: „Wenn der aktuelle Diskurs durch eine moralische Aufwertung des Opfers und seiner dramatisierten Klage bestimmt ist, stellt sich die Frage nach den Folgen für das soziale Miteinander. In ihrem Essay nähert sich Maria-Sibylla Lotter diesem brisanten Problem mit kühlem Kopf und sachlichem Engagement auf drei Ebenen. Da ist die Autorität des Opfers, die es nahezu sakrosankt macht, da ist die insbesondere durch die sozialen Medien dynamisierte Logik der Empörung, die grundsätzlich von einer Schuldvermutung ausgeht, und da ist vor allem die ‚Therapiemoral‘, die sich aus einer zunehmenden Pathologisierung psychischer Zustandsbilder ableitet. Der Opferbegriff, dem jeder Aspekt der Selbstbestimmung, des Sich-Opferns, abhandengekommen ist, tendiert dazu, unter rassistischer oder sexueller Diskriminierung Leidende in ihrem Selbstbild der Inferiorität zu fixieren.“

Die kritische Bestandsaufnahme von Maria-Sibylla Lotter zeichnet sich insbesondere durch den spezifischen diskursanalytischen Ansatz aus, wie die Jurybegründung hervorhebt. Mithilfe anschaulicher Beispiele aus dem öffentlichen Leben und ihrer privaten Erfahrung zeigt die Autorin, wie die gut gemeinte Erweiterung von Begriffen wie „Trauma“ oder „Gewalt“ zu einer Verengung der Debatte und des Handlungsspielraums führt, der einer Person oder Gruppe zugetraut und zugestanden wird. Lotter beschreibt das Einsickern radikaler akademischer Ideologiekritik in den gesellschaftlichen Mainstream, die erbitterte Rivalität von Opfergruppen und die Lähmung der demokratischen Streitkultur. Der emanzipatorische Impuls der Veränderung, so ihre Diagnose, ist in den letzten Jahrzehnten von den realen Verhältnissen in die Sprache gewandert. Dass sie folgerichtig Diskursgeschichte als Begriffsgeschichte ins Visier nimmt, ist das größte Verdienst ihres glasklar formulierten Buches. Präzise schärft Maria-Sibylla Lotter mit dem einschlägigen Vokabular auch unseren Blick für die Gefahren eines Menschenbildes, das nur noch Opfer und Täter kennt und keinen Raum für Ambivalenz und Selbstermächtigung lässt.

Der 2009 auf Anregung des Schriftstellers Michael Köhlmeier, Mitbegründer des Philosophicum Lech, ins Leben gerufene Tractatus versteht sich als ein Beitrag zur Standortbestimmung in philosophisch und gesellschaftlich relevanten Diskursen. Durch die Auszeichnung soll der philosophischen Essayistik im Allgemeinen und dem prämierten Werk im Besonderen mehr Aufmerksamkeit zuteil werden und die erstrangige Leistung der Autorin bzw. des Autors gebührend gewürdigt werden. Von der gewichtigen Bedeutung als profunde kritische Zeitdiagnose und der beachtlichen thematischen Bandbreite brillanter philosophischer Essayistik zeugt die Liste der bisherigen Preisträger:innen und ihrer Werke.

Maria-Sibylla Lotter, geboren 1961 in Kassel, studierte in Freiburg, Berlin und St. Louis Philosophie, Religionswissenschaft und Ethnologie. 2010 habilitierte sie sich an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich. Seit 2014 lehrt sie als Professorin für Ethik und Ästhetik an der Ruhr-Universität Bochum. Daneben schreibt sie regelmäßig für die NZZ und Die Zeit. Auch ihre beiden Bücher „Schuld und Respekt. Über die Praxis der Vergeltung und Versöhnung“ (Suhrkamp, 2024) sowie „Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral“ (Suhrkamp, 2012) fanden in Fachkreisen und bei den Lesern große Anerkennung.

Zur feierlichen Verleihung des Tractatus 2026 wird am Freitag, den 25. September 2026 um 21 Uhr in die Lechwelten geladen. Der Festakt mit Laudatio von Jurymitglied Daniela Strigl und Dankesrede der Preisträgerin Maria-Sibylla Lotter wird musikalisch vom Trio Tractatus umrahmt. Das Ensemble wird eigens für diesen Anlass geschaffene Tonstücke des Vorarlberger Komponisten Marcus Nigsch zum Besten geben. Die Veranstaltung bildet das alljährliche Highlight des Rahmenprogramms des 29. Philosophicum Lech, das dieses Jahr unter dem Titel „Betreutes Denken. Die neue Lust an der Unmündigkeit” steht. Vom 22. bis 27. September werden namhafte Vortragende aus dem gesamten deutschsprachigen Raum die hochaktuelle Thematik unter unterschiedlichsten Gesichtspunkten erörtern und mit dem Publikum diskutieren. Den Auftakt als kritische Gegenwartsanalyse, die unabhängig vom Jahresthema ist, geben am Dienstag, den 22. September 2026, die „Philosophicum-Dialoge“.

Weitere Informationen unter ↗ www.philosophicum.com.